Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2513 / B-2125 / C-2009
Notiert: Der Arzt als Heiland
AKTUELL
![]() Der Bildhauer Rudolf Siemering schuf die Bronzeplastik des
Augenarztes von Graefe. Sie wird zurzeit restauriert.
Foto: Büro Haan
Mancher Besucher der Charité merkt erst jetzt, dass die Ecke Luisen- und Schumannstraße ein ausladendes Denkmal ziert. Zurzeit ist es durch große Planen verhüllt, auf denen das Objekt nur abgebildet ist, und das fällt ins Auge. Gewidmet ist es dem Erneuerer der Augenheilkunde Albrecht von Graefe (1828 bis 1870) und wurde zwölf Jahre nach dessen Tod mit Spenden aus aller Welt errichtet. Das Denkmal, im Stil der Renaissance, zeigt überlebensgroß und in Bronze von Graefe, flankiert von zwei farbigen Terrakottareliefs. Auf dem linken Flügel sind verzweifelte Menschen, auf dem rechten glückliche Patienten zu sehen. Der berühmte Augenarzt hat sie geheilt, ihm gelten Dank und Verehrung. Assoziationen von Verdammnis und Erlösung kommen auf. Von Graefe operierte als Erster den grünen Star, in seinem kurzen Leben (er starb mit 42 an Tuberkulose) soll er mehr als 10 000 Operationen vorgenommen haben, viele Augenkrankheiten sind noch heute nach ihm benannt. Er war weltberühmt, ein Held der Wissenschaft und Helfer der Menschheit. Praktiziert hatte von Graefe von 1852 an in der Karlstraße, heute Reinhardtstraße, unweit der Charité. Nach seinem Tod führte sein Schüler Julius Hirschberg (1843 bis 1925) die Augenheilanstalt fort, errichtete 1908, als das Gebäude baufällig wurde, eine neue und übergab sie später – Hirschberg wandte sich zunehmend der Medizingeschichte zu – seinem Schüler Wilhelm Mühsam. Der konnte sie bis 1936 halten, dann vertrieben ihn die Nazis (Weiteres dazu: „Sog in die Hauptstadt“ von Sabine Rieser, DÄ, Heft 47/1999). Heute sind in der ehemaligen Augenheilanstalt der Bundesverband der Freien Berufe und (unter anderen) die Berliner Redaktion des Deutschen Ärzteblattes untergebracht. Zurück zu von Graefe und dessen Denkmal. Die Bronzeplastik schuf der Königsberger Bildhauer Rudolf Siemering (1835 bis 1905). Die gesamte Anlage, die als schönstes Ärztedenkmal Berlins gilt, geht auf die Architekten Martin Gropius (1824 bis 1880) und Heino Schmieding (1835 bis 1913) zurück. Sie sind ansonsten durch Krankenhausbauten hervorgetreten. Aber nicht nur dadurch: der Martin-Gropius-Bau, der heute viele Berlinbesucher anzieht, stammt von jenem Gropius. Er war übrigens ein Onkel des Bauhausarchitekten Walter Gropius. Das Bauen lag offenbar in der Familie. Zum 103. Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, verbunden mit dem 15. Europäischen Ophthalmologenkongress, soll von Graefes Denkmal restauriert sein. Vom 25. bis 29. September werden in Berlin 8 000 Augenärzte erwartet. Norbert Jachertz |
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