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Dtsch Arztebl 2004; 101(50): A-3414 / B-2888 / C-2735
Riedesser, Peter; Verderber, Axel
Maschinengewehre hinter der Front
BÜCHER
Militärpsychiatrie
Hauptsache kriegsdienstfähig
Peter Riedesser, Axel Verderber: Maschinengewehre hinter der Front. Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie. Reihe Wissenschaft, Band 75. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main, 2004, 248 Seiten, kartoniert, 24 €
Beschrieben wird die Retraumatisierung der unter den schweren Erschütterungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges leidenden und psychisch auffällig gewordenen Soldaten durch die frontnahe, militärpsychiatrische Behandlung deutscher Nervenärzte. Übereifrig suchten diese nach möglichst effektiven Behandlungsmethoden mit dem Ziel, den Kranken rasch und beinahe um jeden Preis an die Front zurückzuschicken. An die Stelle der Achtung des gesundheitlichen Wohls des Einzelnen trat die Identifizierung einer Reihe von neuropsychiatrischen Ärzten (darunter Koryphäen und Lehrstuhlinhaber wie O. Bumke in München und H. Bürger-Prinz in Hamburg) mit dem Krieg führenden Regime, seinem Militär, zuletzt auch seiner Justiz. Endlich war die Chance zu einer Aufwertung des Gebiets „Nervenheilkunde“ gegeben, aber auch zu (missbräuchlichem) Machtzuwachs des Behandelnden sowie zum eher unbewussten Ausleben sadistischer Wünsche und Impulse.
Die mal subtilen, mal offen brutalen Behandlungsmethoden aus dem Ersten Weltkrieg (erprobt an den „Kriegszitterern“) erfuhren im Zweiten Weltkrieg, insbesondere nach Stalingrad, eine erhebliche Verschärfung. Schon der Verdacht einer psychisch bedingten oder einer die Somatik überlagernden ängstlich-phobischen Wehrunwilligkeit genügte für die Anwendung immer höherer galvanischer Stromstöße (Todesfälle wurden bedauernd in Kauf genommen). Eine gleichzeitige machtvolle Suggestion zielte auf die Kriegstauglichkeit des Patienten ab. Die abschreckenden Alternativen hießen frontnahe Sonderabteilung oder Konzentrationslager, zuletzt Auslieferung an das Militärgericht, was einem Todesurteil gleich kam. Das letzte Kapitel des Buches macht deutlich, wie glimpflich die meisten beteiligten Ärzte davonkamen und nach milden Urteilen (wenn überhaupt) auf ihre alten Posten zurückkehren konnten. Es wirft außerdem ein Licht auf die Anfänge der heutigen Bundeswehrpsychiatrie.
Das Buch klärt detailliert auf, beschreibt weitgehend sachlich und bewirkt doch Fassungslosigkeit und Empörung. Nur das Erkennen
der eigenen Verführbarkeit kann – vielleicht – ein nächstes Mal verhindern.
Katrin Wehmeyer-Münzing
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