Dtsch Arztebl 1997; 94(30): A-1996 / B-1684 / C-1580
Politische und medizinische Dimensionen des Tabakrauchens: Unklare Epidemiologie des Passivrauchens
THEMEN DER ZEIT: Forum
Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Rainer Tölle in Heft 19/1997 Schon in den 70er Jahren hat Prof. Schäfer darauf hingewiesen, daß zwar das Risiko eines Rauchers,
an Lungenkrebs zu erkranken, deutlich höher ist als das eines Nichtrauchers, dennoch liege es unter einem
Prozent. Prof. Keil hat 1992 auf den bedeutsamen Zusammenhang zwischen Ernährung und Rauchen
aufmerksam gemacht. So zeigt insbesondere ein Land mit großer Raucherprävalenz und hohem Pro-KopfVerbrauch an Zigaretten wie Japan gleichzeitig die höchste Lebenserwartung weltweit. Seine Erklärung: die
fettarme Ernährung kompensiere offenbar die Rauchgewohnheiten vollständig (1). Wissenschaftlich kontrovers
ist auch nach wie vor die Frage der gesundheitlichen Bedeutung des Passivrauchens. Unstrittig ist, daß alle
vorliegenden epidemiologischen Studien erhebliche Schwachstellen aufweisen und mehr als Dreiviertel nicht
signifikant sind (2). Wenn selbst die Internationale Krebsforschungsagentur LARC in Lyon eine Umkehr der
Beweislast fordert, daß ihre Kritiker den wissenschaftlichen Beweis für die Unschädlichkeit des Passivrauchens
führen sollen (3), zeigt dies den tatsächlichen Sachstand. Auch der führende englische Epidemiologe Richard
Peto ist sicher, daß die Epidemiologie nicht den Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen
Passivrauchen und Lungenkrebs erbringen kann (4). Neuere Expositionsstudien, in denen nichtrauchende
Probanden über 24 mit Hilfe am Körper getragener Personal Monitors Tabakrauchbestandteile aufnehmen,
ergeben als realistische durchschnittliche Belastung am Arbeitsplatz in etwa den Gegenwert von 3,5 aktiv
gerauchten Zigaretten pro Jahr (5). Man darf bezweifeln, ob dies eine Gesundheitsgefahr darstellen kann.Halbwahr ist auch die Behauptung, durch Steuererhöhungen von Tabakwaren werde ein Rückgang des Konsums erreicht. In Kanada gab es zwar nach einer deutlichen Verteuerung von Zigaretten über Steuererhöhungen einen Rückgang des Absatzes, aber nicht des Konsums. Vielmehr wurde so dramatisch geschmuggelt, daß die Finanzbehörden die Steuer wieder senkten. Es scheint auch problematisch, Werbeaufwendungen für Zigaretten mit öffentlichen Kampagnen gegen das Rauchen zu vergleichen. Gesundheitsaufklärung in den Schulen, in Betrieben und Kurkliniken würden, wenn man sie in DM bezifferte, weit die Werbeausgaben übersteigen. Wenn man die Zeit beziehungsweise den Platz addiert, den die Berichterstattung über die Folgen des Rauchens im Fernsehen oder der Presse einnimmt, käme man erst zur richtigen Relation. Hinzu kommen die vielfältigen Bemühungen der Ärzteschaft und der Krankenkassen. Positiv ist doch zu vermerken, daß der Anteil rauchender junger Menschen deutlich zurückgeht und immer mehr junge Menschen nicht einmal auch nur eine Zigarette probieren (6). Aufklärung und Erziehung zeigen also Erfolge.
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