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| dpa |
Sutton - Eine randomisierte kontrollierte Studie des britischen Institute of Cancer Research kommt zu dem Ergebnis, dass ein Brustkrebsscreening ab dem 40. Lebensjahr die Brustkrebssterblichkeit um 17 Prozent senkt, bei einer Teilnahme aller Frauen könnten es 24 Prozent sein. In beiden Auswertungen wurde das Signifikanzniveau jedoch verfehlt, weshalb die ersten Reaktionen auf die im Lancet publizierte Studie (2006; 368: 2053-2060) negativ ausfielen.
In Großbritannien, dem weltweit ersten Land, das bereits 1988 eine landesweite Brustkrebsfrüherkennung mit Mammographie ab dem 50. Lebensjahr eingeführt hatte, wurde 1991 mit einer groß angelegten Studie begonnen. Sie sollte untersuchen, ob ein Screening bereits ab dem Alter von 40 Jahren sinnvoll ist. 160.900 Frauen im Alter von damals 39 bis 41 Jahren wurden im Verhältnis 1 zu 2 auf eine jährliche Mammographie oder eine reine Beobachtung randomisiert. Inzwischen haben die Frauen das Alter von 50 Jahren erreicht, ab dem allen Frauen in Großbritannien die Mammographie angeboten wird. Für die Gruppe um Sue Moss vom Institute of Cancer Research in Sutton, ein geeigneter Zeitpunkt die bisherigen Daten auszuwerten.
Danach reduzierte nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 10,7 Jahren das Screening das Risiko, an Brustkrebs zu sterben um 17 Prozent (Relatives Risiko RR 0,83; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,66-1,04). Die absolute Risikoreduktion beträgt 0,40 vermiedene Brustkrebstodesfälle auf 1.000 zum Screening eingeladene Frauen. Mit anderen Worten: Etwa 2.500 Frauen müssten eingeladen werden, um eine Frau vor einem Brustkrebstod zu retten (Number needed do screen, NNS). Wobei der Erfolg nicht sicher ist, da die Ergebnisse das Signifikanzniveau verfehlten. Dies ist auch dann noch der Fall, wenn jene Frauen, die nicht oder nicht an allen Untersuchungen teilnahmen, aus der Berechnung herausgenommen wurden. Die relative Reduktion betrug dann 24 Prozent (RR 0,76; 0,51-1,01).
Damit dürfte für Großbritannien die Einführung des Screenings ab dem 40. Lebensjahr – wenigstens vorerst – gescheitert sein. John Toy, der Leiter von Cancer Research UK, dem größten britischen Krebsforschungszentrum, erklärte gegenüber der Presse: „Die Studien liefern keinen definitiven Beweis, dass Frauen in den 40ern in das NHS Screening Programme aufgenommen werden sollten.“ Diese Einschätzung ist nicht endgültig, vielleicht, so Toy, zeige sich später einmal ein Vorteil, doch derzeit sei er eben nicht erkennbar.
Damit dürften dem staatlichen Gesundheitsdienst (NHS) zusätzliche Kosten erspart bleiben, welche die Erweiterung des Breast Screening Programme mit sich gebracht hätten. Derzeit gibt der NHS insgesamt 75 Millionen Pfund pro Jahr für die Brustkrebsfrüherkennung mittels Mammographie aus. Sie dürften allerdings durch die Ausweitung des Endalters auf 70 Jahre für Einladungen zum Screening steigen.
Vielen jüngeren Frauen dürften nun die Sorgen und Ängste und auch die Belastung durch Nachuntersuchungen erspart bleiben, die sich aus falschpositiven Ergebnissen in der Mammographie ergeben. In der Studie kam es immerhin bei 23 Prozent der 17.030 regelmäßig Untersuchten wenigstens zu einem falschpositiven Ergebnis – mehr als die geschätzten 12 Prozent bei über 50-jährigen Frauen, die derzeit im nationalen Vorsorgeprogramm regelmäßig untersucht werden. Weitere mögliche gefährdende Effekte der Vorsorgeuntersuchungen beinhalten das Risiko eines strahlungsinduzierten Brustkrebses. Die Autoren schätzen jedoch, dass der Anteil jener Frauen, bei denen dieses Risiko den Nutzen aufwiegt, wohl sehr klein wäre.
Möglich ist aber dennoch, dass das Brustkrebsscreening nützt. Die britische Studie ist nämlich nicht die erste, welche den Wert der Mammographie untersucht hat. Die Ergebnisse der jetzigen Studie stützen, auch wenn das Signifikanzniveau verfehlt wurde, die Tendenz der anderen 9 Studien, von denen 7 zu einem positiven Ergebnis gekommen waren. Mit der aktuellen sind es 8 von 10 Studien, was die Autoren zu einer Meta-Analyse veranlasst hat. Ergebnis: Das frühe Screening senkt die Brustkrebssterblichkeit um 16 Prozent (RR 0,84), bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,74-0,95 ein signifikantes Ergebnis.
Es lässt sich leicht vorhersagen, dass dies nicht die letzte Analyse zu diesem Thema gewesen ist. Den Beweis liefert das Editorial von Benjamin Djulbegovic vom H. Lee Moffitt Cancer Center & Research Institute in Tampa/Florida (Lancet 2006; 368: 2035-2037). Er fasst in seiner Analyse, basierend auf der Meta-Analyse von Moss, die Vorteile des Screenings in einer NNS von 1.894 zusammen, dem eine Number needed to Harm (NNH) von 6.456 gegenüber steht. Den möglichen Schaden sieht Djulbegovic allerdings ausschließlich in einer durch die Mammographie ausgelösten erhöhten Brustkrebsrate (die psychologischen Ängste infolge falschpositiver Befunde lassen sich kaum in Zahlen fassen), wobei seine Zahl bereits die Einführung der digitalen Mammographie berücksichtigt. Auch dies dürften nicht die letzten Zahlen in dieser seit Jahren umstrittenen Debatte gewesen sein. © rme/aerzteblatt.de