Philadelphia – Nach Einführung der Kernspintomografie im präoperativen Staging stieg an einem US-Zentrum der Anteil der Patientinnen, bei denen statt einer brusterhaltenden Lumpektomie eine Mastektomie durchgeführt wurde. Außerdem kam es zu Verzögerungen in der Therapie, beklagten Mediziner jetzt auf dem Breast Cancer Symposium der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Washington.
Wohl wegen der im Vergleich zur Mammografie besseren Darstellung von Brustgewebe und Tumoren ziehen Chirurgen immer häufiger eine Kernspintomografie bei der Operationsplanung zu Rate. Am Fox Chase Cancer Center in Philadelphia, einer der führenden Krebskliniken des Landes, verdoppelt sich derzeit jedes Jahr die Zahl der Kernspintomografien, berichten Richard Bleicher und Mitarbeiter.
Vor allem bei jüngeren Patientinnen gehen die Chirurgen lieber auf „Nummer sicher“. Einen Beleg aus klinischen Studien, dass die Kernspintomografie die Operationsplanung und -ergebnisse verbessern kann, gebe es jedoch nicht, sagt Bleicher. Seine retrospektive Auswertung von 577 Patientinnen, die während zweieinhalb Jahren an der Klinik operiert wurden, deutet sogar an, dass die Kernspintomografie Nachteile für die Patientin haben kann.
Die Nachteile betreffen zum einen die Radikalität der Operation: Nach einer Kernspintomografie entscheiden sich Ärzte und Patientinnen beinahe doppelt so häufig für eine Mastektomie (Odds Ratio 1,97; p=0,012), ohne dass Unterschiede in Tumorgröße und -stadium oder andere Risikofaktoren wie eine positive Familienanamnese auf Mamma- oder Ovarialkarzinom Anlass für einen größeren Eingriff geben würden.
Ein Vorteil könnte die Kernspintomografie haben, wenn sie die Zahl der Operationen senken würde, in denen am Operationsrand Tumorzellen gefunden werden. Dies war indes nicht der Fall. Die Häufigkeit positiver Randschnitte war sogar tendenziell höher (21,6 Prozent vs. 13,9 Prozent; p=0,10), wenn präoperativ eine Kernspintomografie durchgeführt wurde. Auch die Zahl der Patientinnen, bei denen die Chirurgen während der Operation von einer Lumpektomie auf eine Mastektomie wechselten, war nach Kernspintomografie tendenziell höher (9,8 vs. 5,8 Prozent, p=0,40).
Als zweiter Nachteil kommt hinzu, dass die Kernspintomografie die Dauer bis zur Operation im Durchschnitt um 24,6 Tage, also mehr als drei Wochen, verlängerte. Für Bleicher gibt es deshalb derzeit keinen Grund für eine routinemäßige präoperative Kernspintomografie, was nicht ausschließt, das sie im Einzelfall sinnvoll sein kann. Doch die Grenzen für den Einsatz der Untersuchung seien derzeit noch nicht klar genug definiert, beklagt Bleicher. © rme/aerzteblatt.de