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| dpa |
Exeter – Mehr als neun von zehn Menschen haben Bisphenol A (BPA) im Urin. Der Bestandteil vieler Lebensmittelverpackungen war in einer Querschnittsstudie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2008; 300: 1303-1310) mit einer erhöhten Rate von Leberenzymerhöhungen, Typ-II-Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert. Die Zulassungsbehörden halten einen kausalen Zusammenhang nicht für gesichert und sehen deshalb keinen Handlungsbedarf.
BPA ist Baustein (Monomer) und damit Hauptbestandteil von Polycarbonat-Kunststoffen, aus denen zum einen Plastikschüsseln und Babyfläschchen bestehen. Zum anderen ist ist BPA in Kunstharzen enthalten, mit denen Konservendosen beschichtet sind. Die Weltjahresproduktion von BPA beträgt mehr als zwei Millionen Tonnen und steigt derzeit um sechs bis zehn Prozent pro Jahr. BPA wird, vor allem beim Erhitzen, in geringer Menge freigesetzt, weshalb in der Vergangenheit bereits Bedenken zur Sicherheit von Babyflaschen geäußert wurden. Denn BPA hat nachgewiesenermaßen eine östrogenähnliche Wirkung.
Es steht deshalb prinzipiell im Verdacht, Gesundheit und Erbgut zu schädigen. Dies lässt sich auch in tierexperimentellen Studien nachweisen. Deren Relevanz für den Menschen ist jedoch umstritten, zumal BPA im menschlichen Organismus schneller als bei den Versuchstieren abgebaut wird. Behörden verschiedener Länder haben in den letzten Jahren Risikobewertungen durchgeführt. Dieser Tage hatte auch die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) zu einer Expertentagung geladen.
Zeitgleich erschien die Publikation von David Melzer von der Peninsula Medical School in Exeter/England und Mitarbeitern, welche die Daten der US-National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) ausgewertet haben. Bei NHANES handelt es sich um regelmäßige Querschnittsstudien zum Gesundheitszustand der US-Bevölkerung.
In der Stichprobe 2003/2004 war bei 1.455 Erwachsenen im Alter von 18 bis 74 Jahren auch die Konzentration von BPA im Urin gemessen worden. Die Resultate haben Melzer und Mitarbeiter mit Krankheiten (Angaben der Teilnehmer) und den Laborwerten (Blutuntersuchung) in Beziehung gesetzt.
Ergebnis: Teilnehmer mit erhöhten BPA-Konzentrationen im Urin leiden häufiger unter Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie hatten außerdem erhöhte Leberwerte. Pro Standardabweichung der BPA-Werte stieg in einem rechnerischen Modell, das unter anderem Alter und Geschlecht berücksichtigte, das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 39 Prozent (Odds Ratio 1,39; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,18-1,63).
Die gleiche Odds Ratio von 1,39 (1,21-1,60) wurde für Diabeteserkrankungen gefunden. Für das Leberenzym gamma-Glutamyltransferase betrug die Odds Ratio (wiederum pro Anstieg des BPA um eine Standardabweichung) 1,29 (1,14-1,46) und für die Alkalische Phosphatase 1,48 (1,18-1,85).
Dies seien Ergebnisse, welche die FDA und die European Food Safety Authority nicht ignorieren könne, meint der Editorialist Frederick vom Saal von der University von Missouri in Columbia, der selbst Forschungen zu BPA durchgeführt hat und von der Gefährlichkeit der Substanz überzeugt ist (JAMA 2008; 300: 1353-1355).
Die von der FDA geladenen Experten äußerten sich Medienberichten zufolge zurückhaltend zu den Ergebnissen der Studie, die nicht zu ihren Tagungsunterlagen gehörte. Sie wiesen sicherlich zu Recht darauf hin, dass eine Querschnittsstudie keine Kausalität herstellen könne. Außerdem sei die Zahl der Erkrankungen (nur 79 Personen gaben Herzkreislaufleiden an) zu gering, um zu verlässlichen Schlüssen zu gelangen, obwohl die Assoziationen signifikant waren.
Kritisiert wurde auch die fehlende biologische Plausibilität bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, während es hinsichtlich des Diabetesrisikos tierexperimentelle Befunde gibt, die auf eine mögliche Schädigung der Betazellen hinweisen. Es handelt sich jedoch um erste Reaktionen und es bleibt abzuwarten, wie die Behörden nach der genauen Lektüre reagieren werden.
Die Debatte um BPA wird seit mehreren Monaten geführt. Als bisher einzige Behörde hat Health Canada die Verwendung von BPA eingeschränkt. Seit dem Frühjahr sind in Kanada Babyflaschen aus Polycarbonat-Kunststoffen verboten. © rme/aerzteblatt.de