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Tanzmedizin: Maximale Anforderungen

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): A-1835 / B-1489
KULTUR
Wanke, Eileen M.; Groneberg, David A.
Die Bewegungselemente des professionellen Tanzes liegen oft jenseits der 
Alltagsbewegungen. Foto: Jörg Mannes, Staatsoper Hannover
Die Bewegungselemente des professionellen Tanzes liegen oft jenseits der Alltagsbewegungen. Foto: Jörg Mannes, Staatsoper Hannover

In der Medizin für Tänzer geht es um den Erhalt, die Verbesserung und Wiederherstellung der Gesundheit von Tänzern aller Tanzrichtungen.

Professionelle Bühnentänzer und -tänzerinnen sind die Hochleistungssportler in der darstellenden Kunst. Zu ihren Aufgaben gehört es, klassische und moderne Tanzrollen beziehungsweise Tanzeinlagen in Balletten, Musicals, Opern und Operetten zu gestalten und zu reproduzieren. Eine lange Ausbildungszeit steht dabei einer auf wenige Jahre begrenzten beruflichen Karriere als Tänzer gegenüber.

Die Anforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit und das ästhetische Idealbild in Training, Proben und Vorstellungen sind im professionellen Bühnentanz maximal. Anders als in anderen Berufsgruppen gibt es jedoch kaum den Arbeitsprozess erleichternde Arbeitsmittel. Studien zeigen, dass sich jeder zweite Tänzer im Verlauf einer Saison mindestens einmal im Rahmen eines Unfalls akut verletzt. Dazu kommen unzählige chronische Schäden infolge ausbildungs- oder berufsbegleitender Fehl- und Überlastungen des Bewegungssystems. Kein Wunder. Denn die Bewegungselemente des professionellen Tanzes liegen oft jenseits der Alltagsbewegungen. Rechnet man die nahezu unbegrenzten choreografischen Bewegungsideen hinzu, entsteht als Folge dieser Kombination ein mitunter unkontrollierbares Gefährdungspotenzial für akute Verletzungen und chronische Schäden am Bewegungsapparat. Da auch geringe körperliche Einschränkungen nicht kompensiert werden können, sind erhebliche Behinderungen in der Berufsausübung bis hin zu einer dauerhaften Berufsunfähigkeit die Folge.

Die historisch bedingte Einstufung des Tanzes als Kunstform, die hohe Spezifität dieses Berufsbildes, die steigende Beliebtheit und die hohen Belastungen sind nur einige Gründe für die Notwendigkeit der Tanzmedizin. Diese beschäftigt sich mit dem Erhalt, der Verbesserung und der Wiederherstellung der Gesundheit von Tänzer und Tänzerinnen aller Tanzrichtungen. Sie hat die Aufgabe, nach Verletzungen die Gesundheit von Tänzerinnen und Tänzern wiederherzustellen. Neben dem professionellen Bühnentanz gehören auch Hobbytänzer sowie die Unterrichtenden zum Arbeitsfeld der Tanzmedizin.

Bereits 1824 hat P. E. Remy in Paris (1) die wohl erste Dissertation zu einem tanzmedizinischen Thema publiziert. In Deutschland scheint die erste deutschsprachige Dissertation 1948 (2) entstanden zu sein, zu einem heute noch immer aktuellen Thema – der Mangelernährung im Tanz. Wann der Begriff „Tanzmedizin“ im deutschsprachigen Raum geprägt wurde, ist abschließend noch nicht geklärt. Der Begriff „Ballettmedizin“ ist dagegen schon länger bekannt. Dieser wurde bereits vom Schweizer Orthopäden Dr. med. Joseph Huwyler, Begründer der deutschsprachigen Tanzmedizin und Autor des ersten deutschsprachigen Buches zu dieser Thematik (3), sowie der Arbeitsgemeinschaft Ballett des Berliner Bühnenambulatoriums der Berliner Bühnen in der DDR in den 1970er Jahren genutzt. Spätestens seit der Gründung der deutschen Organisation „Tanzmedizin Deutschland“ (tamed) im Jahr 1997 (www.tamed.de) etabliert sich der Begriff Tanzmedizin zunehmend. Begonnen mit sieben Gründungsmitgliedern im Jahr 1997, liegt die Mitgliederzahl bei tamed inzwischen bei circa 500.

Dieses steigende Interesse an tanzmedizinischen Fragestellungen und die Daseinsberechtigung der „Medizin für Tänzer“ wird nicht zuletzt durch die zunehmende Anzahl nationaler und internationaler Publikationen (47), Fachkongressen sowie der Gründung eines tanzspezifisch nach Verletzungen rehabilitierenden Kompetenzzentrums verdeutlicht. Die Frage „Ach, Sie sind Tänzer… und was machen Sie beruflich…?“ kann damit als längst überholt gelten.

Dr. med. Eileen M. Wanke,
Prof. Dr. med. David A. Groneberg
Kontakt: eileen.wanke@charite.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/3712

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