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Zusammenhang von beruflich bedingter Sonnenexposition und hellem Hautkrebs

Dtsch Arztebl Int 2012; 109(43): 715-20; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0715
MEDIZIN: Übersichtsarbeit
Fartasch, Manigé; Diepgen, Thomas Ludwig; Schmitt, Jochen; Drexler, Hans
Abteilung für klin. & exp. Berufsdermatologie, Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV,
Ruhr-Universität Bochum (IPA): Prof. Dr. med. Fartasch
Abteilung klinische Sozialmedizin, Universitätsklinikum Heidelberg: Prof. Dr. med. Diepgen
Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Technischen Universität Dresden, und Zentrum für evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV), Universitätsklinikum Dresden: Prof. Dr. med. Schmitt
Institut für Arbeits- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg:
Prof. Dr. med. Drexler

Hintergrund: Die kumulativ einwirkende solare ultraviolette (UV) Strahlung ist für die weltweite Zunahme der nichtmelanozytären Hautkarzinome verantwortlich. Dazu zählen Plattenepithelkarzinome und deren Frühformen – die aktinischen Keratosen – sowie Basalzellkarzinome. Nichtmelanozytäre Hautkarzinome stellen die häufigste Krebserkrankung in Regionen mit hellhäutiger Bevölkerung dar. An vielen Außenarbeitsplätzen ist eine erhöhte beruflich bedingte Exposition gegenüber UV-Strahlung gegeben. Neuere Untersuchungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen Außenarbeitsplätzen und der Entstehung von nichtmelanozytärem Hautkrebs hin.

Methoden: Basierend auf einer selektiven Literaturrecherche werden die Erkenntnisse zur beruflich und außerberuflich bedingten Exposition gegenüber UV-Strahlung sowie die Ergebnisse von Metaanalysen zum Zusammenhang zwischen Außentätigkeiten und dem vermehrten Auftreten von nichtmelanozytärem Hautkrebs dargestellt. Zudem wird eine Übersicht über Empfehlungen zur Prävention und Begutachtung gegeben.

Ergebnisse: Die aktuellen Metaanalysen belegen, dass konsistent ein signifikant erhöhtes Risiko zwischen Außentätigkeit und Plattenepithelkarzinomen besteht (Odds Ratio [OR]: 1,77; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-Kl]: 1,40–2,22; p < 0,001). Bei Basalzellkarzinomen deutet die Studienevidenz zwar ebenfalls auf eine Risikoerhöhung hin (OR: 1,43; 95-%-KI; 1,23–1,66; p = 0,0001) – die Studienergebnisse sind jedoch weniger einheitlich, der Effekt ist weniger deutlich.

Schlussfolgerung: Der Zusammenhang zwischen beruflich bedingter solarer UV-Exposition und Plattenepithelkarzinomen einschließlich aktinischer Keratosen ist hinreichend belegt, so dass bei entsprechendem Verdacht eine Berufskrankheitenanzeige nach § 9 Abs. 2 der Berufskrankheitenverordnung gestellt werden sollte. Präventionsmaßnahmen für Beschäftigte mit erhöhter beruflich bedingter UV-Strahlenbelastung sind dringend erforderlich.

Plattenepithelkarzinome der Haut und deren Frühformen, die aktinischen Keratosen, sowie Basalzellkarzinome werden als nichtmelanozytärer Hautkrebs bezeichnet. Dieser sogenannte helle Hautkrebs ist heutzutage eine der häufigsten Krebserkrankungen in westlichen Ländern mit einer Inzidenz von circa 100 pro 100 000 Einwohner pro Jahr in Europa (1, e1, e2). Zur Abgrenzung von malignen Melanomen – sogenanntem schwarzen Hautkrebs – werden die nichtmelanozytären Hautkarzinome auch als „non-melanoma skin cancer (NMSC)“ bezeichnet.

Besonders häufig betroffen ist die hellhäutige Bevölkerung und hier die sonnenlichtempfindlichen Hauttypen (Lichttyp I und II nach Fitzpatrick (1, 2, e3).

Aus den deutschsprachigen Ländern liegen zwar keine exakten Zahlen zu den Frühformen der Plattenepithelkarzinome, den aktinischen Keratosen (= Carcinoma in situ) vor, jedoch zeigen Zahlen aus Großbritannien, dass im Alter von über 70 Jahren die Prävalenz aktinischer Keratosen bei 34 % der Männer und 18 % der Frauen (e4) liegt. Die höhere Prävalenz bei Männern soll auf eine zum Teil ungeschützte Sonnenexposition bei beruflichen Tätigkeiten im Freien zurückzuführen sein (e5).

An vielen Arbeitsplätzen sind Beschäftigte in der Tat berufsbedingt einer zum Teil wesentlich erhöhten natürlichen UV-Einstrahlung ausgesetzt (3, 4). UV-Strahlung ist die wichtigste Einzelursache für die Entstehung von Plattenepithelkarzinomen einschließlich deren Frühstadien und Basalzellkarzinomen (Synonym: Basaliom) der Haut (e6).

Durch UV-Licht induzierter Hautkrebs ist jedoch bisher keine Berufskrankheit im Sinne der Berufskrankheitenverordnung (BKV) (5). Aktuell wird die Aufnahme solcher Malignome – und hier speziell der kutanen Plattenepithelkarzinome und deren Frühstadien – in die Liste der Berufskrankheiten (Anlage 1 zur BKV) diskutiert. Bis zum Abschluss dieser Diskussion können durch UV-Strahlung verursachte kutane Malignome nur als „quasi Berufskrankheiten“ über den § 9 Abs. 2 SGB VII anerkannt werden. Hierzu gibt es seit 2009 zur Anerkennung nach § 9 Abs. 2 die gemeinsamen Empfehlungen aus berufsdermatologischer Sicht der Arbeitsgemeinschaft für Berufs- und Umweltdermatologie (ABD) und der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) (sogenanntes Bamberger Merkblatt Teil 2) zur Kausalitätsprüfung im Einzelfall und Schätzung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) (6).

Ziel dieser Übersicht ist es, die Rolle beziehungsweise den Anteil von Arbeitsplatzbedingungen bei der Entstehung von Plattenepithelkarzinomen (einschließlich aktinischer Keratosen) und Basalzellkarzinomen darzulegen, sowie den Stand der Untersuchungen zur Quantifizierung und Relation der beruflich bedingten und in der Freizeit verursachten UV-Exposition. Ergänzend wird zudem die aktuelle Situation zum Arbeitsschutz, zur Prävention und zum Berufskrankheitenverfahren dargelegt.

Methode

Die vorliegende Übersicht basiert bezüglich der Epidemiologie auf den Metaanalysen (79) zum Zusammenhang zwischen beruflich bedingter solarer UV-Exposition und dem Auftreten von Plattenepithelkarzinomen (7, 8) beziehungsweise Basalzellkarzinomen (9). Die systematischen Reviews wurden anhand der „Meta-analysis of Observational Studies in Epidemiology Group (MOOSE) Checklist“ durchgeführt (e7). Zur Literaturdurchsicht wurde in der Datenbank MEDLINE (PubMed) mit verschiedenen Kombinationen der einschlägigen Stichwörter selektiv recherchiert (Metaanalysen [7–9]) MeSH terms:

Zusätzlich wurde die Literatur zu aktualisierten dermatologisch/berufsdermatologischen Leitlinien/Empfehlungen und neuen gesetzlichen Grenzwerten sowie dosimetrisch vergleichenden Untersuchungen zur UV-Exposition ausgewertet.

Durch UV-Strahlung induzierte Reaktionen der Haut und Tumorätiologie

Die ultraviolette Strahlung wird der sogenannten optischen Strahlung (Wellenlänge 100 nm bis 1 mm) zugeordnet. UV-Strahlung liegt im Bereich zwischen 100 nm und 400 nm und wird je nach Wellenlänge in UVC, UVB und UVA unterschieden (Grafik 1). Wegen der Ozonschicht gelangen auf die Erdoberfläche lediglich UVA- und UVB-Strahlung, wobei 95 % der natürlichen UV-Strahlung im UVA-Bereich liegt. Die durch die UV-Strahlung ausgelösten biologischen Abläufe sind komplex und sollen an dieser Stelle nur kurz angerissen werden (Übersicht [e8]). Aufgrund des Absorptionsspektrums der Haut dringt UVA – das im Vergleich zu UVB energieärmer ist – tiefer in die Haut ein und verursacht nicht nur epidermale Schäden, sondern auch Veränderungen in der Dermis (Grafik 2, Tabelle). Die stärkste kanzerogene Wirkung hat jedoch die UVB-Strahlung. Die UVA-Strahlung unterstützt die kanzerogene Wirkung durch ihre immunsuppressive Wirkung (10) und unter anderem ihre Induktion zur Bildung von Sauerstoffspezies beziehungsweise oxidativen Radikalen (ROS). Letztere schädigen die Desoxyribonukleinsäure (DNS), Zellmembranen und Enzyme. Daraus resultieren Veränderungen in den Keratinozyten der Epidermis und des Bindegewebes in der Dermis (Grafik 2) (Übersicht [e9]).

Spektrum elektromagnetischer Wellen; UV, ultraviolett; IR, Infrarot
Spektrum elektromagnetischer Wellen; UV, ultraviolett; IR, Infrarot
Folgen einer akuten und chronischen Überexposition der Haut gegenüber UV-Strahlung
Folgen einer akuten und chronischen Überexposition der Haut gegenüber UV-Strahlung
Benigne klinische Symptome der chronischen Lichtschädigung
(modifiziert nach Yaar 2007 [e9] – Auswahl)
Benigne klinische Symptome der chronischen Lichtschädigung (modifiziert nach Yaar 2007 [e9] – Auswahl)

Die gesundheitsgefährdenden Wirkungen der UV-Strahlung auf die Haut hängen von der Art, Dauer und Intensität der UV-Strahlung ab und können zu Erythemen (Sonnenbrand) oder kumulativ zum klinischen Bild der chronischen Lichtschädigung („extrinsic photoaging“) führen (klinische Symptome siehe Tabelle, Grafik 2). Obwohl es verschiedene internationale Methoden zur Erfassung des Schweregrades der Lichtschädigung gibt (Review [11]), fehlen noch verlässliche Daten zur Sensitivität und Spezifität und der Rolle bestimmter Merkmale wie zum Beispiel der solaren Elastose (11, 12). Genauere Dosis-Wirkungs-Beziehungen je nach Spektrum und Quelle der UV-Strahlung existieren für den Menschen nicht (13).

Plattenepithel- und Basalzellkarzinome infolge berufsbedingter UV-Exposition

Tumortypen und UV-Expositionsformen

Derzeit wird insbesondere der Zusammenhang von beruflicher UV-Strahlenexposition und nichtmelanozytärem Hautkrebs (Basalzellkarzinom und Plattenepithelkarzinom inklusive Frühformen) diskutiert. Obwohl die Entstehung mancher Melanomtypen eine gewisse UV-Abhängigkeit (14) aufweist, fehlen hierzu jedoch berufsbezogene Daten, so dass diese zurzeit nicht Gegenstand der Diskussion um berufsbedingt UV-induzierte Tumore sind.

Die altersstandardisierte Inzidenz des Basalzellkarzinoms in Deutschland wird auf jährlich circa 80 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner geschätzt (2, e6, e10). Der lokal destruierend wachsende Tumor metastasiert nicht und wird meist operativ entfernt. Er tritt zwar überwiegend im Bereich der lichtexponierten Lokalisationen (siehe Lichtterassen, Tabelle) auf, aber auch an nichttypischen lichtexponierten Stellen (zum Beispiel retroaurikulär), so dass eine direkte Beziehung zur UV-Strahlung in Expositionsstudien nicht durchgehend nachweisbar war (1, 15).

Das Plattenepithelkarzinom mit einer altersstandardisierten Inzidenz von jährlich 29 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner (1, e2, e10) wächst destruktiv und kann metastasieren. Die Plattenepithelkarzinome sowie die auf die Epidermis beschränkten aktinischen Keratosen (Carcinomata in situ), treten nahezu ausschließlich in UV-exponierten Hautarealen auf, insbesondere an Kopf und Hals oder am Dekolleté, Armen, Handrücken sowie am Lippenrot (Übergangsepithel). Der Übergang von aktinischen Keratosen in invasive Plattenepithelkarzinome ist oft fließend (e11), so dass eine Behandlungsindikation der aktinischen Keratosen gegeben ist (16).

Die Exposition gegenüber UV-Strahlung ist der wichtigste exogene ursächliche Faktor bei der Entstehung von Plattenepithelkarzinomen der Haut (1). Weitere bekannte exogene Einwirkungen wie Arsen, Teer und andere Kanzerogene sowie ionisierende Strahlung spielen in der heutigen Zeit bei der Entstehung von Hautkrebs eine untergeordnete Rolle (e12).

Nach heutigem Kenntnisstand unterscheidet man bei den UV-Strahlenexpositionen zwischen kumulativ kontinuierlich, intermittierend, gemischt sowie den Expositionsspitzen mit resultierenden Erythemen (Sonnenbrände) (Grafik 3).

UV-verursachte Lichtschädigung und Hautkrebs
UV-verursachte Lichtschädigung und Hautkrebs

Der Zusammenhang zwischen UV-Strahlenexposition und Hautmalignomen ist dabei für die Tumorentitäten wahrscheinlich unterschiedlich. Das Auftreten des Plattenepithelkarzinoms wird als Folge einer über Jahre anhaltenden kumulativen UV-Strahlung angesehen. Hier ist die Risikoerhöhung durch jahrelange Exposition am deutlichsten (Review [1]). Außerdem zeigt es eine deutliche Assoziation mit dem geographischen Breitengrad des Wohnortes. Bei Basalzellkarzinomen werden auch Faktoren wie Intensität der Sonnenbestrahlung in Kindheit und Jugend diskutiert (2).

Epidemiologie

Aktuelle epidemiologische Studien (Übersicht [7, 8, e13]) zeigen, dass eine kumulative berufliche Exposition zu einem erhöhten Risiko bei Arbeitnehmern mit Außenarbeit (sogenannter „outdoor worker“), führen. Die veröffentlichten Metaanalysen (7, 8) veranschaulichen, dass die publizierte epidemiologische Evidenz weitgehend konsistent auf ein relevantes erhöhtes Risiko (gepooltes Odds Ratio von 1,77 (95-%-Konfidenzintervall 1,40–2, 22 [p < 0,001, Varianz = 0,131]) für das Auftreten von Plattenepithelkarzinomen bei Beschäftigten mit hoher beruflich bedingter UV-Strahlenexposition hinweist. In diesem selektiven Review wurden insgesamt 18 Studien (6 Kohortenstudien und 12 Fall-Kontroll-Studien) identifiziert, die den Zusammenhang von beruflich bedingter UV-Exposition und einem Risiko für ein Plattenepithelkarzinom untersuchen.

16 Studien beschreiben einen positiven Zusammenhang von beruflich bedingter UV-Exposition und der Entstehung von Plattenepithelkarzinomen. Dieser Zusammenhang war in 12 Studien statistisch signifikant. Die beruflich bedingte UV-Exposition wurde in den eingeschlossenen Studien unterschiedlich erfasst: In den Studien wurden überwiegend beschäftigte in typischen Außenberufen (Land- und Forstwirtschaft, Baugewerbe, Seefahrer) entweder mit Personen mit vorwiegender Innenbeschäftigung beziehungsweise geringer beruflich bedingter UV-Strahlenexposition verglichen oder es wurde die Allgemeinbevölkerung als Referenz- oder Kontrollgruppe herangezogen. Obwohl dieser Zusammenhang in einigen Studien durch methodische Schwächen wahrscheinlich unterschätzt wurde, kann man – basierend auf der epidemiologischen Evidenz – etwa von einer Risikoverdopplung für Plattenepithelkarzinome bei beruflich stark der UV-Strahlung ausgesetzten Personen ausgehen.

Für das Basalzellkarzinom deutet die Evidenz der Metaanalyse von 24 Studien (5 Kohorten und 19 Fall-Kontroll-Studien) ebenfalls auf eine signifikante Assoziation zwischen Außentätigkeit und Risiko, an einem Basalzellkarzinom zu erkranken, hin (gepooltes Odds Ratio von 1,43 (95-%-Konfidenzintervall 1,23–1,66, p = 0,0001) [9]). Die Studienergebnisse sind jedoch weniger einheitlich als beim Plattenepithelkarzinom und der Effekt ist weniger deutlich (11 Studien wiesen auf einen signifikanten positiven Zusammenhang hin, 5 Studien auf eine nichtsignifikante Erhöhung und 5 Studien sogar auf eine nichtsignifikante Risikoreduktion).

Dosimetrische Untersuchungen und betroffene Berufsgruppen

Sowohl international als auch national liegen bereits dosimetrische Untersuchungen vor. Zu den erhöhten Belastungen durch Arbeitsplätze im Freien gibt es zahlreiche Untersuchungen aus Mittel-/Nordeuropa. In diesen Studien wird die erythemwirksame Bestrahlungsdosis Her (Erythemdosis) mit der Einheit SED (Standard Erythem Dosis) angegeben (siehe Kasten, [e14]).

Definitionen und Begriffe
zur UV-Strahlungsexposition
Definitionen und Begriffe zur UV-Strahlungsexposition

Thieden und Mitarbeiter (17) stellten durch dosimetrische Untersuchungen fest, dass die Gärtner in Dänemark durch die berufliche Tätigkeit eine um den Faktor 1,7 erhöhte Strahlenexposition an Arbeitstagen erhalten. Auch durch andere Publikationen konnte nachgewiesen werden, dass bestimmte „outdoor worker“ wie beispielsweise Landwirte, Fischer, Polizisten und Sportlehrer ein erhöhtes Hautkrebsrisiko aufgrund der erhöhten UV-Strahlenexposition haben (18). Neuere, personenbezogene dosimetrische Untersuchungen (3, 19, 20) zeigen, dass zum Beispiel bei Bauarbeitern im Vergleich zu Innenbeschäftigten (sogenannte Indoor-Tätigkeiten) die UV-Strahlen-Jahresexposition um das 4,7-Fache erhöht ist. Eine deutlich erhöhte Exposition weisen bekanntlich auch Bergführer und Skilehrer auf (21). Orientiert man sich an Untersuchungen von Knuschke et al. (3), der die mittlere geschätzte Referenz-Exposition der deutschen Bevölkerung von Her(Deutschland) = 130 SED pro Jahr angibt, so hat ein „outdoor-worker“ eine circa 2- bis 3-fach höhere UV-Strahlenexposition.

Je nach Art der Außentätigkeit und Ausgestaltung des Beschäftigungsortes sowie je nach Freizeitgewohnheiten weichen die individuellen solaren UV-Strahlenbelastungen von potenziellen Durchschnittswerten ab. Gründe für diese Abweichungen sind die Dauer der UV-Strahlenbelastung und die Strahlungsintensität. Die Intensität wird beeinflusst durch die Tages- und Jahreszeit, das Bekleidungsverhalten, die geografische Lage des Arbeitsortes, dessen Lage über Meeresspiegel und die Albedo (Rückstrahlvermögen) der Umgebung.

Berufskrankheitenrecht, Arbeitsschutz und Prävention

Schutz des Arbeitnehmers und aktuelle rechtliche Situation

Schon jetzt ist der Arbeitgeber im Rahmen des Arbeitsschutzgesetzes verpflichtet, Schädigungen des Arbeitnehmers durch eine hohe solare UV-Strahlenbelastung zu verhindern beziehungsweise durch entsprechende Schutzmaßnahmen zu minimieren. Allerdings gibt es keine gesetzlichen Grenzwerte für Expositionen gegenüber natürlichen UV-Strahlen.

Für die Exposition gegenüber UV-Strahlen aus künstlichen Quellen existiert seit 2006 im Rahmen der Richtlinie 2006/25/EG des Europäischen Parlaments ein Expositionsgrenzwert (Bestrahlung Heff 30 J/m2 in 8 Stunden, siehe Kasten), der durch die Verordnung vom 19. 7. 2010 zum Schutz der Arbeitnehmer vor Gefährdung durch künstliche optische Strahlung in das nationale Recht übernommen wurde (22). Die Grenzwerte für künstliche optische Strahlung wurden mit dem Ziel, vor akuten Schäden zu schützen, abgeleitet. Chronische Effekte wurden jedoch bei dieser Dosis nicht berücksichtigt.

Primärprävention im Beruf

Mehrere Studien haben gezeigt, dass gerade in sogenannten „outdoor“-Berufen ungenügende Sonnenschutzmaßnahmen durchgeführt werden (Übersicht [23]).

Die UV-Strahlenexposition kann an entsprechenden Arbeitsplätzen durch verschiedene technische, organisatorische und personenbezogene Strategien (24) in Kombination mit entsprechenden Schulungsinterventionen minimiert werden (e15, e16). Beispiele technischer Maßnahmen sind

Durch mehrere randomisierte klinische Studien konnte nachgewiesen werden, dass die prophylaktische Anwendung von Sonnenschutzmitteln das Auftreten von Hautkrebs – insbesondere der aktinischen Keratosen und der Plattenepithelkarzinome, aber auch von Melanomen – reduziert (14, e17e21). So wurde in einer Langzeitstudie über 4,5 Jahre (e17) gezeigt, dass sich die Inzidenz des Plattenepithelkarzinoms bei Personen, die Sonnenschutzmittel benutzten, im Vergleich zu den Kontrollen um 40 % reduzierte. Hier ist jedoch nach neueren Untersuchungen die Problematik der aufgetragenen Menge an Sonnenschutzmittel zu beachten. Die Angabe des Lichtschutzfaktors basiert auf dem Auftragen von 2 mg Sonnenschutzmittel pro cm2 Haut. Tatsächlich werden im Durchschnitt nur 0,5 mg/cm2 aufgetragen – dabei nimmt der Lichtschutzfaktor exponentiell ab (e22). Auch schützen die meisten der chemischen Sonnschutzfilter zwar gegen UVB aber nur wenige gegen UVA (Informationen siehe [25]).

Die Anwendung von Lichtschutzmitteln kann jedoch keinen vollständigen UV-Schutz bieten und darf daher nicht dazu verleiten auf physikalischen Lichtschutz (Kleidung) zu verzichten oder die Expositionsdauer zu verlängern.

Berufskrankheitenrecht und Begutachtung

Die signifikant erhöhte Hautkrebsinzidenz in den sogenannten „outdoor“-Berufen und der epidemiologisch und experimentell nachgewiesene Zusammenhang zwischen UV-Strahlenexposition und Hautmalignomen zeigen, dass es sich bei diesen Erkrankungen auch um die Folge einer berufsbedingten UV-Strahlenbelastung handeln kann. Bereits jetzt werden in der Praxis der gesetzlichen Unfallversicherungsträger solche Erkrankungen vereinzelt als „Wie Berufskrankheiten“ nach § 9 Abs. 2 SGB VII anerkannt.

Jeder Arzt beziehungsweise behandelnde Dermatologe in der Bundesrepublik, der den Verdacht hat, dass eine Hautkrebserkrankung bei einem Patienten durch eine beruflich bedingte UV-Exposition ausgelöst wurde, sollte dies durch eine Berufskrankheiten(BK)-Anzeige (Formblatt F6000 der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung [DGUV]) dem Unfallversicherungsträger melden. Eine Aufnahme der UV-strahlenbedingten Plattenepithelkarzinome einschließlich deren Frühstadien als neue Berufskrankheitennummer in die BK-Liste scheint wahrscheinlich. Nach Berufskrankheitenrecht kann eine Erkrankung allerdings nur dann als BK im Sinne von § 9 Abs. 1 SGB VII anerkannt in die Liste BK aufgenommen und dann in Folge entschädigt werden, wenn eine bestimmte Berufsgruppe „in erheblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung“ den Einwirkungen ausgesetzt ist.

Da es sich zumindest bei der solaren UV-Strahlung um eine ubiquitär vorkommende Noxe handelt, muss zur Beurteilung der vorwiegenden Ursache eines Hautmalignoms die Relation zwischen beruflich bedingter UV-Strahlenexposition und der durch Urlaubs- und Freizeitaktivitäten bewirkten, analysiert werden (12, 13). Zurzeit werden in einer Multicenterstudie Instrumente entwickelt, mit deren Hilfe die außerberuflich und beruflich bedingte UV-Strahlenexposition sowie die dadurch verursachte Hautschädigung im Einzelfall möglichst genau ermittelt werden kann. Diese Instrumentarien sollen einerseits individuell eine standardisierte, reproduzierbare Quantifizierung der Lichtschädigung an gegenüber beruflich und nichtberuflich exponierten Hautarealen ermöglichen. Andererseits sollen sie auch die (meist anamnestische) berufliche/außerberufliche Exposition/Belastung gegenüber UV-Strahlung erfassen (11, 12).

Die Diskussion zur Krebsentstehung durch künstliche UV-Strahlung am Arbeitsplatz ist derzeit offen. Diese Annahme kann zurzeit aufgrund der wenigen existierenden Studien nicht epidemiologisch untermauert werden.

Interessenkonflikt

Prof. Diepgen erhielt Honorare für Beratertätigkeit und für Vorträge von den Firmen Spirig Pharma und Leo Pharma.

Prof. Fartasch, Prof. Schmitt und Prof. Drexler erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 11. 1. 2012, revidierte Fassung angenommen: 18. 4. 2012

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Manigé Fartasch
Abteilung für klin. & exp. Berufsdermatologie
Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV
Ruhr-Universität Bochum (IPA)
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum
fartasch@ipa.ruhr-uni-bochum.de

Zitierweise
Fartasch M, Diepgen TL, Schmitt J, Drexler H: The relationship between occupational sun exposure and non-melanoma skin cancer—clinical basics, epidemiology, occupational disease evaluation, and prevention.
Dtsch Arztebl Int 2012; 109(43): 715−20.DOI: 10.3238/arztebl.2012.0715

@Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit4312

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

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