PDF

TV-Serie Dr. House: Diagnostische Spuren

Dtsch Arztebl 2012; 109(49): A-2474 / B-2026 / C-1982
MEDIEN
Tuffs, Annette

Mit „Dr. House“ geht nach sechs Jahren eine Arztserie mit hohem Unterhaltungswert und medizinischem Gehalt zu Ende. In deutschen Seminaren, Büchern und TV-Sendungen lebt der geniale TV-Arzt weiter.

Dr. House (Hugh Laurie) hinterlässt zwar eine schmerzliche Lücke im TVProgramm, bleibt aber dennoch weiter präsent. Foto: RTL
Dr. House (Hugh Laurie) hinterlässt zwar eine schmerzliche Lücke im TVProgramm, bleibt aber dennoch weiter präsent. Foto: RTL

Am 4. Dezember 2012 ist nach sechs Jahren, acht Staffeln und mehr als 170 Sendungen der Vorhang für einen TV-Arzt gefallen, der gleichermaßen in der Serienlandschaft und in der Medizinfiktion Geschichte geschrieben hat: Der menschenverachtende und unverschämte, aber gleichermaßen geniale Dr. Gregory House hat seinen Stammplatz am Dienstagabend geräumt. Man wird ihn vermissen: seine schlechten Manieren und seine erfolgreiche medizinische Detektivarbeit; ein brauchbarer Serienersatz ist nicht im Ausland und schon gar nicht im Inland in Sicht. Aber Dr. House hinterlässt hierzulande Spuren, in der medizinischen Lehre, in Büchern und im Fernsehen.

„Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“

Am 4. Dezember lief das Finale über unseren Bildschirm. Die hochgesteckten Erwartungen in den Show-down hat es erfüllt und gleichzeitig den zentralen menschlichen Wert der Serie, die wahre Männerfreundschaft, zelebriert. An diesem Abend hat Prof. Dr. med. Jürgen Schäfer, Kardiologe und überzeugter Lehrer an der Universität Marburg, gemeinsam mit seinen Medizinstudierenden ein „Best of Dr. House“ genossen – zur Feier des Serienendes, jedoch nicht als krönenden Schlusspunkt der Seminare, die Schäfer seit 2008 mit großem Erfolg anbietet: „Dr. House revisited – oder: Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt?“ wird zur Freude der Studierenden fortgesetzt.

Das Konzept, von Dr. House und seiner diagnostischen Kunst zu lernen, hat dem engagierten Marburger Medizinpädagogen den Ars-Legendi-Preis für besonderes Engagement in der Medizinerausbildung eingebracht. Ein Trost für alle House-Fans außerhalb der Marburger Medizin-Fakultät ist sein kürzlich erschienenes Buch „Housemedizin: Die Diagnosen von Dr. House“, das Laien diagnostische Pfade und Krankheiten erklärt.

Eine solche Erfolgsgeschichte universitärer Würdigung ist für deutsche Medizinserien undenkbar. Dort spielt die Medizin selbst stets eine Nebenrolle. Im Publikumsliebling „In aller Freundschaft“ ist die Sachsenklinik lediglich Sujet für Menschliches und Allzu-Menschliches. Auch populäre Tatort- oder Polizeiruf-110-Folgen benutzen gerne skandalträchtige Medizinthemen – gefährliche Klinikinfektionen, Sterbehilfe, Pharma-Versuche –, jedoch lediglich als Schauplatz ihrer Verbrechen, oft mit gesellschaftskritischem Touch. Spannend und realitätsnah ist, wenn man Glück hat, die Story. Der medizinische Fall muss sich ihr anpassen und darf nicht Regie führen wie bei Dr. House.

Deutsche Arztserien wollen nur unterhalten

Deutsche Fernsehsender pflegen bedauerlicherweise bei ihren Medizinserien den klassischen Unterschied zwischen E- und U-Produktionen: Was unterhalten soll, darf nicht schwierig sein und muss deshalb fernab klinischer Realität bleiben! Für anspruchsvolle Stoffe gibt es im deutschen Fernsehen die Sparte Dokumentation; zwischen den E- und U-Sparten tummeln sich die Doku-Soaps.

Als „Dr. House-Ableger“ kann die Dokumentationsreihe „Abenteuer Diagnose“ des NDR gelten, die spannende Diagnosen medizinisch versiert vorstellt. Im Internet heißt es dazu: „Bei der Fahndung nach der rettenden Diagnose geht es in der Medizin zu wie bei einem Kriminalfall: Es ist die Jagd nach Indizien, nach Spuren und Beweisen für die Ursache rätselhafter Beschwerden.“ Ohne einen Dr. House macht das allerdings nur halb so viel Spaß.

Annette Tuffs

LNSLNS