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Medizingeschichte: Tödliche Menschenversuche im 16. Jahrhundert

Dtsch Arztebl 2014; 111(47): A-2060 / B-1751 / C-1675
THEMEN DER ZEIT
Stolberg, Michael

Zum Wohl der unschuldigen Bevölkerung dürfe man Tod oder Qualen einiger weniger Übeltäter in Kauf nehmen – davon waren die beteiligten Ärzte überzeugt.

Der berühmte Arzt und Botaniker Pierandrea Mattioli ließ es sich nicht nehmen, dem jungen Mann in seiner Kerkerzelle in Prag das Mittel persönlich zu verabreichen: eine Drachme von Blüten, Blättern und Samen des hochgiftigen blauen Eisenhuts. Ein Mittel aus der Wurzel vom blauen Eisenhut, das er ihm zuvor, in Anwesenheit der habsburgisch- kaiserlichen Leibärzte, gereicht hatte, war ohne merkliche Folgen geblieben. Nun aber klagte der Mann über Druck in der Brust und wurde zeitweilig ohnmächtig. Mattioli gab ihm ein vielgepriesenes Gegengift, nach dessen Einnahme ein anderer zum Tode verurteilter Mann bereits zwei Drachmen Arsen überlebt hatte: das aus verschiedenen Heilpflanzen wie Engelswurz und Eibisch hergestellte, nach dem Habsburger Erzherzog Ferdinand benannte „Erzherzogpulver“. Trotzdem verschlechterte sich der Zustand des Mannes. Der Puls war nicht mehr tastbar, auf der Stirn stand ihm der kalte Schweiß, die Haut fühlte sich kalt an, er erbrach sich heftig und starb schließlich mit bläulich verfärbtem Gesicht. (13)

Pierandrea Mattioli (1501–1577), italienischer Arzt und Botaniker, war Leibarzt am Habsburger Hof in Prag. Fotos: pictue alliance
Pierandrea Mattioli (1501–1577), italienischer Arzt und Botaniker, war Leibarzt am Habsburger Hof in Prag. Fotos: pictue alliance

Eisenhut und Bezoarstein

Bald darauf, im Januar 1562, gab Mattioli einem anderen zum Tode verurteilten Mann (13) ebenfalls blauen Eisenhut und dann, als das Gift erste Wirkungen zeigte, sieben Körner von einem Bezoarstein, den er vom Kaiser selbst erhalten hatte. Bezoare – verkrustete Konkremente aus Haaren und anderen Fremdkörpern, die sich zuweilen im Verdauungstrakt von Tieren finden – galten damals verbreitet als ein vorzügliches Mittel gegen Gifte. Der Mann klagte über Kälte, Luftnot und erbrach sich mehrfach. Der Puls wurde unregelmäßig, und er zeigte Lähmungserscheinungen. Schon nach wenigen Stunden ging es ihm aber wieder besser. Kaiser Ferdinand I. schenkte ihm Geld und die Freiheit.

Ähnlich glimpflich erging es einem weiteren zum Tod verurteilten jungen Mann, dem Mattioli im Dezember 1564 erst Eisenhutwurzel und anschließend als Gegenmittel Nux vomica gab. Auch er bekam zunächst massive Beschwerden, aber am nächsten Morgen fand man ihn bereits wieder am Tisch sitzend, das Evangelium vor sich, nur etwas bleich im Gesicht und mit geschwollenem Oberbauch (1).

Diese Versuche sind in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Sie zeigen, in welchem Maße die oft als Buchgelehrte beschriebenen humanistischen Ärzte des 16. Jahrhunderts nicht nur auf empirische Beobachtung setzten, sondern regelrechte Experimente durchführten (4). Überraschend ist vor allem aber auch der aus heutiger Sicht eklatante Widerspruch zu den christlichen Zehn Geboten und zum Tötungsverbot des hippokratischen Eids. Mattioli, der diese Versuche in seinem vielgelesenen Dioskorides-Kommentar ausdrücklich erwähnte, ohne sich in irgendeiner Form dafür zu rechtfertigen, war immerhin Leibarzt der katholischen Habsburger in Prag (2).

Zum Wohle des Königs

Tatsächlich war Mattioli weder der Erste noch der Einzige, der damals gezielt tödliche Gifte verabreichte, um deren Wirkungen und mögliche Gegenmittel zu erforschen. Mattioli selbst hatte in jungen Jahren einen solchen Versuch in Rom miterlebt. Nach seiner Darstellung war es Papst Clemens VII. höchstpersönlich, der 1524 die giftneutralisierenden Wirkungen eines hochgepriesenen Öls prüfen ließ, das Mattiolis damaliger Lehrer, der Bologneser Chirurg Gregorio Caravita gefertigt hatte. Zwei zum Tode verurteilte Banditen erhielten jeweils blauen Eisenhut, der mit Marzipan oder dergleichen vermischt worden war. Der eine wurde in den folgenden drei Tagen mit dem Öl eingeschmiert und überlebte. Der andere dagegen, dem man das Öl vorenthielt, um, wie es hieß, „die Kraft des Eisenhutgifts zu prüfen“, starb qualvoll (2).

Die Eisenhut-Arten zählen zu den giftigsten Pflanzen Europas. Der Eisenhut wurde 2005 zur Giftpflanze des Jahres gewählt.
Die Eisenhut-Arten zählen zu den giftigsten Pflanzen Europas. Der Eisenhut wurde 2005 zur Giftpflanze des Jahres gewählt.

Nur wenige Jahre nach Mattiolis Prager Versuchen – und ihn ausdrücklich erwähnend – berichtete auch der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré in seinen gedruckten „Œuvres“ von seiner Mitwirkung an einem Giftversuch mit tödlichem Ausgang. In Clermont zeigte ein vornehmer Mann, Paré zufolge, König Charles IX. einen aus Spanien eingeführten Bezoarstein und behauptete, dieser sei ein Gegenmittel gegen alle Gifte. Paré bezweifelte, dass es ein solches universell wirksames Gegenmittel geben könne, da Gifte auf unterschiedliche Weise wirkten – und er meinte, man könne das leicht an einem zum Tode verurteilten Verbrecher prüfen. Dem König gefiel die Idee. Ein Koch, der seinem Dienstherren zwei Silberschalen gestohlen hatte und bald hingerichtet werden sollte, wurde gefragt, ob er bereit sei, das Mittel auszuprobieren; sollte er überleben, so werde ihm das Leben geschenkt. Der Koch stimmte zu. Ein Apotheker gab ihm Gift – wahrscheinlich Quecksilbersublimat, wie Paré bei der späteren Sektion feststellte, und anschließend Bezoar. Der Mann erbrach sich darauf und klagte, es brenne ihm wie Feuer in den Eingeweiden. Schließlich kroch er, die Zunge aus dem Mund, auf allen Vieren, mit kaltem Schweiß bedeckt. Paré gab ihm Öl zu trinken, doch es war zu spät. Nach sieben Stunden qualvollen Leidens und Schreiens war der Mann tot (5). Als die Pariser Medizinische Fakultät ihm unter anderem vorwarf, er habe mit dieser Geschichte das Andenken des mittlerweile verstorbenen Königs beleidigt, rechtfertigte er den Versuch unter anderem mit der Sorge um das Wohl des Königs, der, im Falle eines Giftanschlags, sein Leben einem unwirksamen Gegengift anvertraut hätte (6).

Geschäft mit dem Gegengift

Einen stärker kommerziellen Hintergrund hatte der erste vergleichbare Versuch, der aus deutschen Landen überliefert ist. In den späten 1570er Jahren vertrieb ein gewisser Andreas Berthold, offenbar ein Bergwerksbesitzer, mit seinen Initialen A. B. geprägte Pillen, die er aus einer von ihm in Schlesien gefundenen Terra sigillata gefertigt hatte (79). In persönlichen Eingaben und gedruckten Werbeschriften – eine erschien sogar auf Englisch (10) – pries er sie als ein wahres Arcanum gegen allerlei Gifte und Krankheiten, wirksamer noch als der Bezoar oder die seit längerem bekannte, aus dem Orient eingeführte Terra sigillata. 1579 schlug er zunächst – offenbar erfolglos – dem Basler Collegium medicum einen entsprechenden Tierversuch vor (11). Bald darauf wurde das Mittel tatsächlich in Jülich und am Kasseler Schloss an insgesamt fünf Hundepaaren geprüft, von denen jeweils einer nur das Gift und der andere dazu auch die Terra sigillata bekam. Das Ergebnis war überzeugend: Alle fünf Hunde, die das Gegengift bekommen hatten, überlebten, von den anderen fünf dagegen nur einer. Daraufhin ließ Graf Wolfgang von Hohenlohe in Langenburg, einem von ihm selbst ausgestellten und von Berthold 1583 veröffentlichten Testimonium zufolge, das Gegengift an einem Dieb namens Wendel Thumblardt prüfen, angeblich auf ausdrückliche Bitte des zum Tod am Galgen Verurteilten und mit dem Versprechen auf Begnadigung, sollte er überleben. In Gegenwart des Grafen Wolfgang und seines Neffen Georg Friedrich sowie des gesamten Hofstaats erhielt er eine halbe Drachme Quecksilbersublimat und anschließend eine Drachme Terra sigillata. Nach dem Urteil des gräflichen Leibarztes Georg Pistorius und des Apothekers Johannes Lutzen, die die ganze Zeit bei Thumblardt geblieben waren, verursachte das Gift heftigste Beschwerden, wurde aber am Ende durch die Terra sigillata überwunden (9).

Offensichtlich handelt es sich hier um Einzelfälle. Als sich im 17. Jahrhundert zwei Autoren, der Helmstedter Professor Johann Heinrich Meibom in seinem Kommentar zum hippokratischen Eid und der Antwerpener Stadtarzt Michael Boudewijns in seinem „Ventilabrum theologico-medicum“ mit der ethischen Problematik tödlicher Medikamentenversuche am Menschen auseinandersetzten, bezogen sie sich auf die eben skizzierten Versuche in Rom, Prag, Clermont und Langenburg (12, 13). Die ethikgeschichtliche Forschung hat diese Versuche bislang weitgehend übersehen (14, 15) oder fehlerhaft dargestellt (16). Aus heutiger Sicht werfen die Versuche jedoch, über den konkreten Einzelfall hinausgehend, ein Licht auf tiefgreifende Unterschiede in den herrschenden Auffassungen über die Verfügbarkeit menschlichen Lebens und das Recht, das Leben von Menschen für die medizinische Forschung zu opfern: Weder die beteiligten und zusehenden Ärzte und Chirurgen noch der zutiefst von katholisch-theologischem Gedankengut geprägte Boudewijns oder der Hippokrates-Verehrer Meibom lehnten solche Versuche rundweg ab.

Keine ethischen Bedenken

Wie lässt sich diese Haltung erklären? Auf welchen Argumenten gründete sie? Drei zentrale Argumentationsfiguren lassen sich ausmachen:

Bezoare – verkrustete Konkremente aus Haaren und anderen Fremdkörpern – galten verbreitet als vorzügliches Mittel gegen Gift. Foto: Wellcome Libary, London
Bezoare – verkrustete Konkremente aus Haaren und anderen Fremdkörpern – galten verbreitet als vorzügliches Mittel gegen Gift. Foto: Wellcome Libary, London

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Stolberg
Institut für Geschichte der Medizin
der Universität Würzburg
Oberer Neubergweg 10 a
97074 Würzburg
michael.stolberg@uni-wuerzburg.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4714
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