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Politische Verfolgung in der DDR: Folgen noch nicht abschätzbar

PP 14, Ausgabe September 2015, Seite 427
BÜCHER
Freyberger, Harald J.

Rund 25 Jahre nach der politischen Revolution in der DDR haben sich die beiden in Berlin arbeitenden und in ihrer einschlägigen Expertise ausgewiesenen Autoren aufgemacht, sich mit den Spätfolgen der politischen Repression in der DDR auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit zehn weiteren Experten geben sie einen Überblick über den Wissensstand und die noch offenen Fragen dieses Themenfeldes. Wer meint, es sei schon genug über das Thema geschrieben worden und man solle nach vorne sehen, sollte zunächst das Vorwort von Andreas Maercker lesen. Er verweist einerseits darauf, dass die Auswirkungen der politischen Verfolgung auf die zweite Generation, die unter dem Stichwort transgenerationale Traumatransmission zusammenzufassen ist, noch nicht wirklich abschätzbar sind und noch viele Täterinnen und Täter leben. Man möchte hinzufügen, dass man nicht den Fehler des Verschweigens nach der sogenannten ersten deutschen Diktatur, dem NS-Staat, wiederholen sollte, denn von einer Erinnerungskultur ist man, wie die Mediendebatten in Deutschland zu den „Kriegskindern“ und „Kriegsenkeln“ beweisen, noch weit entfernt.

Das Besondere dieses Bandes ist, dass neben den inhaltlichen Beiträgen zur politischen Traumatisierung und deren psychischen, somatischen und sozialen Auswirkungen, den Behandlungsmöglichkeiten, den Problemen in der Begutachtungspraxis und vielen weiteren Aspekte auch die Betroffenen in vielen Falldarstellungen und Erfahrungsberichten zu Wort kommen, und zwar in der ersten und zweiten Generation. So erschließt sich in vielen Narrativen auch ein Zugang zu dem Erlebten, womit den Opfern jene Würde zuteilwird, die sie verdienen. So erscheint es auch wichtig, dass sich der aus zwölf Kapiteln zusammengesetzte Band, in den die Herausgeber viel editorische Arbeit gesteckt haben, auch mit den Aspekten von Realitätsverleugnung als Folge politischer Traumatisierung und mit dem normativen Empowerment bei SED-Verfolgten auseinandersetzt.

Übrigens: Das ist kein Buch für professionelle Psychotherapeuten, sondern ein Band, der so klar und verständlich geschrieben ist und sich im Schwerpunkt auf qualitative Ergebnisse fokussiert, dass er auch von „normalen Menschen“ zu lesen ist. Er eignet sich damit auch als Lektüre für die nach 1990 Geborenen. Harald J. Freyberger

Stefan Trobisch-Lütge, Karl-Heinz Bomberg (Hrsg.): Verborgene Wunden. Psychosozial-Verlag, Gießen 2015, 380 Seiten, kartoniert, 34,90 Euro

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