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Indikationen, Nutzen und Risiken von Protonenpumpeninhibitoren

Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 477-83; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0477
MEDIZIN: Übersichtsarbeit
Mössner, Joachim
Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie, Department für Innere Medizin, Neurologie und Dermatologie, Universitätsklinikum Leipzig: Prof. Dr. med. Mössner

Hintergrund: Die medikamentöse Hemmung der Säuresekretion gelingt am effektivsten durch Protonenpumpeninhibitoren (PPI). PPI werden seit über 25 Jahren klinisch eingesetzt. 2014 wurden in Deutschland 3,475 Milliarden definierte Tagesdosen (DDD, „daily defined dose“) an PPI verwendet. Allein diese hohe Zahl verlangt nach einer kritischen Analyse des Indiktionsspektrums und potenzieller Nebenwirkungen der Therapie.

Methoden: Es erfolgte eine selektive Literaturrecherche in PubMed und der Cochrane Library, mit besonderem Fokus auf randomisierten, prospektiven Multicenterstudien, Kohortenstudien, Fall­kontroll­studien und Metaanalysen.

Ergebnisse: Die Säuresekretionshemmung des Magens mit PPI wird erfolgreich eingesetzt in der Behandlung der gastroösophagealen Refluxkrankheit, des Ulcus ventriculi und duodeni, der Sekundärprophylaxe gastroduodenaler Läsionen unter Therapie mit nichtsteroidalen Antirheumatika und Acetylsalicylsäure und in der Rezidivprophylaxe von Ulkusblutungen nach erfolgreicher endoskopischer Blutstillung. PPI sind Bestandteil nahezu aller Antibiotikakombinationen zur Eradikation der Helicobacter-pylori-Infektion. Die Zahl der Verschreibungen von PPI ist seit 25 Jahren linear angestiegen. Da das Indikationsspektrum nicht erweitert wurde, stellt sich die Frage, ob der Einsatz von PPI indikationsgerecht erfolgt. Es gibt Hinweise darauf, dass das Frakturrisiko durch die Gabe von PPI zunimmt. Bei einer PPI-Langzeittherapie sollten die Vitamin-B12-Spiegel in größeren Abständen überprüft werden.

Schlussfolgerung: PPI gehören zu den wirksamsten Medikamenten in der Therapie säureassoziierter Erkrankungen. Wegen möglicher Nebenwirkungen und aus Kostengründen sollte sich der Einsatz auf gesicherte Indikationen beschränken.

Die medikamentöse Hemmung der Säuresekretion des Magens gelingt am effektivsten durch sogenannte Protonenpumpeninhibitoren (PPI), korrekter bezeichnet als Wasserstoffionen-Kaliumionen-ATPase-Inhibitoren (e1, e2). Die Zahl der Verschreibungen von PPI ist seit der Einführung 1989 des ersten Vertreters der Gruppe, Omeprazol, linear angestiegen. 2014 wurden in Deutschland 3,475 Milliarden definierte Tagesdosen (DDD, „daily defined dose“) an PPI eingesetzt (1). Da das Indikationsspektrum in den letzten Jahren nicht erweitert wurde, ist trotz weltweiter Zunahme der Inzidenz der gastroösophagealen Refluxkrankheit (e3, e4) und einer ihrer wichtigen Komplikationen, der intestinalen Barrett-Metaplasie mit dem Risiko der Entwicklung eines Adenokarzinoms (e5), diese Verschreibungshäufigkeit kritisch zu hinterfragen. Vermutlich werden PPI auch bei dem sehr häufigen Reizmagen-Syndrom eingesetzt, obgleich für diese Indikation die wissenschaftliche Evidenz nahezu fehlt (e6e8). Ein weiterer, durch Studien nicht belegter Verschreibungsgrund dürfte die Furcht vor gastroduodenalen Nebenwirkungen bei Polypharmazie sein, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) ausgenommen. Bei 3,475 Milliarden DDD pro Jahr nehmen statistisch 11,9 % aller Deutschen täglich eine DDD eines PPI ein. Angesichts dieser Zahlen müssen PPI zweifelsohne als sichere Medikamente eingestuft werden.

Da in letzter Zeit vermehrt über Nebenwirkungen bei einer Langzeit-, aber auch Kurzzeittherapie mit PPI berichtet wurde, werden nicht nur die gesicherten Indikationen, sondern auch das Nebenwirkungsprofil und -risiko unter Zugrundelegung der vorliegenden Evidenz diskutiert.

Methoden

In einer selektiven Literaturrecherche wurden die in PubMed abrufbaren Publikationen unter besonderer Berücksichtigung randomisierter, prospektiver Multicenter-Studien, Metaanalysen, Kohortenstudien und Fall­kontroll­studien bezüglich des Einsatzes von PPI evaluiert. Ferner wurden 28 Übersichten der Cochrane Library berücksichtigt (Tabelle 1). Das Studium der Publikationen erfolgte sowohl hinsichtlich der Frage, bei welchen Indikationen die Wirksamkeit von PPI unstrittig ist, als auch hinsichtlich ihres Nebenwirkungsrisikos. Darüber hinaus wurde analysiert, ob es klinisch relevante Unterschiede zwischen den verordneten PPI Esomeprazol, Lansoprazol, Omeprazol, Pantoprazol, Rabeprazol gibt. Suchbegriffe waren: „randomized controlled trial and proton pump inhibitor”, „meta-analysis and proton pump inhibitor”, “- and gastro(o)esophageal reflux disease“, „- and esomeprazole“, „- and pantoprazole“, „- and omeprazole“, „- and lansoprazole“, „- and rabeprazole“, “- and NSAID and proton pump inhibitor”, „Helicobacter pylori eradication and proton pump inhibitor”, „proton pump inhibitor and side effects”. Ferner wurde eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten zur gastroösophagealen Refluxkrankheit (www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/021– 013.html; gültig bis 31. 5. 2019) berücksichtigt.

Protonenpumpeninhibitoren (PPI): Auswahl an Indikationen, die im Rahmen von Cochrane-Metaanalysen untersucht wurden
Protonenpumpeninhibitoren (PPI): Auswahl an Indikationen, die im Rahmen von Cochrane-Metaanalysen untersucht wurden

Pharmakodynamik und -kinetik

PPI sind Razemate. Die R- und S-Form des Razemats haben die gleiche kovalente Bindungsstärke an das Enzym. Als Prodrugs würden die PPI nach oraler Gabe durch die Salzsäure des Magens zerstört werden. Es ist daher galenisch ein Säureschutz erforderlich, der die Freisetzung der Substanzen erst bei gestiegenem pH-Wert im oberen Dünndarm zulässt. Bei der Galenik mit Hilfe des Multiple Unit Pellet Systems betrifft der Säureschutz kleine Pellets, die den PPI enthalten. Diese Herstellungstechnik bietet sich bei einer Sondenapplikation von PPI an. Ob es aufgrund dieser Galenik zu einer schnelleren pH-Wert-Erhöhung infolge einer schnelleren Magenentleerung kommt und sich hieraus klinische Vorteile ergeben, ist nicht durch Studien belegt.

PPI werden in der Leber durch das Cytochrom-P450-Enzymsystem zum Teil bereits bei der ersten Passage metabolisiert und somit inaktiviert. Für Omeprazol wurde gezeigt, dass die rechtsdrehende Form, R-Omeprazol, hauptsächlich durch Cytochrom P450 2C19 (CYP2C19) relativ rasch metabolisiert wird. S-Omeprazol (linksdrehend, S, sinister) hingegen wird überwiegend durch P450 3A4 langsamer verstoffwechselt (e9). Pro Gewichtseinheit ist daher die Säurehemmung unter Esomeprazol etwas höher als unter Omeprazol (e10). Die Hemmung der H+/K+-ATPase und somit das Potenzial, den pH-Wert des Magens anzuheben, ist wahrscheinlich bei allen PPI gleich (e10).

Die klinische Relevanz einer unterschiedlich schnellen Metabolisierung der zugelassenen PPI Esomeprazol, Lansoprazol, Omeprazol, Pantoprazol und Rabeprazol darf hinterfragt werden (e10). Die in den DDD für die einzelnen PPI festgelegte Standarddosis entspricht aber nicht der Äquivalenzdosis bezüglich der Säureinhibition. Omeprazol erhielt die Zulassung in der täglichen Standarddosis von 20 mg. Die folgenden PPI wurden bis auf Rabeprazol in einer höheren Dosis mit Omeprazol verglichen: Lansoprazol 30 mg, Pantoprazol 40 mg, Esomeprazol 40 mg. Zulassungsstudien, in denen Esomeprazol 40 mg der zugelassenen Dosis von Omeprazol 20 mg gegenüber gestellt wird, können natürlich nicht belegen, dass zum Beispiel eine schnellere Abheilung der Refluxösophagitis unter Esomeprazol Folge der unterschiedlichen Metabolisierungsrate ist. In der EXPO-Studie verlief bei erosiver Refluxösophagitis unter 40 mg Esomeprazol im Vergleich zu 40 mg Pantoprazol die Abheilung schneller (e11).

Auch in der Rezidivprophylaxe waren 20 mg Esomeprazol 20 mg Pantoprazol überlegen (e12, e13). In einer früheren Studie zeigten sich aber keine Unterschiede (e14). Eine Metaanalyse kommt zu dem Schluss, dass Esomeprazol einen klinisch offenbar vernachlässigbaren Vorteil bei höhergradiger Refluxösophagitis habe (e15).

Omeprazol ist ein Inhibitor von CYP2C19. Daraus resultiert, dass andere Medikamente, die über den gleichen Stoffwechselweg metabolisiert werden, in ihrem Abbau gehemmt werden können. Andere PPI, wie zum Beispiel Pantoprazol, weisen ein weit geringeres Interaktionspotenzial auf (e16). Auch die pH-Wert-Anhebung per se kann zu Arzneimittelinteraktionen führen, zum Beispiel erniedrigten Plasmaspiegeln von Mykophenolat-Mofetil (e16). Arzneimittelinteraktionen, insbesondere unter Omeprazol, sind unbestritten. Da zahlreiche Patienten aufgrund von Multimorbidität eine Vielzahl an Medikamenten erhalten, müsste empfohlen werden, Omeprazol durch andere PPI grundsätzlich zu ersetzen. Weil aber die klinische Evidenz fehlt, wäre eine derartige Empfehlung anfechtbar.

Indikationsgebiete

Die Säuresekretionshemmung des Magens mit PPI wird erfolgreich in der Akuttherapie der gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD, „gastroesophageal reflux disease“) (2, 3, e3, e10, e14, e17e29) und der Langzeittherapie zur Rezidivprophylaxe (e12, e13, e30e33) eingesetzt. Zur Rezidivprophylaxe bei nichterosiver Refluxkrankheit (NERD, „non erosive gastroesophageal reflux disease“) kann auch eine Bedarfstherapie erfolgen (e31, e32). Bei erosiver Refluxösophagitis ist nach Abheilung in der Rezidivprophylaxe die tägliche PPI-Einnahme effizienter (e31, e33). Es kann aber die halbe Dosis der zur Akutabheilung ursprünglich eingesetzten Dosis ausreichen. Ob PPI die Progression einer intestinalen Metaplasie des Ösophagus (Barrett-Ösophagus) verzögern, ist nicht eindeutig geklärt.

PPI sind wirksam und Histamin-2-Rezeptorantagonisten („H2-Blocker“, H2RA) überlegen in der Abheilung des Ulcus ventriculi und -duodeni, gleich ob es sich um ein durch NSAR oder Helicobacter pylori verursachtes Ulkus handelt (e34e39). PPI sind Mittel der Wahl in der Sekundärprophylaxe gastroduodenaler Läsionen, die durch NSAR inklusive Acetylsalicylsäure (ASS) hervorgerufen wurden, sowie in der Akuttherapie und in der Rezidivprophylaxe von Ulkusblutungen nach primärer erfolgreicher endoskopischer Blutstillung (46, e40e43).

Eine Aussage zum Stellenwert der PPI in der Primärprophylaxe bei Medikation mit NSAR, bezogen auf die „number needed to treat“ (NNT) und die „number needed to harm“ (NNH), ist aufgrund fehlender größerer Studien noch nicht möglich. Die Zulassung für diese Indikation fehlt daher. Eine gewisse Evidenz zur Primärprophylaxe mittels PPI wäre aber gegeben: PPI reduzieren das Risiko, ein Ulkus unter einer Therapie mit NSAR zu entwickeln (e44e46). Sie senken auch das Blutungsrisiko unter einer dualen Therapie mit niedrig dosierter ASS und Clopidogrel (7). PPI sind Bestandteil nahezu aller derzeit eingesetzten Antibiotikakombinationen zur Eradikation der Helicobacter-pylori-Infektion (817). Darüber hinaus werden PPI auch vorübergehend nach Ösophagusvarizenligatur zur Prophylaxe einer Blutung aus den durch die Ligatur entstehenden Ulzerationen eingesetzt (18, 19). Der Evidenzgrad für diese Therapie ist aber nicht hoch.

Auch die Evidenz zur Therapie der funktionellen Dyspepsie (Reizmagensyndrom) mit PPI ist nicht überzeugend (e6, e7, e47, e48). Klassische Indikation für eine starke Säuresekretionshemmung mit PPI ist das Zollinger-Ellison-Syndrom, das äußerst seltene Krankheitsbild eines Gastrin-bildenden Tumors (20, e49e52). Bezüglich bereits genannter und weiterer Indikationen, die diskutiert werden, darf auf Übersichten der Cochrane Library verwiesen werden (Tabelle 1).

Unerwünschte Wirkungen

G-Zellen im Magenantrum synthetisieren Gastrin. Die Anhebung des pH-Wertes führt unabhängig von der Ursache des Anstiegs zu einer Gastrinsekretion. Hohe Gastrinspiegel stimulieren die Synthese von ECL-Zellen (ECL, „enterochromaffine like cells“). Unter einer Therapie in den zugelassenen PPI-Tagesdosen kommt es zu einer geringen Hypergastrinämie. Neuroendokrine Tumore (NET) unter PPI-Langzeittherapie sind beim Menschen nicht beschrieben worden. Eine Analyse der bislang publizierten Studien liefert keine Hinweise darauf, dass eine Langzeittherapie mit PPI in eine atrophische Gastritis oder eine intestinale Metaplasie mündet. Unter einer Dauertherapie mit PPI erhöht sich aber die Wahrscheinlichkeit für eine diffuse oder fokale mikronoduläre ECL-Zell-Hyperplasie (e62). Dies dürfte die Folge der Gastrinerhöhung sein.

Die Salzsäure des Magens kann aufgenommene Keime in der Nahrung abtöten. Ein Mangel an Salzsäure könnte ein erhöhtes Infektionsrisiko erklären. Salzsäure spielt eine Rolle in der Digestion, zum Beispiel zur Denaturierung von Proteinen und somit für den Beginn der Proteolyse im Magen zusammen mit der Protease Pepsin. Für eine optimale Verdauung muss aber die Salzsäure bereits im Duodenum durch das Bikarbonat des Pankreas neutralisiert werden, sonst wird die für die Fettverdauung essenzielle Lipase zerstört. Eine klinisch relevante Maldigestion und Malassimilation unter medikamentöser Säurehemmung ist daher eher unwahrscheinlich.

Die Calciumhomöostase ist komplex geregelt. Calcium wird überwiegend im oberen Dünndarm aktiv resorbiert, aber auch passiv parazellulär aufgenommen. Eine mangelhafte Calciumfreisetzung aus der Nahrung und eine verminderte Vitamin-D-Resorption bei Salzsäuremangel könnten für ein erhöhtes Osteoporoserisiko verantwortlich sein. Nach Absetzen der Säurehemmung kann es zu einem passageren überschießenden Anstieg der Säuresekretion kommen. Gesunde Menschen entwickelten vorübergehend Sodbrennen (21).

Nebenwirkungen laut Packungsbeilagen

Als häufige Nebenwirkung (weniger als 1–10, mehr als 1 von 100) werden Bauchschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Flatulenz, Kopfschmerzen, Obstipation und Übelkeit angegeben. Es dürfte sich in der Regel um nichtsubstanzspezifische Effekte handeln, da ähnliche Nebenwirkungen auch in den Studien unter Therapie mit Placebo auftraten. Das Spektrum der in den Packungsbeilagen gelisteten Arzneimittelinteraktionen ist aus Tabelle 2 ersichtlich. Da jedoch Kopfschmerzen häufiger unter Therapie mit PPI als unter H2-Rezeptor-Antagonisten (H2RA) auftreten, muss auch eine substanzspezifische Wirkung angenommen werden. Der Pathomechanismus ist unklar.

Angaben der Hersteller zu Arzneimittelinteraktionen von Protonenpumpenblockern
Angaben der Hersteller zu Arzneimittelinteraktionen von Protonenpumpenblockern

Ischämische anteriore Opticusneuropathie

Nach Einführung der parenteralen Applikationsform von Omeprazol wurde über Einzelfälle gravierender Nebenwirkungen, wie Erblindung, berichtet (e63e67). Bis heute sind keine weiteren Fälle dieser Komplikation unter Therapie mit PPI bekannt geworden (22, e52).

Vitamin-B12-Mangel

Für die Freisetzung von Vitamin B12 aus Nahrungsproteinen ist Magensäure erforderlich. Daher ist denkbar, dass Säureblocker wie PPI und H2RA zu einem Vitamin-B12-Mangel führen könnten. In einer Fall­kontroll­studie hatten 12 % der Personen mit Vitamin-B12-Mangel für mehr als zwei Jahre einen PPI und 4,2 % einen H2RA erhalten. In der Kontrollgruppe waren es 7,2 % und 3,2 % (23). Nach dieser Studie bestand auch ein zeitlicher Zusammenhang: Patienten, die aktuell oder vor kurzer Zeit einen PPI erhalten hatten, litten häufiger unter einem Vitamin-B12-Mangel als Patienten, bei denen die Verordnung schon längere Zeit zurücklag. Diese Daten könnten dazu veranlassen, bei einer PPI-Langzeittherapie zum Beispiel nach 2 Jahren eine Blutbildkontrolle mit der Frage nach megaloblastärer Anämie und eine Serum-Vitamin-B12-Spiegel-Messung durchzuführen.

Osteoporose, Frakturrisiko

Die Diskussion eines erhöhten Osteoporose- und somit Frakturrisikos aufgrund verringerter Calcium- und/oder Vitamin-D-Resorption bei einer Säureblockade ist noch nicht abgeschlossen. So konnte kein Einfluss von PPI auf die Calciumresorption gezeigt werden (e68, e69). Fall­kontroll­studien und Metaanalysen beschreiben ein gering erhöhtes Frakturrisiko, insbesondere Schenkelhalsfrakturen und Wirbelkörperfrakturen, unter einer Langzeittherapie mit PPI (2427, e70, e71). Warum einer anderen Metaanalyse zufolge das Frakturrisiko nach einer Kurzzeittherapie mit PPI, auch bei niedriger Dosis, höher sein soll als nach einer Langzeittherapie, bleibt spekulativ (28). In dieser Analyse wird auch ein fehlendes Risiko für Unterarmfrakturen berichtet. In einer prospektiven Kohortenstudie, die Frauen nach Eintritt in die Menopause eingeschlossen hatte, war das Schenkelhalsfrakturrisiko nur bei Raucherinnen erhöht (e72).

Die bisherigen Ergebnisse müssen aufgrund von möglichen konfundierenden Faktoren und fehlender prospektiver, randomisierter Studien mit Vorsicht interpretiert werden (24, 28). Eine Säurehemmung allein, ohne Vorliegen weiterer Risikofaktoren, scheint das Frakturrisiko nicht zu erhöhen.

Infektiös bedingte Komplikationen

Das Risiko, durch oral aufgenommene Keime aufgrund eines Mangels an Magensäure eine Infektion zu bekommen, ist unabhängig von der Ursache des Säuremangels und auch unter einer Langzeittherapie mit PPI sehr gering. Es werden vermehrt Fälle sowohl einer ambulant als auch im Krankenhaus erworbenen Pneumonie beschrieben (2931). Diese Analysen sind aber kritisch zu sehen, da konfundierende Faktoren vorlagen. So haben zum Beispiel ältere Patienten mit Komorbiditäten ein höheres Pneumonie-Risiko, erhalten aber aufgrund der Polymedikation auch öfters PPI.

Eine Analyse sehr stringent ausgewählter Kohorten in Kanada und Großbritannien ist bemerkenswert. Von 4 238 504 Patienten, die neu ein NSAR einnahmen, bekamen nur 2,3 % gleichzeitig einen PPI. 0,17 % dieser Patienten mussten aufgrund einer Pneumonie innerhalb von 6 Monaten stationär aufgenommen werden, 0,12 % die keinen PPI einnahmen. Das heißt, es besteht statistisch gesehen kein Unterschied (32).

Bezüglich der Erhöhung des Risikos für eine spontane bakterielle Peritonitis sind die Daten widersprüchlich; einige Studien beschreiben ein erhöhtes (33, 34), andere fanden kein erhöhtes Risiko (18). PPI erhöhen wahrscheinlich die Inzidenz einer Clostridium-difficile-Colitis (3537). Eine Studie zeigt aber kein erhöhtes Rezidivrisiko einer Clostridium-difficile-Infektion unter fortgesetzter PPI Therapie (e73). Die gleiche Arbeitsgruppe berichtet über die mögliche Pathogenese des erhöhten C.-difficile-Infektionsrisikos. Unter PPI ändert sich die prozentuale Zusammensetzung des Mikrobioms mit einem Anstieg von Genen, die bei der Invasion von Bakterien eine Rolle spielen (e74). Ungeklärt ist die Höhe des Risikos für eine Reisediarrhö.

Chronisches Nierenversagen, Demenz, Herzinfarkt

Es gibt weitere diskutierte Krankheitsrisiken unter einer Langzeittherapie mit PPI, zum Beispiel chronisches Nierenversagen (e75). In einer prospektiven Kohortenstudie wurde eine erhöhte Demenzrate gefunden (e76). Eine Analyse berichtet über ein erhöhtes Myokardinfarktrisiko unter einer Langzeittherapie mit PPI, unabhängig davon, ob die Patienten Clopidogrel als Komedikation erhielten (e77). Die Interpretation der Daten werden auch vor dem Hintergrund konfundierender Faktoren sehr kritisch diskutiert (e78).

Arzneimittelinteraktionen

Interaktionen der PPI mit anderen Medikamenten sind aufgrund unterschiedlicher Pathomechanismen möglich (Tabelle 2). So ist die Thyroxinresorption bei erhöhtem pH-Wert reduziert und die Dosis muss erhöht werden (e79). Eine Konkurrenz hinsichtlich der Metabolisierung durch das Cytochrom-P-450-Enzymsystem kann zu erhöhten oder erniedrigten Plasmaspiegeln eines Pharmakons führen. Omeprazol ist ein Inhibitor von CYP2C19. Medikamente mit Metabolismus über den gleichen Stoffwechselweg können in ihrem Abbau gehemmt werden. Andere PPI zeigen ein geringeres Interaktionspotenzial (e10). Dies müsste klinisch bedeutsam sein, auch wenn die Relevanz – das heißt deutlich weniger Nebenwirkungen – nicht durch Studien belegt ist.

Eine kontroverse Diskussion hat sich zur Frage möglicher Stentthrombosen infolge von Arzneimittelinteraktionen der PPI mit Clopidogrel entwickelt. Die verschiedenen PPI hemmen unterschiedlich stark CYP2C19, das wesentlich an der Bildung des aktiven Metaboliten von Clopidogrel beteiligt ist. Patienten, die nach einem akuten Koronarsyndrom Clopidogrel und PPI erhielten, hatten in einer Studie ein höheres Risiko für ein erneutes akutes Koronarsyndrom als Patienten nur unter Clopidogrel (38). Nach mehreren weiteren Studien zu diesem Thema scheint aber kaum ein klinisch relevantes Risiko vorzuliegen und der Nutzen der PPI-bedingten Prophylaxe gastrointestinaler Blutungen überwiegt (39, 40). Die American Heart Association empfiehlt daher, Patienten unter dualer Plättchenaggregation PPI zu verordnen, um bei Risikopatienten – es wäre noch exakt zu definieren, welche Patienten hierzu wirklich zählen – eine Blutung im oberen Gastrointestinaltrakt zu verhindern. Sie empfiehlt auch, trotz fehlender eindeutiger klinischer Evidenz, aufgrund genannter Interaktion mit CYP2C19 nicht Omeprazol oder Esomeprazol als PPI einzusetzen (e80). Diese Empfehlung stünde wiederum im Widerspruch zu dem oben diskutierten erhöhten Myokardinfarktrisiko unter PPI.

Interessenkonflikt

Prof. Mössner war Teilnehmer und Leiter von klinischen Studien, die die Wirksamkeit von Lansoprazol, Esomeprazol, Pantoprazol und Omeprazol untersuchten. Er erhielt bis 2009 Studienunterstützung und Honorare für Vorträge bei Satellitensymposien und Fortbildungsveranstaltungen, die von der pharmazeutischen Industrie unterstützt wurden, namentlich den Firmen Altana Nycomed, AstraZeneca, Eisei und Takeda. Kongressgebühren und Reisekosten wurden für ihn übernommen von der Firma AstraZeneca.

Manuskriptdaten
eingereicht: 19. 11. 2015, revidierte Fassung angenommen: 17. 3. 2016

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Joachim Mössner
Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie
Department für Innere Medizin, Neurologie und Dermatologie
Universitätsklinikum Leipzig, AöR
Liebigstraße 20, 04103 Leipzig
joachim.moessner@medizin.uni-leipzig.de

Zitierweise
Mössner J:The indications, applications, and risks of proton pump inhibitors—a review after 25 years. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 477–83.
DOI: 10.3238/arztebl.2016.0477

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