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Ist Embryonenspende notwendig?

Dtsch Arztebl 2016; 113(29-30): A-1374 / B-1158 / C-1138
THEMEN DER ZEIT
Noss, Ulrich; Hilland, Ulrich

Spende ist legal: Die unvorhergesehene Entstehung überzähliger Embryonen lässt sich bei der künstlichen Befruchtung nicht immer vermeiden. Deren Freigabe entspricht dem Sinn des Embryonenschutzgesetzes.

Rechtliches Spannungsfeld: Reproduktionsmediziner sind der Gefahr ausgesetzt, sich strafbar zu machen. Weder für genetische und soziale Eltern noch für die Kinder sind bisher gesetzliche Grundlagen geschaffen.

PRO

Dr. med. Ulrich Noss,  1. Vorsitzender Netzwerk Embryonenspende e. V.; Foto: privat
Dr. med. Ulrich Noss, 1. Vorsitzender Netzwerk Embryonenspende e. V.; Foto: privat

Reproduktionsmediziner in Bayern haben das Netzwerk Embryonenspende 2013 mit der Überzeugung gegründet, dass in Deutschland die Möglichkeit einer Embryonenspende notwendig und sinnvoll ist. Das Netzwerk greift den expliziten Willen einiger weniger Eltern dieser „überzähligen“ Embryonen auf, anderen Paaren mit dringendem Kinderwunsch und ohne eine alternative medizinisch mögliche Behandlungsoption zu helfen.

Zweck des Vereins ist die Förderung der Vermittlung von zur Spende freigegebenen befruchteten Eizellen beziehungsweise Embryonen an ungewollt kinderlose Paare, die medizinisch und biologisch nicht in der Lage sind, auf natürliche oder reproduktionsmedizinische Art Kinder zu zeugen. Der Verein Netzwerk Embryonenspende verwirklicht den Satzungszweck insbesondere dadurch, dass er Information, Beratung und Vermittlung sowie die damit verbundene medizinische Betreuung leistet, und zwar ohne Gewinnerzielungsabsicht.

Notwendig ist die Embryonenspende deshalb, weil sich im Rahmen von künstlichen Befruchtungen zur Behandlung des unerfüllten Kinderwunsches überzählige Embryonen nicht in allen Fällen definitiv vermeiden lassen.

Die ursprüngliche Interpretation des Embryonenschutzgesetzes, dass nur maximal drei Eizellen befruchtet werden dürfen, ist heute nicht mehr die überwiegende juristische Sicht. Vielmehr ist bei reproduktionsmedizinischen Behandlungen dafür Sorge zu tragen, dass genauso viele entwicklungsfähige Embryonen entstehen, wie auf Wunsch des Paares übertragen werden, um zu Schwangerschaft und Geburt zu führen (heutzutage in der Regel nur ein Embryo oder maximal zwei Embryonen).

Diese Vorgehensweise wird inzwischen von allen Reproduktionsmedizinern in Deutschland praktiziert und mit dem Begriff des „Deutschen Mittelwegs“ beschrieben.

Da die Voraussage allerdings, wie viele vermutlich entwicklungsfähige Embryonen tatsächlich entstehen werden, nur mit einer gewissen an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit getroffen werden kann, sind demgemäß auch Abweichungen hiervon unvermeidbar. In einzelnen Fällen entstehen unplanmäßig mehr als die gewünschte Anzahl entwicklungsfähiger Embryonen, also „überzählige“ Embryonen.

Sinnvoll ist die Freigabe dieser überzähligen Embryonen zur Spende gerade auch aus dem impliziten Sinn des Embryonenschutzgesetzes. Denn seine vorrangigen Regelungen gelten dem Schutz und Erhalt des extrakorporalen Embryos. Das deutsche Embryonenschutzgesetz regelt zwar eindeutig, dass überzählige Embryonen nicht mit Absicht generiert werden dürfen, verbietet also die intendierte Vorratshaltung. Die unvorhergesehene Entstehung überzähliger Embryonen verbietet das Gesetz allerdings nicht.

Die Patientin, von der der überzählige Embryo stammt, kann beispielsweise nach erfolgreich abgeschlossener Kinderwunschbehandlung und abgeschlossener Familienplanung auf der Vernichtung dieses Embryos bestehen (dieses Recht räumt ihr das Embryonenschutzgesetz explizit ein).

Diejenige Patientin jedoch, für die die Vernichtung ihres extrakorporalen Embryos völlig inakzeptabel ist, kann aber auch den Embryo freigeben für eine Spende an ein anderes Kinderwunschpaar. Ein Verbot dieser Freigabe zur Spende würde das Ziel des Embryonenschutzgesetzes, welches in einem humanen Umgang mit dem extrakorporal entstandenen Embryo zu sehen ist, unterlaufen!

Der Deutsche Ethikrat hat in einer sehr ausführlichen Stellungnahme alles Notwendige zur Embryonenspende gesagt und dabei bereits die vom Netzwerk Embryonenspende in den Beratungen vorgetragene Vorgehensweise berücksichtigt. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Empfehlungen des Ethikrates an den Gesetzgeber, gesetzgeberische Regeln zu erlassen, von Bundesregierung und Parlament berücksichtigt werden.

Dr. med. Ulrich Noss

1. Vorsitzender Netzwerk
Embryonenspende e. V.

Kontra

Dr. med. Ulrich Hilland, 1. Vorsitzender Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands e. V.; Foto: privat
Dr. med. Ulrich Hilland, 1. Vorsitzender Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands e. V.; Foto: privat

Nach der Geburt von Louise Brown am 25. Juli 1978 steckte die Reproduktionsmedizin noch in den Kinderschuhen und die In-vitro-Kulturtechniken und Behandlungsmethoden waren wenig ausgereift. Um überhaupt eine akzeptable Schwangerschaftsrate zu erzielen, wurden häufig mehrere Embryonen übertragen. Dies erhöhte das Risiko höhergradiger Mehrlingsschwangerschaften. Neben den ethischen Aspekten sollten diese Risiken durch das im Jahr 1990 erlassene Gesetz zum Schutz von Embryonen (Embryonenschutzgesetz) begrenzt werden. Noch heute regelt es die Maßnahmen der Reproduktionsmedizin in Deutschland.

Es stellt dabei denjenigen unter Strafe, der es unternimmt, mehr Eizellen einer Frau zu befruchten als ihr innerhalb eines Zyklus übertragen werden sollen. Gleichzeitig wurde die maximale Zahl übertragbarer Embryonen pro Zyklus auf drei Embryonen begrenzt. Diese Zahl ist teilweise in einzelnen (Landes-)Ärztekammern über das Berufsrecht noch weiter eingeschränkt.

Mittlerweile haben sich die Behandlungsmethoden aber so weit verbessert, dass auch mit einem sogenannten „single embryo transfer“ trotz der restriktiven Regelungen in Deutschland Schwangerschaftsraten von etwa 25 Prozent erreicht werden. Moderne Kultivierungsmethoden haben die Möglichkeit eröffnet, Embryonen über einen Zeitraum von fünf bis sechs Tagen im Kultivierungsmedium heranwachsen zu lassen, um pathologische Entwicklungsformen erst gar nicht zu übertragen.

Dabei wird von vielen Reproduktionsmedizinern und einigen Juristen die Auffassung vertreten, dass es auf der Grundlage einer individuellen Prognose erlaubt sein müsse, so viele Embryonen entstehen zu lassen, wie für eine erfolgreiche Therapie (sprich Geburt eines gesunden Kindes) erforderlich sind.

Dieser rechtliche Graubereich führt aber in einigen Fällen dazu, dass mehr Embryonen entstehen, als transferiert werden sollen. Überzählige Embryonen werden dabei kryokonserviert. Sie können häufig auch später nicht mehr auf die Frau übertragen werden, der die Eizellen entnommen wurden.

Zwar verbietet das Embryonenschutzgesetz die „Herstellung“ von Embryonen mit dem Ziel einer späteren Embryospende. Doch hat es der Gesetzgeber aus Gründen des Lebensschutzes bewusst zugelassen, dass der Transfer eines bereits vorhandenen Embryos auf eine andere Frau erlaubt ist, wenn dieser Embryo ungeplant nicht mehr seiner genetischen Mutter übertragen werden kann.

Für diesen Vorgang hat sich die Terminologie „Embryospende“ oder „Embryoadoption“ etabliert. Bei näherer Betrachtung wird allerdings deutlich, dass beide Begrifflichkeiten eine Vielzahl an Fragestellungen mit sich bringen. Es ist daher entsprechend der Empfehlung des Deutschen Ethikrates „Embryospende, Embryoadoption und elterliche Verantwortung“, Stellungnahme vom 22. März 2016, dringend erforderlich, die Rahmenbedingungen für die Embryospende/Embryoadoption gesetzlich festzulegen.

Bisher hat es der Gesetzgeber versäumt, nach mehr als 25 Jahren das Embryonenschutzgesetz den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Wir als Reproduktionsmediziner sind in diesem Spannungsfeld ständig der Gefahr ausgesetzt, uns strafbar zu machen, wenn wir optimal behandeln möchten.

Ferner bedarf es auch einer klaren Regelung bezüglich der rechtlichen Stellung einerseits der sozialen Eltern und andererseits der genetischen Eltern bei der Embryospende und der Embryoadoption. Auch die Rechte der aus einer solchen Behandlung heraus geborenen Kinder sind zu definieren und gesetzlich festzuhalten.

Der Deutsche Ethikrat fordert in seiner zuvor erwähnten Stellungnahme mit Recht, dass der Gesetzgeber aufgerufen ist, baldmöglichst im Interesse aller beteiligten Personen die rechtlichen Grundlagen für eine angemessene Handhabung der Embryospende zu schaffen. Dies ist sowohl für die Kinder, die sozialen und genetischen Eltern sowie für die Reproduktionsmediziner in Deutschland erforderlich.

Dr. med. Ulrich Hilland
1. Vorsitzender Bundesverband
Reproduktionsmedizinischer
Zentren Deutschlands e. V.

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