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ADHS in Deutschland: Trends in Diagnose und medikamentöser Therapie

Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 141-8; DOI: 10.3238/arztebl.2017.0141
MEDIZIN: Originalarbeit
Bachmann, Christian J.; Philipsen, Alexandra; Hoffmann, Falk
Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg: Prof. Dr. med. Dr. P.H. Bachmann
Medizinischer Campus Universität Oldenburg, Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Karl-Jaspers-Klinik, Bad Zwischenahn:
Prof. Dr. med. Philipsen
Abteilung Ambulante Versorgung und Pharmakoepidemiologie, Department für Versorgungsforschung, Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg:
Prof. Dr. P.H. Hoffmann, MPH

Hintergrund: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) besteht bei einem Teil der Patienten auch im Erwachsenenalter fort. Untersuchungen aus Deutschland zur Diagnose und Behandlung der ADHS im Lebensverlauf einschließlich der Transition jugendlicher ADHS-Patienten fehlen bisher weitgehend.

Methode: Bundesweit wurden Routinedaten der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) zur Häufigkeit von ADHS-Diagnosen und ADHS-Medikamentenverordnungen ausgewertet. Ergänzend wurde die Versorgung einer Kohorte 15-jähriger ADHS-Patienten als sogenannte Transitionskohorte im Verlauf von sechs Jahren analysiert.

Ergebnisse: Zwischen 2009 und 2014 stieg die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen bei 0- bis 17-Jährigen von 5,0 % auf 6,1 % (mit einem Maximum von 13,9 % bei 9-jährigen Jungen) und bei 18- bis 69-Jährigen von 0,2 % auf 0,4 % an. Während bei Erwachsenen mit ADHS-Diagnose die Verordnung von ADHS-Medikamenten zunahm, sank sie bei Kindern und Jugendlichen. Meistverordneter Wirkstoff war Methylphenidat, gefolgt von Atomoxetin und Lisdexamfetamin. In der Transitionskohorte fiel der Anteil der ADHS-Diagnosen innerhalb von 6 Jahren von 100 % auf 31,2 % und die Medikationshäufigkeit von 51,8 % auf 6,6 %.

Schlussfolgerung: In den vergangenen Jahren hat die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen und ADHS-Medikation bei Erwachsenen zugenommen, was als Ausdruck einer Sensibilisierung von Ärzten und Patienten für die adulte ADHS gewertet werden kann. Die Diagnosehäufigkeit liegt jedoch unter der in epidemiologischen Studien ermittelten Prävalenz. Dies könnte auf die Notwendigkeit eines Ausbaus der Versorgung adulter ADHS-Patienten hindeuten. Die niedrige Medikationsquote am Übergang ins Erwachsenenalter wirft die Frage auf, ob für diese Altersgruppe spezifische Transitionskonzepte entwickelt werden müssen.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eines der häufigsten kinder- und jugendpsychiatrischen Störungsbilder und hat erhebliche klinische und gesundheitsökonomische Relevanz (1, 2). Die Prävalenz der ADHS liegt bei Diagnosestellung nach ICD-10-Kriterien im Kindes- und Jugendalter bei circa 1,5–3 % (3, 4). Untersuchungen unter Verwendung der weiter gefassten DSM-IV-Kriterien ergeben eine höhere ADHS-Prävalenz, wobei US-amerikanische Studien wiederum höhere Prävalenzen berichten als europäische Studien (46).

Noch bis vor etwa 15 Jahren herrschte die Auffassung vor, dass eine ADHS sich mit der Pubertät „auswachse“ und eine Behandlung nach diesem Alter nicht mehr notwendig sei (7). Aktuelle Studien (auf Basis von DSM-IV-Kriterien) zeigen jedoch, dass die Störung auch im Erwachsenenalter fortbesteht (8). Unter Verwendung strikter Diagnosekriterien ergibt sich eine ADHS-Persistenzrate von etwa 40–50 % (8), in Studien mit anderen Diagnosekriterien zeigt sich eine erheblich größere Streuung der Persistenz (4–79 %) (811).

Die weltweite Prävalenz der ADHS im Erwachsenenalter nach DSM-IV-Kriterien wird mit 2,8 % angegeben (12). In der ICD-10 fehlen erwachsenenspezifische diagnostische Kriterien für die Diagnosestellung einer ADHS (13) und somit auch hochwertige bevölkerungsbasierte Studien zur ADHS-Prävalenz nach ICD-10.

Unbehandelt kann eine ADHS verschiedene ungünstige Konsequenzen haben, unter anderem höheres Unfallrisiko, höhere Mortalität, höheres Risiko für Depression, Persönlichkeitsstörung, Substanzmissbrauch und Inhaftierung, schlechteren Schulabschluss sowie häufigeren Arbeitsplatzverlust (14).

Die Therapie der ADHS erfolgt bei Kindern und Jugendlichen leitliniengemäß multimodal mit den Elementen Elterntraining, Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie (Stimulanzien, Atomoxetin) (15), wobei eine medikamentöse Behandlung nur bei entsprechend ausgeprägtem Schweregrad der Symptomatik indiziert ist. Eine medikamentöse Behandlung ist im Regelfall wirksam (Effektstärken: 0,5–1,0) (16), für nichtmedikamentöse Verfahren ist die Evidenz unzureichend (17).

Eine Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter sollte bei moderater bis schwerer Beeinträchtigung (eine schwere psychosoziale Beeinträchtigung liegt bei circa 30 % der Betroffenen vor [12]) erfolgen (18), wobei Pharmakotherapie sowie Verhaltenstherapie eingesetzt werden. Für die Pharmakotherapie mit Stimulanzien werden mittlere bis große Effektstärken (0,64,3) angegeben, während es zur Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen divergierende Daten gibt (19, 20). Die Therapieresponse (≥ 30 % Symptomreduktion) beträgt unter leitliniengerechter Medikation etwa 60 % (21, 22).

Im Gegensatz zum internationalen Schrifttum (zum Beispiel 23–25) liegen nur wenige Daten zu Prävalenz und Therapie der ADHS im Erwachsenenalter in Deutschland sowie zu entsprechenden zeitlichen Trends vor (2628).

Dem Erkenntnisfortschritt hinsichtlich der Persistenz der ADHS im Erwachsenenalter ist dadurch Rechnung getragen worden, dass in den letzten Jahren diesbezügliche Leitlinien und Diagnostikverfahren entwickelt sowie Therapiestudien durchgeführt wurden (29, 30). Ebenso sind verschiedene Medikamente für die Therapie der ADHS im Erwachsenenalter zugelassen worden (eTabelle 1). Auch die Zahl der Spezialambulanzen für Erwachsene mit ADHS nimmt allmählich zu; die Versorgungslage ist aber aus Sicht von Experten sowie Selbsthilfegruppen noch nicht befriedigend (31, 32).

Übersicht der in Deutschland zur Behandlung der ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zugelassenen Medikamente
Übersicht der in Deutschland zur Behandlung der ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zugelassenen Medikamente

Ein damit einhergehendes Problem ist der Übergang Jugendlicher mit ADHS in die erwachsenenmedizinische Versorgung. Idealerweise sollte diese sogenannte Transition „geplant, geordnet und zielgerichtet“ verlaufen (33). Hierzu gehört zum Beispiel die rechtzeitige Suche nach einem in der Behandlung der ADHS erfahrenen Arzt oder Psychotherapeuten im Erwachsenenbereich (sozialrechtlich endet die kinder- und jugendpsychiatrische oder pädiatrische Zuständigkeit mit Vollendung des 18., spätestens des 21. Lebensjahres) oder die strukturierte Übergabe relevanter Informationen (bisherige Therapie, Komorbiditäten) an diesen (34). Für viele Jugendliche ist dieser Übergang jedoch durch einen Mangel an Kontinuität in der medizinischen Versorgung gekennzeichnet – mit negativen Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und berufliches Potenzial (35). Bisher liegen nur wenige Untersuchungen zur Transition Jugendlicher mit ADHS vor, entsprechende deutsche Daten existieren nicht.

Vor diesem Hintergrund sollen in dieser Arbeit folgende Fragen untersucht werden:

Methoden

Die Analysen beruhen auf den Daten aller Mitglieder der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Um Angaben zur Diagnosehäufigkeit machen zu können, wurde auf der Grundlage der Krankenkassendaten die Zahl der Versicherten im Alter von 0–69 Jahren mit der Diagnose ADHS im Kalenderjahr 2009 und 2014 festgestellt. Für die Behandlungshäufigkeit wurden die Daten zur Verordnung von ADHS-Medikamenten im Zeitraum 2009–2014 ausgewertet (ausführlichere Darstellung der Methoden im eKasten).

Methoden
Methoden

ADHS-Diagnosen sind die im ambulant-ärztlichen Sektor als gesichert kodierten ICD-10-Diagnosen F90.0, F90.1, F90.8, F90.9 und F98.8. ADHS-Medikamente sind Methylphenidat, Atomoxetin, Lisdexamfetamin, Dexamfetamin, Amphetamin. Zur Transitionskohorte zählen alle Versicherten mit ADHS-Diagnose, die im Jahr 2008 fünfzehn Jahre alt und bis 2014 durchgängig versichert waren.

Ergebnisse

Diagnosehäufigkeit

Im Jahr 2009 wiesen 214 110 AOK-Versicherte zwischen 0 und 69 Jahren (71,4 % männlich, Durchschnittsalter: 13,5 [± 31,9] Jahre) eine ADHS-Diagnose auf, im Jahr 2014 waren es 274 982 (69,7 % männlich, Durchschnittsalter: 14,6 [± 35,1] Jahre), wovon 22,0 % auf den diagnostischen Kode F98.8 („Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ einschließlich „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität“) entfielen.

Die ADHS-Gesamthäufigkeit (0–69 Jahre) lag im Jahr 2009 bei 1,2 % der AOK-Versicherten (männliche Versicherte [m]: 1,7 %; weibliche Versicherte [w]: 0,7 %) und 2014 bei 1,5 % (m: 2,1 %; w: 0,9 %). Im Altersbereich 0–17 Jahre betrug die Diagnosehäufigkeit im Jahr 2009 5,0 % (m: 7,2 %; w: 2,8 %) und im Jahr 2014 6,1 % (m: 8,4 %; w: 3,6 %). Im Altersbereich 18–69 Jahre lag die Diagnosehäufigkeit im Jahr 2009 bei 0,2 % (m: 0,3 %; w: 0,2 %) und im Jahr 2014 bei 0,4 % (m: 0,5 %, w: 0,3 %). Ohne Berücksichtigung des ICD-10-Kodes F98.8 ergab sich für das Jahr 2009 eine ADHS-Gesamthäufigkeit von 0,9 % (0–17 Jahre: 3,9 %; 18–69 Jahre: 0,2 %) und für 2014 von 1,1 % (0–17 Jahre: 4,5 %; 18–69 Jahre: 0,3 %).

Die ADHS-Diagnosehäufigkeit im Lebensverlauf in den Jahren 2009 und 2014 ist in Grafik 1 dargestellt.

Prävalenz von ADHS-Diagnosen (in %)
Prävalenz von ADHS-Diagnosen (in %)

Nach einem Gipfel bei 9-Jährigen (2009: 9,2 % [m: 12,8 %; w: 5,4 %]; 2014: 10,2 % [m: 13,9 %; w: 6,4 %]) fällt die Diagnosehäufigkeit deutlich ab (2009: 1,9 % beziehungsweise 2014: 3,5 % bei 18-Jährigen; 0,2 % beziehungsweise 0,4 % bei 30-Jährigen), um danach nur noch langsam abzusinken. Bezüglich der Altersgipfel zeigt sich kein klinisch relevanter geschlechtsspezifischer Unterschied. Hinsichtlich der ADHS-Diagnosehäufigkeit betrug das Verhältnis Männer/Frauen 2,5 (2009) beziehungsweise 2,3 (2014), bei weitgehend ausgeglichenem Geschlechterverhältnis ab dem Ende der vierten Lebensdekade.

Im Jahr 2014 war die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen in allen Altersgruppen höher als 2009.

Behandlungshäufigkeit

Die Häufigkeit der medikamentösen Therapie Versicherter mit ADHS-Diagnosen ist in Grafik 2 dargestellt. Es zeigen sich zwei Altersgipfel, und zwar im Alter von 13–14 Jahren (2009: 51,7 %; 2014: 43,1 %) sowie im Alter von 34 (2009: 19,2 %) beziehungsweise 37 Jahren (2014: 33,4 %). Von 2009 nach 2014 nahm die Häufigkeit medikamentöser ADHS-Behandlung bei Erwachsenen zu, bei Kindern und Jugendlichen hingegen ab (Grafik 2a). Die maximale Behandlungshäufigkeit betrug im Jahr 2014 bei weiblichen Jugendlichen 33,0 % und bei Frauen 31,8 %, bei männlichen Jugendlichen 46,9 %, bei Männern 36,0 %, (Grafik 2b, Grafik 2c).

ADHS-Medikation in den Jahren 2009 und 2014 (a) sowie Übersicht der in 2014 verordneten Wirkstoffe (b, c)
ADHS-Medikation in den Jahren 2009 und 2014 (a) sowie Übersicht der in 2014 verordneten Wirkstoffe (b, c)

Mit einem Anteil von 75–100 % der verordneten ADHS-Medikamente war Methylphenidat in fast allen Altersklassen die meistverordnete Substanz. Atomoxetin war überwiegend der am zweithäufigsten verschriebene Wirkstoff. Eine Ausnahme bildeten weibliche Versicherte im Alter von 9–15 und 17 Jahren sowie männliche Versicherte im Alter von 4, 6–15 und 64 Jahren, bei denen Lisdexamfetamin mindestens genauso häufig wie Atomoxetin verschrieben wurde.

Bereits vor Zulassung des ersten Methylphenidat-Präparates für Erwachsene (April 2011) (eTabelle 1) wurde zwischen 11,4 % und 18,8 % der 19- bis 21-jährigen Versicherten mit ADHS-Diagnose Methylphenidat verordnet (eTabelle 2). In den Jahren 2011–2014 stieg dieser Anteil auf 13,3–24,0 %. Die Verordnung von Atomoxetin (Zulassung für Erwachsene: Juni 2013) stieg von 1,2–1,9 % (2012) auf 1,7–2,2 % im Jahr 2014.

Anteil der Versicherten (in %) mit Verordnung des jeweiligen Wirkstoffes
zur Behandlung der ADHS (15– bis 21-jährige AOK-Versicherte mit ADHS-Diagnose,
2009–2014)
Anteil der Versicherten (in %) mit Verordnung des jeweiligen Wirkstoffes zur Behandlung der ADHS (15– bis 21-jährige AOK-Versicherte mit ADHS-Diagnose, 2009–2014)

Die Transitionskohorte umfasste 5 593 15-jährige Jugendliche (m: 77,6 %) mit ADHS-Diagnose, von denen im Alter von 21 Jahren noch 31,2 % eine ADHS-Diagnose aufwiesen. Im gleichen Zeitraum fiel die Medikationsquote von 51,8 % auf 6,6 % (Grafik 3).

Anteil der AOK-Versicherten der
Transitionskohorte
mit ADHS-Diagnose
Anteil der AOK-Versicherten der Transitionskohorte mit ADHS-Diagnose

Die Kontakte zu verschiedenen Facharztgruppen im Verlauf der Transition sind in der eGrafik dargestellt.

Arztkontakte der Transitionskohorte
Arztkontakte der Transitionskohorte

Diskussion

Die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Die in dieser Studie gefundene Häufigkeit von ADHS-Diagnosen bei AOK-Versicherten im Kindes- und Jugendalter liegt gegenüber anderen deutschen Studien (2007: 2,2 % bei 0- bis 18-Jährigen [36]; 2011: 4,1 % bei 0- bis 19-Jährigen [28]) höher, was auch auf Unterschiede im Studiendesign (zum Beispiel Einschluss von F98.8 in der vorliegenden Studie) zurückzuführen sein mag. Eine Zunahme findet sich auch in anderen westlichen Ländern (37, 38). Bei 5- bis 14-jährigen Jungen liegt die Diagnosehäufigkeit – analog zu Grobe et al. (11,9 % der 10-jährigen Jungen [28]) – mit 10,5–12,1 % (2014) deutlich über der in epidemiologischen Studien ermittelten ADHS-Prävalenz von 0,6–5,0 % (3, 4, 6). Die Erklärungsansätze für diesen Befund sind vielfältig und umfassen neben unterschiedlichen diagnostischen Kriterien im klinischen Alltag und in epidemiologischen Studien möglicherweise auch eine Überdiagnostik (zum Beispiel im Kontext schulischer Adaptationsprozesse).

Hinsichtlich der Veränderung der ADHS-Diagnosehäufigkeit bei Erwachsenen liegt ein Vergleich mit der Arbeit von Grobe et al. nahe, die von 2006–2011 eine Verdoppelung bis Verdreifachung der Häufigkeit von ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen (20–39 Jahre) berichtete (28). International war in den vergangenen Jahren in verschiedenen Ländern gleichfalls eine Zunahme der ADHS-Diagnosehäufigkeit bei Erwachsenen zu verzeichnen (23, 39, 40).

Dieser Trend ist vermutlich auf vielfältige Faktoren, unter anderem die verbesserte Versorgungssituation (zum Beispiel Kostenerstattung von ADHS-Medikamenten, Neugründungen von ADHS-Spezialambulanzen für Erwachsene) und – ähnlich wie bei Autismus-Spektrum-Störungen (e1) – eine verstärkte Sensibilisierung für ein Fortbestehen der ADHS im Erwachsenenalter zurückzuführen.

Von der Größenordnung liegt die ADHS-Diagnosehäufigkeit im Erwachsenenalter in Deutschland höher als in Spanien (0,04 %) (e2), aber deutlich unter den aus Schweden berichteten Zahlen (1,1 % in 2006, 4,8 % in 2011) (23). Insgesamt liegt die in dieser Studie gefundene ADHS-Diagnosehäufigkeit unter dem, was nach einer Metaanalyse (e3) und bei einer ADHS-Persistenz von etwa 40–50 % zu erwarten wäre. Mögliche Gründe hierfür sind eine weiterhin unzureichende Versorgungssituation sowie die oft schwierige Diagnosestellung (e4).

Die Angleichung der ADHS-Diagnosehäufigkeit von Männern und Frauen im Verlauf des Erwachsenenalters entspricht weitgehend den Ergebnissen epidemiologischer Studien (26).

Der Befund, dass die Verordnung von ADHS-Medikamenten für Kinder und Jugendliche mit ADHS-Diagnose rückläufig ist, geht in eine ähnliche Richtung wie andere Arbeiten mit deutschen Daten, die gleichfalls eine Stagnation beziehungsweise Abnahme der Verschreibung von Methylphenidat im zeitlichen Zusammenhang mit der Verschärfung der Verordnungsbedingungen im Jahr 2010 berichten (e5, e6).

Im internationalen Kontext steigen die Verschreibungszahlen für ADHS-Medikamente bei Kindern und Jugendlichen (unabhängig vom Vorhandensein einer ADHS-Diagnose) eher an (e6). Auch bei anderen Substanzgruppen, zum Beispiel Antipsychotika und Antidepressiva, sind bei Kindern und Jugendlichen zunehmende Verschreibungszahlen zu beobachten (e7, e8).

Die Zunahme der Verordnungen von ADHS-Medikamenten bei Erwachsenen ist vermutlich auf die gleichen Ursachen, die auch der gestiegenen ADHS-Diagnosehäufigkeit zugrundeliegen, zurückzuführen.

Die Tabelle bietet eine Übersicht (methodisch unterschiedlicher) internationaler Studien zur Häufigkeit von ADHS-Medikation bei Erwachsenen. Die mit zunehmendem Lebensalter abnehmenden Medikamenten-Verschreibungen bei Erwachsenen stimmen mit internationalen Daten überein (24, 25). Die in unserer Studie gefundene ADHS-Medikationshäufigkeit liegt niedriger als in Spanien und Schweden, aber höher als in England (Tabelle). Analog zu Skandinavien und Großbritannien (25, 39) erhielten Männer häufiger ADHS-Medikamente, wohingegen in den USA ab Anfang der vierten Lebensdekade Frauen überwiegen (24).

Übersicht aktueller internationaler Arbeiten zur Häufigkeit von ADHS-Medikation im Jugend- und Erwachsenenalter
Übersicht aktueller internationaler Arbeiten zur Häufigkeit von ADHS-Medikation im Jugend- und Erwachsenenalter

Bemerkenswert ist, dass bei Versicherten mit ADHS-Diagnose in der vierten und fünften Lebensdekade eine ADHS-Medikationsquote um 30 % erreicht wird. Dies entspricht in etwa dem Anteil Erwachsener mit ADHS, bei dem eine schwere psychosoziale Beeinträchtigung vorliegt (12). Eine abschließende Bewertung der Adäquanz der Medikationsquote ist jedoch aufgrund fehlender Referenzwerte und international deutlicher Unterschiede in der Behandlung nicht möglich (e12).

Bezüglich der verordneten Wirkstoffe war Methylphenidat die wichtigste Substanz. Dies entspricht den Leitlinienempfehlungen und der Zulassungssituation in Deutschland (eTabelle 1). Die Zunahme der Verschreibung von Methylphenidat in den Jahren 2011–2014 bei den über 18-Jährigen kann als Folge der Zulassung bei Erwachsenen interpretiert werden.

Die in der Transitionskohorte von 51,8 % auf 6,6 % abgesunkene Medikationsquote ist von der Größenordnung her mit Großbritannien vergleichbar (e13) und kann einerseits als Folge der Transitionsphase, andererseits aber auch als mögliches Indiz einer sehr niedrigen ADHS-Persistenz im Erwachsenenalter gewertet werden. Vergleichsdaten zur Transition der ADHS (nach ICD-10-Diagnosekriterien) aus populationsbasierten Studien fehlen bisher.

Für die erstgenannte Erklärung spricht, dass unabhängig von der Transitionskohorte auch bei Versicherten mit ADHS zum Ende der zweiten Lebensdekade die Medikationsquote zurückging (Grafik 2a), was in ähnlicher Weise interpretiert werden könnte – zumal in der ersten Hälfte der dritten Lebensdekade der Anteil medikamentös behandelter AOK-Versicherter erneut (wenn auch auf einem vergleichsweise niedrigem Niveau) ansteigt.

Andererseits könnte dieser zweite Medikationsgipfel auch im Zusammenhang mit den Herausforderungen dieser Lebensphase (zum Beispiel Familiengründung, Elternschaft) mit entsprechenden Anforderungen an Organisationsfähigkeit und Emotions- und Impulskontrolle stehen.

Limitationen

Stärke dieser Arbeit ist die Verwendung von Sekundärdaten, die eine Vollerhebung innerhalb einer großen Population ermöglicht und hierdurch Störfaktoren, wie zum Beispiel Erinnerungsverfälschungen („recall bias“), ausschließt. Dies bringt jedoch auch Nachteile mit sich, zum Beispiel eine möglicherweise geringere Qualität der kodierten Diagnosen und fehlende Zusatzinformationen hinsichtlich Symptomschwere, Komorbiditäten (9), psychosozialem Status oder Indikationen von Arzneimittelverordnungen. Allerdings ist anzunehmen, dass die allermeisten Verordnungen in dieser Studie für die Indikation ADHS erfolgten, da als alternative Indikation nur die recht seltene Narkolepsie (Prävalenz: 25–50/100 000) infrage käme (e14).

Psychiatrische Auffälligkeiten kommen unter anderem aufgrund des niedrigeren sozioökonomischen Status häufiger bei AOK-Versicherten vor (e15), wodurch unsere Routinedatenanalyse die tatsächliche ADHS-Prävalenz überschätzen dürfte.

Eine weitere Limitation besteht darin, dass nur Verschreibungsdaten, jedoch keine Diagnosen aus Psychiatrischen Institutsambulanzen und Hochschulambulanzen zur Verfügung standen. Dies dürfte zu einer geringen Unterschätzung der Diagnosehäufigkeit führen. Gelegentlich off-label zur ADHS-Behandlung verordnete Medikamente (zum Beispiel Clonidin) sowie andere ADHS-Therapieformen (zum Beispiel Neurofeedback) konnten nicht in die Auswertung einbezogen werden. Eine Auswertung psychotherapeutischer Behandlungen erfolgte nicht, da keine Angaben vorlagen, ob die zugrunde liegende Indikation ADHS oder eine andere psychische Störung war.

Schlussfolgerung

In den vergangenen Jahren hat die ADHS-Diagnosehäufigkeit bei Erwachsenen zugenommen, was als Ausdruck einer gesteigerten Sensibilisierung von Ärzten und Patienten für die adulte ADHS gewertet werden kann. Die diagnostizierte Häufigkeit der ADHS bei Erwachsenen liegt jedoch unter der in epidemiologischen Studien ermittelten Prävalenz, was auf einen signifikanten Anteil undiagnostizierter Fälle hindeutet und die Notwendigkeit eines weiteren Ausbaus der Versorgung adulter ADHS-Patienten unterstreicht. Der erhebliche Rückgang der medikamentösen Therapie der ADHS am Übergang ins Erwachsenenalter wirft die Frage auf, ob dafür spezifische Transitionskonzepte (e16, e17) entwickelt werden sollten.

Danksagung
Wir danken Herrn Jürgen-Bernhard Adler und Frau Bettina Gerste vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in Berlin für die Aufbereitung und Bereitstellung der dieser Studie zugrunde liegenden Daten. Die Studie wurde ohne externe finanzielle Unterstützung durchgeführt.

Interessenkonflikt

Prof. Philipsen erhielt Honorare für Berater- und Vortragstätigkeit sowie Reisekostenerstattung von Eli Lilly, MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Novartis, Shire und Lundbeck.

Prof. Bachmann und Prof. Hoffmann erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 23. 9. 2016, revidierte Fassung angenommen: 10. 1. 2017

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Dr. P.H. Christian J. Bachmann
Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg
35043 Marburg
chrstn.bchmnn@gmail.com

Zitierweise
Bachmann CJ, Philipsen A, Hoffmann F: ADHD in Germany: trends in diagnosis and pharmacotherapy—a country-wide analysis of health insurance data on attention-deficit/ hyperactivity disorder (ADHD) in children, adolescents and adults from 2009–2014.
Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 141–8. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0141

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