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Größenentwicklung und Pubertät bei deutschen Kindern – Gibt es noch einen positiven säkularen Trend? Milchkonsum – Wesentlicher Faktor der Größenentwicklung

Dtsch Arztebl Int 2009; 106(40): 656; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0656a
MEDIZIN: Diskussion
Melnik, Bodo
zu dem Beitrag von PD Dr. med. Bettina Gohlke, PD Dr. med. Joachim F. Woelfle in Heft 23/2009
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat man eine Zunahme von Körpergröße und Tempo der körperlichen Entwicklung beobachtet. Als Ursache für diesen „säkularen Trend“ diskutieren die Autoren den sozioökonomischen Status, die genetischen Faktoren der somatotropen Achse, Wachstumshormon (WH) und insulinartigen Wachstumsfaktor-1 (IGF-1) sowie Ernährung und epigenetische Einflüsse. Sie kommen zu dem Schluss, dass insbesondere Faktoren der frühkindlichen Ernährung sowie epigenetische Regulationen spezifischer Zielgene den säkularen Trend erklären. Die Übersichtsarbeit berücksichtigt leider nicht, dass der Kuhmilchkonsum einen wesentlichen Beitrag zum linearen Wachstum liefert. Zahlreiche Studien zeigen, dass das lineare Größenwachstum signifikant mit dem Milchkonsum korreliert (1). Milchkonsum wirkt insulinotrop und erhöht bei Kindern im Gegensatz zu Fleisch die Serumspiegel von Insulin und IGF-1 und steigert die Insulinresistenz. Vermehrter Kuhmilchkonsum während der Schwangerschaft ist mit einer Erhöhung des Geburtsgewichts und der Größe assoziiert und kommt daher als Risikofaktor der fetalen Makrosomie in Betracht. Mit Kuhmilchprotein gefütterte Säuglinge weisen im Vergleich zu Gestillten erhöhte postprandiale Insulinspiegel und IGF-1-Serumspiegel auf. Kuhmilchkonsum verschiebt die somtatotrope Achse in unphysiologisch überhöhte Bereiche (2). Da Insulin und IGF-1 maßgeblich die Promotorfunktion zahlreicher Gene modifizieren, sind hierdurch die vermuteten epigenetischen Veränderungen zu erklären, die das lineare Wachstum beschleunigen. Die Verschiebung der WH-IGF-1-Achse und deren mögliche frühkindliche Fehlprogrammierung durch gesteigerten peri- und postpartalen Kuhmilchkonsum stehen in Verdacht, die Disposition zu Erkrankungen mit gesteigerter Insulinresistenz und erhöhten IGF-1-Spiegeln wie Akne, Adipositas, Diabetes mellitus, metabolisches Syndrom, kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs zu erhöhen (3). Aus präventionsmedizinischer Sicht ist dem säkularen Trend größte Bedeutung beizumessen. Die Milch-induzierte Verschiebung der somatotropen Achse mit Induktion partieller Insulinresistenz und der daraus resultierenden gesundheitlichen Langzeitfolgen bedarf einer grundlegenden Überprüfung (2, 3).
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0656a


Prof. Dr. med. Bodo Melnik
Universität Osnabrück, Sedanstraße 115, 49090 Osnabrück
E-Mail: melnik@t-online.de
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