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Heinrich Heines Tod: Ein Winterkrimi

Dtsch Arztebl 1998; 95(1-2): A-47 / B-43 / C-43
VARIA: Feuilleton
Klinkhammer, Gisela
Am Ende des Heinejahres 1996 präsentierten Rechtsmediziner der Universitäten Düsseldorf und Göttingen eine überraschende These über den Tod des Dichters. Sie haben kaum Zweifel daran, daß Heinrich Heine an einer Bleivergiftung starb. Möglicherweise wurde er sogar ermordet.
Der Dichter Heinrich Heine wurde 200 Jahre nach seiner Geburt vor allem in seiner Geburtsstadt Düsseldorf auf vielfältige Weise geehrt und gefeiert - eine späte Wiedergutmachung. Ende des Jahres nahmen sich auch Ärzte seiner an. Rechtsmediziner der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt untersuchten gemeinsam mit Kollegen aus Göttingen eine Haarlocke des Poeten, genauer gesagt zehn Haare, die aus dem Nachlaß seiner Frau Mathilde stammen. Eigentlich wollten sie nur den Beweis dafür erbringen, daß Heinrich Heine wirklich an Syphilis gestorben ist. In diesem Fall hätten sich in den Haaren Spuren von Quecksilber finden lassen müssen. Denn Quecksilber wurde im vorigen Jahrhundert in der Regel zur Syphilistherapie eingesetzt.
Mit Hilfe modernster Technik, der sogenannten Totalreflexions- und Röntgenfluoreszenz, habe er die Haare untersucht, berichtete Dr. med. Dr. rer. nat. Harald Kijewski, Arzt und Diplomchemiker am Institut für Rechtsmedizin der Universität Göttingen, in Düsseldorf vor Journalisten. Dabei machte er eine überraschende Entdeckung: Die Analysen ergaben nämlich keinerlei Hinweise auf Quecksilber. "Wir haben statt dessen erhebliche Spuren von Blei gefunden." Es fanden sich zwischen 192 und 244 Mikrogramm Blei pro Gramm Haar. Verglichen mit Normwerten (etwa 1,8 Mikrogramm Blei pro Gramm Haar), könne dies als Indiz für eine Bleivergiftung angesehen werden. Damit sei es zwar keineswegs widerlegt, daß Heine dennoch an Syphilis erkrankt war, da die Quecksilbertherapie nicht obligat war, räumte der Rechtsmediziner ein. Es spreche jedoch einiges dafür, daß Heine an einer Bleivergiftung gestorben sei.
Bleivergiftung
Als Heine-Liebhaber habe er aufgrund seiner Entdeckung nach einer Schilderung der typischen Symptome einer solchen Vergiftung in Heines Gedichten gesucht. Und er sei fündig geworden, berichtete Kijewski. In einem seiner letzten Gedichte (siehe Kasten) habe der Dichter seine eigenen Beschwerden seinen Feinden gewidmet. Er schilderte - auch in anderen Werken - fast alle Erscheinungen einer klassischen Bleivergiftung: Speichelfluß, Darmkoliken, Tremor, Mattigkeit der Muskeln, Lähmungen, Gewichtsverlust, Einschränkungen der Atemmuskulatur. "Ich habe kaum jemals eine Vergiftung festgestellt, die mit der beschriebenen Symptomatik so sehr übereinstimmt wie in diesem Fall", sagte Kijewski. Auch der Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Prof. Dr. med. Wolfgang Bonte, hält es für sehr wahrscheinlich, daß Heinrich Heine an einer massiven Bleivergiftung litt: "An diesem Bleiwert kommt man nicht vorbei."
Doch wie kam es zu dieser Erkrankung? Möglich wäre es, daß beispielsweise das Trinkwasser in einem bleihaltigen Gefäß aufbewahrt gewesen wäre. Dann hätten allerdings die Menschen in Heines Umgebung die gleichen Symptome aufweisen müssen. Davon sei jedoch nichts bekannt. Auch bleihaltige Pomaden seien zu Heines Lebzeiten üblich gewesen. Sie wurden, so Kijewski, erst 1897 verboten. Er habe jedoch nicht den Eindruck gewonnen, als ob die Haare des Dichters mit Blei behandelt gewesen waren. Eine Ermordung des Poeten ist also nicht auszuschließen. Der Göttinger Rechtsmediziner: "Bleiacetat läßt sich allen Nahrungsmitteln und Getränken unauffällig beimengen." Tatverdächtige mochte er allerdings nicht nennen, da dies reine Spekulation wäre. Es gibt allerdings auch Zweifel. So fragte Bonte: "Ist die Locke wirklich von Heine? Ist sie aus der Zeit seines Todes?" Gewißheit könnte möglicherweise eine in Kürze vorgesehene Untersuchung bringen. Dann nämlich werden die Wissenschaftler sich die Totenmaske des Dichters im Heine-Institut ansehen. An ihr könnten sich, so hofft Dr. med. Wolfgang Huckenbeck, Leiter des Serologischen Laboratoriums am Institut für Rechtsmedizin der Universität Düsseldorf, Barthaare mit Haarwurzeln befinden. Dann wäre die DNA-Analyse und die damit verbundene Frage nach der Echtheit der Haare kein Problem mehr.
Der Leiter des Heinrich-Heine-Instituts, Prof. Dr. Joseph A. Kruse, vertritt allerdings die Auffassung, daß diese Untersuchungen wohl kaum im Sinne des Dichters sind. Er versicherte: "Von mir hätte niemand die Haare bekommen." Trotz dieser Bedenken ist Kruse dazu bereit, die Totenmaske für die Untersuchungen zur Verfügung zu stellen, auch wenn sich "die Biographie Heines durch die Ergebnisse der Untersuchungen sicherlich nicht ändern wird". Letztlich müßten die Medizinhistoriker die Schlußfolgerungen ziehen.
Gisela Klinkhammer
LNSLNS