ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Porträt einer Ärztin im Praktikum: Positive Bilanz trotz schlechter Bezahlung

POLITIK: Die Reportage

Porträt einer Ärztin im Praktikum: Positive Bilanz trotz schlechter Bezahlung

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Nach absolviertem Praktischem Jahr und drittem Staatsexamen sollen junge Mediziner ihre "praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten" vertiefen, damit sie sich nach Abschluß der Ausbildung "eigenverantwortlich und selbständig betätigen können", heißt es in der Approbationsordnung. Wie diese 18monatige Zeit von einer Ärztin im Praktikum beurteilt wird, schildert der folgende Artikel.


Der Tag einer Ärztin im Praktikum ist lang, anstrengend, aber auch abwechslungsreich. Jedenfalls war er das bei Verena Falk, die ihre AiP-Zeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Rheinischen Landes- und Hochschulklinik Düsseldorf absolviert hat. Ihr Arbeitstag begann mit Blutentnahmen, Korrespondenz und Diktieren von Arztberichten. Die Kinder und Jugendlichen besuchen vormittags in der Regel eine Schule für Erziehungsschwierige.
Anschließend hätten die Ärzte Neuaufnahmen, Probleme mit Patienten und andere Themen besprochen. Ab 9.30 Uhr stünden dann wiederum Visiten mit Einsicht in die Aufzeichnungen des pflegerischen und pädagogischen Personals sowie Gespräche mit Eltern, Jugendämtern oder Patienten auf dem Programm. Die Nachmittage sind unter anderem in der Regel für Elterngespräche und Explorationen reserviert, in denen sie sich bei neuen Patienten über die Vorgeschichte der Erkrankung, die Familiengeschichte und die Entwicklung des Kindes informiert.
Grundsätzlich hat Verena Falk, die seit kurzem als Stationsärztin auf "ihrer" Station arbeitet, die Zeit als Ärztin im Praktikum in guter Erinnerung. "Ich hatte schon immer Interesse an der Arbeit mit Kindern. Erfahrungen innerhalb einer Famulatur in einer Kinderarztpraxis und während einer längeren Tätigkeit in einem Kindergarten haben mein Interesse für psychische Störungen bei Kindern geweckt, die in diesem Zusammenhang schon häufig Thema waren. Deshalb entschloß ich mich, nicht die somatische Richtung einzuschlagen, sondern die psychiatrische, einer idealen Verbindung von Medizin und Psychotherapie."
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Düsseldorf ist zuständig für eine Akut- und Regelversorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher im Alter von sechs bis etwa 18 Jahren mit verschiedenen Krankheitsbildern, zum Beispiel Neurosen, Psychosen oder Sozialverhaltensstörungen. Die Patienten werden entweder auf einer der drei Stationen behandelt oder in der Tagesklinik. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet nach dem sogenannten halbgeschlossenen System, das heißt, auf jeder Station werden Patienten betreut, die in der Behandlung schon fortgeschritten sind und die Ausgang haben, sowie Patienten, die geschlossen untergebracht sind.
Verena Falk arbeitet seit 1994 auf einer der beiden Jugendlichenstationen für 14- bis 18jährige. Zu Beginn ihrer Tätigkeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Düsseldorf gehörten auch Vertretungen auf den anderen Stationen, die Arbeit auf den Vorschaltambulanzen sowie regelmäßige Bereitschaftsdienste zu ihrem Alltag. Die Klinik sei für die Akutversorgung nicht nur in Düsseldorf und Wuppertal, sondern für den gesamten Kreis Mettmann mit Hilden, Langenfeld, Monheim und Remscheid zuständig. Meistens sind es Familienangehörige, die ihre Kinder in die Klinik bringen, manchmal auch Mitarbeiter von Jugendämtern, Ordnungsamt und Polizei oder Lehrer. Der Bereitschaftsarzt ist für die Akutversorgung zuständig; gleichzeitig muß entschieden werden, ob der Patient stationär aufgenommen wird. Da Ärztemangel in der Abteilung geherrscht habe, mußte Verena Falk möglichst schnell lernen, selbständig zu arbeiten. "Dennoch haben sich meine betreuenden Ärzte bemüht, mir in der knappen Zeit soviel Wissen wie möglich zu vermitteln", räumt die 30jährige ein.


Betreuung von Jugendlichen
Seit Juni 1994 hat Verena Falk die Station dann nicht mehr gewechselt. Ihre Tätigkeit bestand seitdem vorwiegend in der Betreuung von über 14jährigen Jugendlichen. Neben umfassenden Behandlungsmethoden wie Einzel-, Gruppen- und Familientherapie ist auch die kreative Entfaltung ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes. So hat Verena Falk schon seit Beginn ihrer Zeit als Ärztin im Praktikum mit einer Musikgruppe gearbeitet. Dort hätten die Patienten gesungen und Rhythmusinstrumente sowie teilweise auch Melodieinstrumente gespielt. "Diese Gruppe arbeitete nicht leistungsbezogen, und die Teilnahme war freiwillig." Die Schülerinnen und Schüler der Klinikschule haben vor kurzem sogar ein Buch herausgegeben (Marie-Luise Knopp, Klaus Napp: Wenn die Seele überläuft. Kinder und Jugendliche erleben die Psychiatrie, PsychiatrieVerlag, Bonn, 1995). Das Buch geht hervor aus einem Zeitungsprojekt. In der seit 1991 erscheinenden Zeitung "Klapse" berichten Kinder und Jugendliche über ihre Probleme und ihren Alltag in der Jugendpsychiatrie.
Die 18 Monate als Ärztin im Praktikum seien zwar oft stressig und arbeitsintensiv gewesen, "doch es hat mir Freude gemacht, und ich habe viel gelernt, nicht zuletzt durch das Sammeln von Erfahrungen, und bin dann in der diagnostischen Beurteilung und Behandlung von Patienten immer sicherer geworden". Sie habe außerdem festgestellt, daß ihr Entschluß, ihre Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu absolvieren, richtig war, sagt Verena Falk.
Und genau das ist auch der Sinn der AiP-Zeit. So hätten schon Ende der 70er Jahre viele Beteiligte festgestellt, daß die Ausbildung zum Arzt an den Hochschulen ausreichende praktische Fertigkeiten und Fähigkeiten nicht mehr vermittele, um sich nach dem Abschluß der Ausbildung unmittelbar als approbierter Arzt eigenverantwortlich und selbständig betätigen zu können, heißt es in der Approbationsordnung für Ärzte. "Bedingt durch die große Zahl der Absolventen des Medizinstudiums erschöpfte sich auch die Möglichkeit, die bisher dem Arzt nach seiner Ausbildung eine mehrjährige Betätigung im Krankenhaus sicherte, um dort die notwendige Erfahrung zu sammeln." Nach der Approbationsordnung müssen Medizinstudenten nach dem medizinischen Staatsexamen eine Praxisphase von 18 Monaten ableisten. Nach Möglichkeit soll sie eine mindestens neunmonatige Tätigkeit im nichtoperativen und eine mindestens sechsmonatige Tätigkeit im operativen Bereich umfassen. Die Tätigkeit als Arzt im Praktikum ist abzuleisten im Krankenhaus, in der Praxis eines niedergelassenen Arztes, in einem Sanitätszentrum oder einer ähnlichen Einrichtung der Bundeswehr oder in einer Vollzugsanstalt mit hauptamtlichem Anstaltsarzt.
Der Arzt im Praktikum ist nicht mehr Student. Er hat seine Kenntnisse und Fähigkeiten zu vertiefen, ärztliche Tätigkeiten einzuüben und allgemeine ärztliche Erfahrungen zu sammeln. "Er soll die ihm zugewiesenen ärztlichen Tätigkeiten mit einem dem wachsenden Stand seiner Kenntnisse und Fähigkeiten entsprechenden Maß an Verantwortlichkeit verrichten." Mittlerweile gibt es allerdings auch Bestrebungen, die AiP-Zeit wieder abzuschaffen. So beschloß der Medizinische Fakultätentag in Düsseldorf, daß auf den Arzt im Praktikum in der Neufassung der Bundesärzteordnung unter Umständen verzichtet werden könne. Voraussetzung dazu sei allerdings, "daß die in dieser Zeit zu vermittelnden Fähigkeiten und Fertigkeiten in das Studium integriert werden und der damit verbundene Lehraufwand in der Kapazitätsverordnung berücksichtigt wird".
Und die Delegierten des 98. Deutschen Ärztetages in Stuttgart beschlossen im Mai 1995: "Bundesregierung und Bundesrat werden aufgefordert, bei der derzeit vorbereiteten 8. Novelle zur Approbationsordnung für Ärzte die Ausbildungsphase "Arzt/Ärztin im Praktikum" abzuschaffen und am Ende des Studiums die volle Approbation zu erteilen." Jan Peter Theurich, Ärztekammer Nordrhein, der den Antrag eingebracht hatte, verwies darauf, daß mit der Einführung der Pflichtweiterbildung der "Arzt im Praktikum" als Maßnahme zur Qualitätssicherung überflüssig geworden sei. Mehr als 16 000 junge Ärztinnen und Ärzte würden als "Leichtlohngruppe schlechter bezahlt als der Hol- und Bringdienst im Krankenhaus".
Eine Äußerung, der sich Verena Falk grundsätzlich anschließen kann. Denn trotz aller positiven Erfahrungen sei die Bezahlung eine "glatte Unverschämtheit". Sie habe keine Zeit zum Jobben gehabt und mußte sich teilweise die Wohnung mit einer Bekannten teilen. Schließlich sind die Mieten in Düsseldorf auch nicht gerade niedrig. Ärzte im Praktikum haben im Durchschnitt ein monatliches Nettoeinkommen von 2 000 DM. Mit Familie könne man damit keinesfalls auskommen, betont Verena Falk. Das Finanzielle müsse also auf jeden Fall geändert werden. Gut sei jedoch der Schutz, den man habe. Wenn man nach dem theoretischen Studium die ersten Patientenkontakte habe, sei es auf jeden Fall sinnvoll, zunächst unter Anleitung und "Aufsicht" zu arbeiten.
Das Fazit der jungen Ärztin: "Entweder müßte das Studium praxisbezogener sein, oder die Arzt-im-PraktikumZeit muß angemessen bezahlt werden." Gisela Klinkhammer

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