ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2011Paradoxe Reaktion bei ADHS
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In unserer Ambulanz für Erwachsene mit ADHS berichten etwa 10–20 % der Betroffenen wiederholt über auffällig verlängerte (circa 24 h) oder (häufiger) deutlich verkürzte und abgeschwächte Wirkung einer Lokalanästhesiespritze beim Zahnarzt. Einige Patienten berichten, dass die postoperative Gabe von Beruhigungsmitteln (auch Benzodiazepinen) zum Erstaunen der Ärzte sie paradoxerweise „noch wacher machte“.

Eine Patientin berichtete, sie habe in Vollnarkose bei kompletter Muskelrelaxation die Gespräche der Chirurgen während der ersten zehn Minuten der Operation mitverfolgen können, diese seien postoperativ sehr überrascht gewesen über ihre detailgetreue Wiedergabe der Gesprächsinhalte. Bei anderen Patienten wirkten die Narkotika „zu stark und zu lang“.

Viele ADHS-Betroffene reagieren kaum oder paradox auf Koffein (Kaffee/Schwarztee/Cola) und andere stimulative Substanzen (Nikotin, „Red Bull“, Speed), eine Patientin berichtete auch über erhöhte Wachheit – und bessere Kognition – bei Antihistaminika (zum Beispiel „Fenistil“).

Im Längsverlauf besteht eine Stabilität der andersartigen Reaktionsweise, woraus sich eine Vorhersagbarkeit der Andersartigkeit der Wirkung ergibt.

Wir geben daher ADHS-Patienten den Ratschlag, vor Operationen Anästhesisten auf die bei ihnen möglicherweise andere Wirkungsweise von Koffein, Antihistaminika/niederpotente Neuroleptika, Benzodiazepinen (und auch zentrale und periphere Analgetika) hinzuweisen.

Auch viele psychisch Gesunde reagieren anders auf Koffein etc.. Es erscheint somit sinnvoll, generell präoperativ diese (wenig aufwendige) Liste anderer Wirkungsweisen abzufragen, um mögliche intra- und postoperative Schwierigkeiten antizipieren, gegebenenfalls auch vermeiden zu können.

Diese Änderungen der Wirkungsweisen imponieren genetisch bestimmt. Deshalb ist zu diskutieren, ob man nicht auch bei der präoperativen Anamneseerhebung nach solchen Auffälligkeiten bei Familienmitgliedern nachfragen sollte.

DOI: 10.3238/arztebl.2011.0541a

PD Dr. med. Berthold Langguth

Klinik und Poliklinik für Psychiatrie,
Psychosomatik und Psychotherapie

Bezirksklinikum Regensburg

Dr. med. Rüdiger Bär

PD Dr. med. Norbert Wodarz

Dr. med. Markus Wittmann

Abteilung Psychiatrie

Bezirksklinikum Regensburg

Dr. med. Rainer Laufkötter

Ambulanz für ADHS im Erwachsenenalter

Universitätsklinik für Psychiatrie,
Psychosomatik und Psychotherapie

Bezirksklinikum Regensburg

Rainer.Laufkoetter@medbo.de

Interessenkonflikt
Dr. Langguth hält Patente an Cyclobenzaprine zur Therapie von Tinnitus und Naltrexon zur Therapie von Tinnitus. Er erhält Honorare für Beratertätigkeiten von Merz und Novartis. Von Merz erhielt er Honorare im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen und Unterstützung bei der Abfassung von Manuskripten. Er erhielt Kostenerstattung für Kongressteilnahmen, Reise und Übernachtungen sowie für die Vorbereitung von Fortbildungsveranstaltungen von Astra Zeneca, Pfizer, Servier und Merz. Er erhielt Honorare für die Durchführung von klinischen Auftragsstudien von Organon.Des Weiteren erhielt er Gelder für ein von ihm initiiertes Forschungsvorhaben von der DFG, Tinnitus Research initiative und Astra Zeneca.
Dr. Bär gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Dr. Wodarz erhielt Honorare für Beratertätigkeiten und Erstattung von Teilnahmegebühren von Kongressen von Essex-Pharma. Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten sowie Honorare für Vorträge auf Fortbildungsveranstaltungen erhielt er von Jansson Cilag und Essex-Pharma. Er erhielt Honorare von Lundbeck, Essex-Pharma, MSD, IFE Europe und Novartis für die Durchführung von klinischen Auftragsstudien.
Dr. Wittmann erhielt Honorare für Beratertätigkeiten von Bristol-Meyer-Squibb und Kostenerstattung für Kongressteilnahmen, Reise und Übernachtungen sowie Honorare für Fortbildungsveranstaltungen von Astra Zeneca, Lilly, Glaxo Smith, Wyeth, Janssen, Servier, Pfizer und Bristol Meyer Squibb. Er erhielt Honorare im Rahmen einer Publikation von Servier.
Dr. Laufkötter erhielt Erstattung von Teilnahmegebühren für Kongresse und Reise- und Übernachtungskosten von Jansen und Astra Zeneca.

1.
Bischoff P, Rundshagen I: Awareness during general anaesthesia. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(1–2): 1–7. VOLLTEXT
1.Bischoff P, Rundshagen I: Awareness during general anaesthesia. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(1–2): 1–7. VOLLTEXT

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