ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Arbeitsgemeinschaft Gruppenanalyse: Toleranz und Verständnis

VARIA: Feuilleton

Arbeitsgemeinschaft Gruppenanalyse: Toleranz und Verständnis

Cremer, Klaus

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LNSLNS Altaussee ist ein Luftkurort, der seit langem Maler, Dichter und andere Kulturschaffende in seinen Bann zog: Hier gingen die Schönborns zur Jagd; Adalbert Stifter, Jakob Wassermann, Hugo von Hofmannsthal waren dort; aber eben auch Sigmund Freud, Heinz Hartmann und Siegmund Heinrich Foulkes, Gründer der Gruppenanalytischen Gesellschaft London.
Drei Mitglieder dieser Gesellschaft sind Initiatoren und Träger der Internationalen Arbeitsgemeinschaft, einer gruppenanalytischen Ausbildungsstätte vom Rang einer Akademie, die am 7. Oktober 1995 ihr 20jähriges Bestehen in Altaussee feierte.
"Wir sind drei Gesellschafter und viele Analytiker . . ." resümierte die Foulkes-Schülerin Dr. med. Alice Ricciardi-von Platen (Rom). Sie berichtete über die Entwicklung der einwöchigen Workshops, zu denen sich nun zweimal jährlich 100 Personen im historischen "Hotel am See" zusammenfinden. Es treffen sich dort Psychoanalytiker, Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater zur Fort- und Weiterbildung nach einem bewährten Curriculum; unter ihnen auch Stipendiaten aus früheren Ostblockstaaten – aber eben auch: Praktische Ärzte, Juristen, Theologen, Soziologen, Lehrer, Künstler und Dozenten zur persönlichen Selbsterfahrung und Teilnahme an Seminaren in psychoanalytischer Persönlichkeitslehre und Kulturtheorie.
Den Festvortrag hielt Prof. Dr. med. Rafael Moses, Jerusalem, über das Thema "Psychodynamik der Abstoßung und Anziehung zwischen feindlichen Gruppen"; er erklärte, warum die stärksten Feindschaften oft zwischen Gruppen entstehen können, die ursprünglich vertraut miteinander waren: Juden und Christen, Iren und Engländer.
Prof. Dr. med. Josef Shaked (Wien) sprach über die Bedeutung der Großgruppe für die Selbsterfahrung. Mit viel Esprit und Mutterwitz erläuterte er Wesen, Zweck und Wirkung der seit 20 Jahren von ihm geleiteten analytischen Großgruppe, in der eine andere Psychodynamik wirksam ist als in Kleingruppen. Während in der Kleingruppe die Re-Inszenierung der eigenen Lebensgeschichte an fremden Menschen, auch aus anderen Kulturen, stattfindet (Hayne), ist nach Shaked die Großgruppe das Bindeglied zwischen reszenierter Kindheitsfamilie und den gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Psychologen in Altaussee trugen keineswegs alle Bart und Brille, und nur wenige Damen waren bunt oder auffällig gekleidet, sondern es bestand der Gesamteindruck einer lebendigen Lerngemeinschaft von ursprünglicher, gediegener und natürlicher Eleganz mit viel spürbarer Achtung, Toleranz und Verständnis gegenüber dem anderen und Andersartigen in Denkweise, Herkunft, Glaubensüberzeugung und persönlichem Stil.


Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Klaus Cremer
Oberer Torweinberg 16
97084 Würzburg

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