ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1998Waidmanns Heil im Tuberkulosekrankenhaus

VARIA: Schlusspunkt

Waidmanns Heil im Tuberkulosekrankenhaus

Dtsch Arztebl 1998; 95(13): [44]

Alex, Rolf

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LNSLNS Als junger Assistenzarzt an der Universitätsfrauenklinik Halle/Saale erkrankte ich an einer Lungentuberkulose. Zur Behandlung wurde ich in das Tuberkulosekrankenhaus Stapelburg im Harz eingewiesen. Dort floß ein Bach vorbei: die Ecker. Sie bildete damals die Grenze zwischen der russischen und der englischen Besatzungszone. Russische Soldaten bewachten die Grenze und versuchten, die Menschen an der Flucht von Ost nach West zu hindern. Wir "Mottenbrüder" kannten die Zeiten der Militär-Patrouillen und konnten so viele Flüchtlinge über das Flüßchen schleusen.
Die Patienten waren nach Geschlechtern getrennt zum großen Teil in kleinen Häuschen im "Damen-" beziehungsweise "Herrenpark" untergebracht. Die Behandlung bestand bei relativ guter Verpflegung in erster Linie in Liegekuren im Freien. Schwere Fälle wurden durch Anlage eines Pneumothorax, einer PhrenicusExhairese oder durch eine Thorakoplastik operativ behandelt. Ich galt als "leichter" Fall und durfte als "operativ angebrüteter" Arzt bei solchen Eingriffen assistieren. Täglich machten wir kleine Spaziergänge durch die bergigen Buchenwälder. Bei einem solchen Spaziergang entdeckten wir ein kleines Wildschwein, dessen Hinterläufe gelähmt waren. Wahrscheinlich hatte die Kugel eines russischen Grenzsoldaten die Wirbelsäule getroffen. In unserem sehr gemischten Patientenkreis war auch ein junger Landarzt, der über Jagderfahrungen verfügte. Er hatte seinen "Hirschfänger" bei sich, und unter seiner Leitung wurde am nächsten Morgen eine vierköpfige Expedition gestartet. Das Wildschwein konnte durch unseren "Fachmann" von seinem Leid erlöst werden.
Der mitgebrachte Koffer reichte gerade aus, und nach Anbringen eines kräftigen Astes konnten wir die Beute mit Mühe ins Tal transportieren. Neben dem Krankenhausgelände stand ein kleines Gasthaus. Mit dem netten Wirt machten wir nun ein Geschäft. Er bekam die Hälfte des Wildschweines zu seiner Verfügung - wir vier "Jäger" bekamen von ihm an zwei Abenden Wildschwein-Gulasch serviert - ein Hochgenuß in dieser fleischarmen Zeit.
Kürzlich nahm ich an einem traditionellen Wildschweinessen eines Vereins teil - da kam mir die Erinnerung an dieses Erlebnis vor etwa 50 Jahren. Das Tuberkulosekrankenhaus wurde später geschlossen, und die Gebäude wurden aus "taktischen Gründen" abgerissen. Es lag ja im Sperrgebiet der DDR. Dr. med. Rolf Alex, Salzgitter
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