ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2011Körperbilder: Niki de Saint Phalle (1930–2002) – Farbenfrohe Frauenpower

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Niki de Saint Phalle (1930–2002) – Farbenfrohe Frauenpower

Schuchart, Sabine

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Niki de Saint Phalle: „Nana Mosaïque Noire“, 1999, Polyester, Glas, Spiegel- und Keramikmosaik, 254 × 122 × 122 cm: Sinnlich und vor weiblicher Stärke strotzend, breitet die Mosaik Nana ihre kräftigen Arme aus und hebt graziös ein pralles Bein zum Tanz. Vom kleinen eiförmigen Kopf ohne Gesicht über die riesigen kreisrunden Brüste und die ausladenden Hüften bis hin zu den dicken Füßen ist alles kurvig an der voluminösen Fruchtbarkeitsfigur – eine selbstbewusste Vorbotin eines neuen matriarchalischen Zeitalters. Die überlebensgroße, mit Mosaiksteinen aus Glas und Keramik geschmückte Polyesterskulptur entstand drei Jahre vor dem Tod der Künstlerin. Das Werk ist noch bis Oktober zusammen mit anderen Arbeiten Niki de Saint Phalles in Schwäbisch Hall ausgestellt. Foto: Sammlung Würth, Inv. 11322; Foto: Felix Steiger, Chur
Niki de Saint Phalle: „Nana Mosaïque Noire“, 1999, Polyester, Glas, Spiegel- und Keramikmosaik, 254 × 122 × 122 cm: Sinnlich und vor weiblicher Stärke strotzend, breitet die Mosaik Nana ihre kräftigen Arme aus und hebt graziös ein pralles Bein zum Tanz. Vom kleinen eiförmigen Kopf ohne Gesicht über die riesigen kreisrunden Brüste und die ausladenden Hüften bis hin zu den dicken Füßen ist alles kurvig an der voluminösen Fruchtbarkeitsfigur – eine selbstbewusste Vorbotin eines neuen matriarchalischen Zeitalters. Die überlebensgroße, mit Mosaiksteinen aus Glas und Keramik geschmückte Polyesterskulptur entstand drei Jahre vor dem Tod der Künstlerin. Das Werk ist noch bis Oktober zusammen mit anderen Arbeiten Niki de Saint Phalles in Schwäbisch Hall ausgestellt. Foto: Sammlung Würth, Inv. 11322; Foto: Felix Steiger, Chur

Als sie 1965 begann, ihre frech-fröhlichen Nanas in die Welt zu gebären, hatte sie sich schon von einigen Traumata ihrer bewegten aristokratischen Kindheit befreit. Hinter ihr lagen die Jahre, in denen sie mit ihren „Schießbildern“ – per Gewehr zielte sie auf Farbbeutel, deren Inhalt sich über Leinwände ergoss – alle Männer inklusive ihres Vaters symbolisch auslöschte. Dieser hatte sie, als sie elf Jahre alt war, missbraucht. „Alle Macht den Nanas“, lautete fortan die – versöhnlichere – Parole von Niki de Saint Phalle, die mit vollem Namen Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle hieß. Den Idealen der Frauenbewegung und ihrem persönlichen Kampf um Selbstbestimmung verlieh sie mit üppigen Urweibern Ausdruck, die im Kontrast zu ihrer eigenen zarten Gestalt standen: „Ich träumte von riesigen bunten Nanas, die in der Mitte eines Parks oder Platzes stehen konnten. Ich wollte, dass sie die Macht über die Welt übernehmen.“ Psychologisch ein geschicktes Selbstheilungsmanöver, um ihre Empfindungen von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein in einer männerdominierten Welt zu bearbeiten.

Mit der „Nana Mosaïque Noire“ griff die Künstlerin auch die Unterdrückung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe auf, mit der sie erstmals im Amerika ihrer Jugendjahre konfrontiert war. Die Plastik von 1999 knüpft an ihre kleinere Arbeit „Black Venus“ von 1965–67 an, die das New Yorker Whitney Museum of American Art erwarb. Die hier gezeigte Black Beauty ist Teil der Kunstsammlung Würth (siehe Ausstellung). Ein weiteres Exemplar steht im italienischen Capalbio in der Provinz Grosseto – in der Nachbarschaft des fantastischen Tarot-Skulpturengartens, den Niki de Saint Phalle entworfen und über viele Jahre allein oder mit ihrem Lebenspartner Jean Tinguely in die Tat umgesetzt hatte.

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Wegen der Polyesterdämpfe, die sie beim Gießen ihrer Skulpturen einatmete, litt sie an einer langwierigen Lungenkrankheit, an der sie 2002 mit 71 Jahren starb. Als junge Frau war die Kunst dagegen für sie lebensrettend. Nach einem Nervenzusammenbruch 1950 erkämpfte sie sich malend den Weg zurück ins Leben: „Sobald ich einen Pinsel, einen Bleistift oder ein Stück Kreide in der Hand halte, verschwindet alle Angst.“ Sabine Schuchart

Ausstellung
„Niki de Saint Phalle – Spiel mit mir“
Kunsthalle Würth, Lange Straße 35, Schwäbisch Hall, tgl. 11–18 Uhr; www.kunst.wuerth.com; bis 16. Oktober 2011

1.
„Niki de Saint Phalle – Spiel mit mir“, Katalog, geb. Ausgabe, 230 S., 216 Abb., Swiridoff, 2011, 35 Euro
2.
Charlotte Ueckert: „Magierin der runden Frauen. Niki de Saint Phalle. Ein Porträt“, 88 S., Philo Fine Arts, 2007, 14,90 Euro
3.
„Niki de Saint Phalle und der Tarot-Garten“, 256 S., 193 Abb.,
Benteli, 2010, 62 Euro
1.„Niki de Saint Phalle – Spiel mit mir“, Katalog, geb. Ausgabe, 230 S., 216 Abb., Swiridoff, 2011, 35 Euro
2.Charlotte Ueckert: „Magierin der runden Frauen. Niki de Saint Phalle. Ein Porträt“, 88 S., Philo Fine Arts, 2007, 14,90 Euro
3.„Niki de Saint Phalle und der Tarot-Garten“, 256 S., 193 Abb.,
Benteli, 2010, 62 Euro

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