ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2011Interview mit Prof. Dr. med. Hans-Jörgen Grabe, Universitätsklinikum Greifswald: Beziehung durch Technik erhalten

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Hans-Jörgen Grabe, Universitätsklinikum Greifswald: Beziehung durch Technik erhalten

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Der leitende Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie über die Chancen der Telemedizin für die Arzt-Patient-Beziehung in der Psychiatrie

Welche Probleme gibt es bei der Versorgung von Psychiatriepatienten im Raum Greifswald?

In der telemedizinischen Betreuung sieht Grabe eine Möglichkeit, Psychiatriepatienten in der Therapie zu halten und langfristig zu stabilisieren. Foto: Universität Greifswald Manuela Janke
In der telemedizinischen Betreuung sieht Grabe eine Möglichkeit, Psychiatriepatienten in der Therapie zu halten und langfristig zu stabilisieren. Foto: Universität Greifswald Manuela Janke
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Grabe: Nach ihrer Entlassung aus der psychiatrisch-psychotherapeutischen Tagesklinik müssen Patienten oft fünf bis sechs Monate warten, bis sie einen Vorstellungstermin beim niedergelassenen Nervenarzt für eine Anschlussbehandlung bekommen. Und danach erhalten sie bestenfalls alle vier Wochen einen Behandlungstermin. Wir können das nur zum Teil durch unsere psychiatrische Institutsambulanz (PIA) kompensieren. Auch dort bekommen sie höchstens alle sechs Wochen einen PIA-Termin. Die Frage ist: Wie kann man diese Patienten halbwegs auf dem Niveau halten, das sie bei ihrer Entlassung hatten?

Was kann telemedizinische Betreuung an dieser Situation verbessern?

Grabe: Wir versuchen, dadurch die Patienten in der Therapie zu halten. Wir wollen sie die Zeit nach der Entlassung, mindestens die ersten sechs Monate, so begleiten, dass wir die größten Krisen auffangen können und die Trainings- und Lerneffekte stabilisieren.

Und wie genau funktioniert das?

Grabe: Kern der Intervention ist eine wöchentliche Telefonbetreuung, und die wird bisher recht gut angenommen. Wir haben das Pilotprojekt Ende 2009 in enger Kooperation mit dem Institut für Community Medicine gestartet, um empirisch zu untersuchen, ob so etwas machbar und hilfreich ist. In der Psychotherapie zählt schließlich die Beziehung sehr stark. Daher ist unsere Frage: Kann man psychotherapeutische Effekte wie Bindung, Vertrauen, Offenheit über das Telefon überhaupt darstellen?

Wie haben Sie die Studie angelegt?

Grabe: Wir haben ein dreiarmiges Projektdesign umgesetzt. In einem Arm sind Patienten, die nach der Entlassung zunächst wöchentlich und dann monatlich Telefonkontakte zu uns hatten, in einem zweiten Arm Patienten, die zusätzlich SMS-Kontakt hatten, und im dritten Arm als Kontrollgruppe Patienten, die nur nach der Entlassung und nach sechs Monaten nach ihrem Befinden befragt wurden. Beteiligt waren dreimal 30 Patienten, vorwiegend solche mit Depressionen, Angststörungen und posttraumatischer Belastungsstörung.

Wie sind Ihre Erfahrungen?

Grabe: Nach sechs Monaten waren immer weniger Patienten aus der Kontrollgruppe ans Telefon zu bekommen. In den beiden anderen Gruppen gab es kaum Abbrecher. Nach der ersten Sichtung der Daten kann man schon sagen, dass in diesen beiden Gruppen im Großen und Ganzen das Befindlichkeitsniveau der Patienten nach der Entlassung gehalten werden konnte. Wir prüfen derzeit, ob SMS-Kontakte einen zusätzlichen Effekt bringen.

Wer ruft die Patienten denn an?

Grabe: Das sind examinierte Krankenschwestern aus dem integrierten Funktionsbereich Telemedizin der Universitätsmedizin Greifswald. Sie sind bezüglich der Diagnosen und der Patienten geschult und kennen die Handlungsabläufe für Notfälle. So fragen sie bei jedem Telefonat strukturiert die Symptomatik des Patienten ab, um zu prüfen, wie depressiv oder suizidgefährdet jemand möglicherweise ist. Gibt es entsprechende Hinweise, klären die Schwestern ab: Wie intensiv sind die Symptome? Auf der nächsten Stufe würde geklärt, ob sich der Patient besser sofort hier oder bei seinem Hausarzt vorstellt oder sogar der Notarzt kommen muss.

Wie würden Sie einer Krankenkasse ein solches Projekt schmackhaft machen?

Grabe: Unsere Hypothese lautet: Mit einer guten psychiatrischen Behandlung produziert man zwar einerseits im psychiatrischen Bereich höhere Kosten, reduziert aber andererseits Behandlungen in anderen medizinischen Disziplinen. Wir kennen viele Patienten, die regelmäßig aufgrund psychischer Probleme ihren Hausarzt oder einen Facharzt aufsuchen. Wir gehen davon aus, dass es da schon eine gewisse Fehlallokation der Ressourcen gibt.

Das Interview führten Heike E. Krüger-Brand und Sabine Rieser.

@Langfassung im Internet: www.aerzteblatt.de/111667

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