ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1998Arzt und Presse: Nicht Richter, sondern kollegialer Ratgeber

POLITIK: Leitartikel

Arzt und Presse: Nicht Richter, sondern kollegialer Ratgeber

Weyand, Arno H.

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LNSLNS Die publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats betreffen auch die Berichterstattung über medizinische Themen.
Der Deutsche Presserat ist die freiwillige Selbstkontrolleinrichtung der Printmedien. Im Jahre 1956 gegründet, hat es sich die Organisation zur Aufgabe gemacht, für die Pressefreiheit in der Bundesrepublik einzutreten und das Ansehen der deutschen Presse zu wahren. Gleichzeitig ist der Presserat aber auch Ansprechpartner für jeden, der sich über Veröffentlichungen in der Presse beschweren will. Daß diese Möglichkeit bei den Lesern auf große Resonanz stößt, zeigt die Zahl von rund 500 Beschwerden, die im letzten Jahr beim Presserat eingegangen sind.
Grundsätzlich hat jeder Bürger, jede Institution, jede Partei oder jeder Verband das Recht, sich über redaktionelle Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften oder Pressediensten zu beschweren. Grundlage für die Beurteilung der Artikel sind die Publizistischen Grundsätze (Pressekodex), in denen in 16 Ziffern festgeschrieben ist, was von Journalisten in der Berichterstattung beachtet werden muß und wie sie sich bei der Ausübung ihres Berufes verhalten sollten. Kommt der Beschwerdeausschuß zu dem Schluß, daß der vom Leser beanstandete Artikel gegen den Pressekodex verstößt, so spricht er gegenüber der betroffenen Zeitung einen Hinweis, eine Mißbilligung oder eine Rüge aus.
Der Presserat sieht sich bei der Beurteilung von Beschwerden jedoch nicht als Richter, sondern als kollegialer Ratgeber, das heißt, Kritik wird von Praktikern an Praktikern geübt, mit dem Ziel, ein übergreifendes journalistisches Berufsethos in den Redaktionen zu etablieren. Diese Intention und die daraus resultierende Arbeit ist der Öffentlichkeit häufig nur schwer zu vermitteln, da dort schärfere Sanktionen oft als wirksameres Mittel angesehen werden, um journalistische Fehlleistungen zu sanktionieren. Der Presserat hat jedoch im Verlauf seines über 40jährigen Bestehens die Erfahrung gemacht, daß gerade die Kritik von Insidern an einem bestimmten journalistischen Verhalten oder Produkt am besten geeignet erscheint, die Redaktionen zur Einsicht zu bringen.
Besondere Verantwortung bei medizinischen Themen Gerade die Berichterstattung über medizinische Themen ist ein äußerst sensibler Bereich, bei dem sich Journalisten und Verleger stets einer besonderen Verantwortung bewußt sein müssen. Aus diesem Grund hat der Presserat auch spezielle - auf dieses Themenspektrum abzielende - Regelungen in den Publizistischen Grundsätzen verankert. So ist in Ziffer 15 des Pressekodex festgehalten, daß bei der Berichterstattung über medizinische Themen eine unangemessen sensationelle Darstellung, die beim Leser unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen wecken könnte, zu vermeiden ist. Mißbilligt wurde in diesem Zusammenhang zum Beispiel im vergangenen Jahr der Beitrag einer Zeitschrift zum Thema AIDS. Das Blatt hatte mit der Schlagzeile "Ende des Sterbens" auf der Titelseite angekündigt, daß bei einem Großteil der Patienten die Immunschwäche nunmehr heilbar wäre. Der Beschwerdeausschuß des Presserats sah dadurch bei den Betroffenen Hoffnungen geweckt, die nicht gerechtfertigt waren.
Die Ziffer 8 des Pressekodex schützt das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. In Richtlinie 8.3 ist festgehalten, daß körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden grundsätzlich in die Geheimsphäre des Betroffenen fallen und die Presse in solchen Fällen auf Namensnennung und Bild verzichtet. Richtlinie 8.4 schließlich führt aus, daß die Berichterstattung über Selbsttötung Zurückhaltung gebietet. Erst kürzlich rügte der Presserat einen Beitrag, in dem unter der Überschrift "Selbstmord im Feuer - Der schreckliche Krebs-Arzt" die verbrannte Leiche eines Arztes, der Selbstmord verübt hatte, veröffentlicht wurde. Kurze Zeit später wurde die Rüge von der Zeitung veröffentlicht und dadurch der Leserschaft mitgeteilt, daß die journalistische Vorgehensweise in diesem Fall falsch war.
Der Kodex bezieht sich jedoch nicht nur auf bereits veröffentlichte Beiträge, sondern auch auf das Verhalten von Journalisten. Nachdem der Presserat in der letzten Zeit mit Besorgnis zur Kenntnis genommen hatte, daß sich Klagen über das Verhalten von Reportern gegenüber schutzbedürftigen Personen häuften, hat er eine Richtlinie in den Kodex aufgenommen, die besagt, daß die besondere Situation von Menschen, die sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte befinden (zum Beispiel Patienten), nicht gezielt zur Informationsbeschaffung ausgenutzt werden darf.
Streitfall "Ranglisten"
Für Zündstoff zwischen Medizinern und Presse sorgen sicherlich auch immer wieder positive Berichte über einzelne Ärzte oder sogenannte Ranglisten. Durch das in der Berufsordnung verankerte Werbeverbot für Mediziner entstehen für die dabei genannten Ärzte Publizitäts- und Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren Kollegen. Daß derartige Berichte bei diesen auf wenig Gegenliebe stoßen, ist natürlich verständlich. Gleichwohl überlagern hier die öffentliche Aufgabe der Presse und das Interesse der Leser die Interessen des einzelnen. Die Medien haben das Recht und die Pflicht, über nach ihrer Ansicht herausragende Mediziner und ihre Leistungen zu berichten, da der Leser solche Informationen braucht, um sich umfassend unterrichten zu können. Eine derartige Berichterstattung ist also zulässig und wünschenswert, auch wenn sie nicht immer nach völlig objektiven Kriterien erfolgen kann.


l Detaillierte Informationen über die Aufgaben und die Arbeitsweise des Deutschen Presserats können bei der Geschäftsstelle (Postfach 71 60, 53071 Bonn, Telefon 02 28/98 57 20) oder im Internet unter der Adresse http://www.presserat.de abgerufen werden.

Arno H. Weyand
Deutscher Presserat
Postfach 71 60
53071 Bonn

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