ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2011Demografischer Wandel: When I’m 84 . . .

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Demografischer Wandel: When I’m 84 . . .

Stüwe, Heinz

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Es war im Jahr 1967, als sich die Beatles Gedanken über das Leben im Alter machten. Paul McCartney, der Songschreiber von „When I’m 64“, kennt dieses Alter inzwischen aus eigenem Erleben – er wird im nächsten Jahr 70. Heute käme ein jugendlicher Musiker wohl nicht auf die Idee, die 64 als Synonym für Alter zu nehmen. Damals lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen in Deutschland bei knapp 68 Jahren, heute erreicht sie 77 Jahre und vier Monate; die Lebenserwartung eines neugeborenen Mädchens ist von 73 Jahren und neun Monaten auf 82 Jahre und sechs Monate gestiegen. Heute also würden die Beatles wohl „When I’m 84 . . .“ singen. Ob Paul McCartney mit der Liedzeile „Will you still need me? Will you still feed me?“ auch medizinische Versorgung und Pflege gemeint hat, wissen wir nicht. In einem neueren Lied würde beides sicher ausdrücklich erwähnt. Denn eine gute medizinische und pflegerische Versorgung der alten und hochbetagten Menschen ist eine der großen Herausforderungen, die der demografische Wandel mit sich bringt.

Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) kommen derzeit 33,8 Menschen im Rentenalter. In neun Jahren werden es 39,2 sein, 2030 dann schon 52,9, weitere zehn Jahre später 61,9 und 2050 sogar 67,4. Diese Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts fußt auf mittleren Annahmen über die Zuwanderung und auf der jetzigen Lebenserwartung. Wenn die Lebenserwartung sich aber weiter erhöht, womit zu rechnen ist, wird der „Altenquotient“ noch ungünstiger für die Jungen ausfallen. Darauf hat Prof. Dr. Elmar Wille, der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, kürzlich hingewiesen. Zudem zeigt die Vorausberechnung regionale Unterschiede, die erhebliches Konfliktpotenzial in sich bergen. Besonders ungünstig ist die Relation zwischen der Zahl der Rentner und der der Erwerbsfähigen im Osten. Brandenburg kommt 2040 auf einen „Altenquotienten“ von 80,8, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf fast 77 und Mecklenburg-Vorpommern auf 75,1. In diesen Ländern wird den Jüngeren mithin eine besonders hohe Finanzlast aufgebürdet. Auch die Fragen, wie die medizinische Versorgung quantitativ und qualitativ zu sichern ist, stellen sich in diesen Ländern mit besonderer Schärfe.

Heinz StüweChefredakteur
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Zwar schrumpft die Bevölkerungszahl in den kommenden Jahrzehnten. Der Versorgungsbedarf nimmt aber keineswegs ab, sondern er vergrößert sich wegen der Alterung der Gesellschaft, wie Wille betont. Und das bei einer ungünstigen Altersstruktur der Ärzte und der anderen Gesundheitsberufe sowie einem schwindenden Arbeitskräftepotenzial, aus dem künftige Arztgenerationen rekrutiert werden können. Deshalb ist es so wichtig, dass im geplanten Versorgungsstrukturgesetz die Weichen richtig gestellt werden, wenn es um eine flexible Bedarfsplanung, ein Aufbrechen der starren Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Sektor und vor allem um die Attraktivität des Arztberufs geht. Aber nicht allein der Gesetzgeber ist gefordert. In diesem Heft des Deutschen Ärzteblattes beginnt eine Artikelserie, in der beispielhafte Projekte auf regionaler und kommunaler Ebene, vielversprechende Forschungsansätze und technische Lösungen vorgestellt werden, die ein Ziel haben: den demografischen Wandel zu bewältigen. Bei der Konzipierung der Beiträge haben die Redakteurinnen Sabine Rieser und Heike E. Krüger-Brand festgestellt, dass Strategien gegen den Ärztemangel viele Berührungspunkte haben mit Lebens- und Wohnformen der Zukunft sowie Mobilitätskonzepten für alte Menschen. Letztlich geht es um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Vom Füreinanderdasein sangen schon die Beatles.

Heinz Stüwe
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