ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Arzneimittelwirkungen in der Schwangerschaft: Suche nach den Ursachen kindlicher Fehlbildungen

POLITIK: Medizinreport

Arzneimittelwirkungen in der Schwangerschaft: Suche nach den Ursachen kindlicher Fehlbildungen

Stoschek, Jürgen

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LNSLNS Über die Verteilung von angeborenen Fehlbildungen gibt es in Deutschland keine exakten wissenschaftlichen Daten. Auf der Grundlage der gesetzlichen Meldepflicht, die den Begriff "Fehlbildung" aber nicht definiert, gibt das Statistische Bundesamt eine Fehlbildungsrate von 0,3 Prozent an. Wissenschaftliche Schätzungen gehen hingegen von drei bis fünf Prozent kindlicher Fehlbildungen aus. Das seit 1990 bestehende Mainzer Fehlbildungsregister, das für die Erhebung eigens geschulte Ärztinnen einsetzt, kommt sogar auf eine Quote von etwa sieben Prozent.
Auch über die Ursachen angeborener Fehlbildungen ist wenig bekannt. Etwa ein Viertel der Fehlbildungen hat eine genetische Ursache. Schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der Fehlbildungen werden durch Infektionen induziert. Alkohol, Drogen, Arzneimittel oder Strahlenbelastung werden in weiteren zehn Prozent als Auslöser vermutet. Nach wie vor sind jedoch in 60 bis 70 Prozent der Fälle die Ursachen der kindlichen Fehlbildung nicht bekannt.
In München haben Wissenschaftler des Instituts für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Universität im Mai vergangenen Jahres ein Projekt gestartet, das sich speziell mit den Auswirkungen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen in der Schwangerschaft befaßt. Das Forschungsprojekt Pegasus (Prospektive Erhebung der Gabe von Arzneimitteln während der Schwangerschaft und zur Sicherheit des Kindes) erfaßt den Arzneimittelkonsum von Schwangeren sowie von Fehlbildungen bei ihren Neugeborenen. Neun Monate nach Beginn der Untersuchung stellte der Projektleiter von Pegasus, der Münchner Biometriker Prof. Joerg Hasford, kürzlich die Grundlagen dieser weltweit ersten epidemiologischen Studie bei einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vor. Das Projekt ist in den Münchner Forschungsverbund Public Health eingebunden und wird vom Bun­des­for­schungs­minis­terium für drei Jahre mit 460 000 DM gefördert.
Alle etwa 300 niedergelassenen Frauenärzte und die 14 geburtshilflichen Kliniken Münchens haben im vergangenen Jahr die Projektunterlagen von Pegasus zugeschickt bekommen und wurden später nochmals telefonisch mit dem Vorhaben bekannt gemacht. Von den bislang 150 telefonisch kontaktierten Gynäkologen haben etwa drei Viertel erklärt, sie würden ihre Patientinnen über die Studie informieren und wollten das Erhebungsmaterial einsetzen. In den Mutterpaß wird ein Erhebungsbogen eingefügt, in den die Frau oder der behandelnde Arzt alle Medikamente, Dosierung, Beginn und Ende der Einnahme sowie den Grund der Einnahme eintragen soll. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, daß auch solche Mittel notiert werden sollen, die die Patientin nicht als Arznei ansehen könnte, wie Naturheilmittel, Hustensaft, Vitamine oder Eisentabletten. Um die ersten Wochen der Schwangerschaft zu erfassen, sollen auch rückwirkend möglichst alle Medikamente vermerkt werden, die die Frau eingenommen hatte, noch bevor sie wußte, daß sie schwanger ist. Nach der Geburt wird der numerierte, aber nicht mit Namen versehene Bogen aus dem Mutterpaß genommen und mit den Daten der Neugeborenenuntersuchungen U1 und U2, die auch für die bayerische Perinatalerhebung genutzt werden, in anonymisierter Form zusammengeführt. Auf diese Weise soll in München eine Datenbank entstehen, die über Risiken und die Sicherheit von Arzneimitteln während der Schwangerschaft Auskunft gibt, erklärte Hasford. Auch werde es möglich sein, Meldungen über angeblich teratogene Wirkungen von Arzneimitteln schneller zu überprüfen. Zwar enthielten die Beipackzettel vieler Medikamente Hinweise auf eine strenge Indikationsstellung in der Schwangerschaft, sagte Hasford. Die Warnhinweise basierten jedoch weitgehend auf Tierversuchen. Tatsächlich sei zum Zeitpunkt der Zulassung eines Medikaments über die Verträglichkeit eines neuen Arzneimittels für Schwangere und ihre Kinder jedoch so gut wie nichts bekannt. Die Anwendungsbeobachtung könnte nach Hasfords Ansicht diese Lücke schließen. Jürgen Stoschek

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