ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2011Sammelsucht im Kindes- und Jugendalter: Kaum Therapieangebote

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Sammelsucht im Kindes- und Jugendalter: Kaum Therapieangebote

PP 10, Ausgabe August 2011, Seite 378

Sonnenmoser, Marion

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Pathologisches Horten und Sammeln unnützer Dinge ist bei Heranwachsenden ein unterschätztes Phänomen. Häufig tritt es zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf.

Sammelsucht beginnt oft schon in der Kindheit. Kinder und Jugendliche, die krankhaft horten und sammeln, zeigen ähnliche Symptome wie betroffene Erwachsene: Sie sammeln im Übermaß nutzlose Dinge, können sich von Gegenständen nicht trennen und halten keine Ordnung. Dies hat nicht nur ständige Ermahnungen und Streitigkeiten mit den Eltern zur Folge, sondern kann auch zu unhygienischen Zuständen im Kinderzimmer führen, zum Beispiel wenn Nahrungsmittel oder Tierkadaver versteckt werden. Als Grund geben Kinder oft an, dass es sich um Erinnerungsstücke handelt, mit denen sie sich emotional verbunden fühlen. Weitere Gründe sind, dass sich das Sammeln einfach „richtig anfühlt“, dass man die Dinge irgendwann brauchen könne oder dass man potenziellen Mangelzuständen vorbeugen müsse.

Im Gegensatz zu Erwachsenen haben Kinder jedoch nicht so viele Möglichkeiten, ihre Sammelsucht auszuleben. Zum Beispiel stehen ihnen weniger Räumlichkeiten zur Verfügung, daher ist meistens nur das Kinderzimmer betroffen. Sie sammeln eher Dinge von geringem Wert, wie zum Beispiel kaputte Spiel- und Schulsachen, alte Kinderbücher und -hefte, abgelegte Kleidung, Lebensmittel oder leere Verpackungen. Manche stocken ihre finanziellen Mittel und Sammlungen auf, indem sie Weggeworfenes aus der Mülltonne holen, Gegenstände ausleihen und sie nicht mehr zurückgeben, ihr gesamtes Taschengeld ausgeben, stehlen oder sich bei Freunden oder Familienmitgliedern verschulden.

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„Wenn sie von ihren Eltern ermahnt werden, etwas wegzuwerfen und ihr Zimmer sauber zu halten, reagieren sie sehr ungehalten und leisten heftigen Widerstand“, berichtet der Psychologe Eric Storch von der University of South Florida. Wie erwachsene Sammelsüchtige, so sind auch Kinder kaum dazu zu bewegen, ihr Verhalten zu ändern. Zudem sind sie nur selten einsichtsfähig und empfinden sich gerne als Opfer böswilliger Eltern. Letztere befinden sich in einer schwierigen Situation, denn sie wollen helfen, erleben aber, dass ihre Worte und Taten nichts fruchten und dass die Kinder jedes Hilfsangebot verweigern. Sie haben jedoch die Verantwortung und versuchen immer wieder, dem sinnlosen Sammeln Einhalt zu gebieten, indem sie beispielsweise die Kinderzimmer regelmäßig nach versteckten Gegenständen durchsuchen, putzen, aufräumen und heimlich Dinge wegwerfen, obwohl sie wissen, dass sie damit Konflikte her-aufbeschwören.

Sammelsucht im Kindes- und Jugendalter tritt oft zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf, die das Problem verstärken. Dazu zählen beispielsweise Zwangserkrankungen, Ess- und Impulskontrollstörungen, ADHS, Prader-Labhart-Willi-Syndrom und Autismus. Kinder und Jugendliche mit Zwangserkrankungen und Sammelsucht zeichnen sich darüber hinaus durch den Drang zum Ordnen und Arrangieren, magisches Denken, Perfektionismus, Panikanfälle, Ängste, Aggressionen, somatische Beschwerden sowie externalisierende und internalisierende Verhaltensauffälligkeiten aus. Da es kaum wissenschaftlich gesicherte Kenntnisse zu dem Phänomen und daher auch keine altersgerechten Therapieangebote gibt, fühlen sich betroffene Eltern oft hilflos und überfordert. Zudem bleibt eine unbehandelte Sammelsucht meist bestehen und chronifiziert im Lauf der Jahre, so dass mit einer Verstärkung der Symptomatik im Erwachsenenalter zu rechnen ist.

Momentan behelfen sich Kinderärzte, -psychiater und -psychotherapeuten mit Verfahren, die zur Behandlung von Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter und zur Behandlung von Sammelsucht bei Erwachsenen eingesetzt werden, wie etwa SSRI und kognitiv-behaviorale Techniken. Hier sind unter anderem Realitätsprüfung, Entkatastrophisieren, Desensibilisierung oder Verstärkung erwünschten Verhaltens zu nennen. Beides ist jedoch eher als Notlösung zu bewerten und wird der Patientengruppe mit ihren Besonderheiten nicht wirklich gerecht. Eine intensivere Beschäftigung mit dem Phänomen seitens der Forschung und Praxis ist daher angebracht.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Bratiotis C: The hoarding handbook. New York: Oxford University Press 2011.
2.
Plimton E et al.: Compulsive hoarding in children. International Journal of Cognitive Therapy 2009; 2(1): 88–104.
3.
Storch E et al.: Clinical features of children and adolescents with obsessive-compulsive disorder and hoarding symptoms. Comprehensive Psychiatry 2007; 48(4): 313–8.
4.
Storch E et al.: Compulsive hoarding in children. Journal of Clinical Psychology 2011; 67(5): 507–16.
1.Bratiotis C: The hoarding handbook. New York: Oxford University Press 2011.
2.Plimton E et al.: Compulsive hoarding in children. International Journal of Cognitive Therapy 2009; 2(1): 88–104.
3.Storch E et al.: Clinical features of children and adolescents with obsessive-compulsive disorder and hoarding symptoms. Comprehensive Psychiatry 2007; 48(4): 313–8.
4.Storch E et al.: Compulsive hoarding in children. Journal of Clinical Psychology 2011; 67(5): 507–16.

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