ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Neues Diagnoseverfahren in der Kardiologie: Magnetfeldsensoren aus Supraleitern

POLITIK: Medizinreport

Neues Diagnoseverfahren in der Kardiologie: Magnetfeldsensoren aus Supraleitern

Wehr, Alexander

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Pro Jahr versterben in Deutschland annähernd 100 000 Menschen am plötzlichen Herztod. Bei nahezu der Hälfte der Verstorbenen hat sich das letale Ereignis zuvor in keiner Weise angekündigt. Innovative diagnostische Verfahren zur frühen Erkennung gewisser Risikokonstellationen – insbesondere okkulter Herzrhythmusstörungen – haben deshalb einen besonderen Stellenwert. Neue Impulse scheinen jetzt aus dem Kernforschungszentrum Jülich zu kommen, wo es Wissenschaftlern gelungen ist, mit Hilfe empfindlicher Magnetfeldsensoren die Verteilung und Veränderung des Magnetfelds am menschlichen Herzen zu messen. Hierdurch wird es möglich, die im Herzmuskel fließenden Ströme zu rekonstruieren und damit Hinweise auf möglicherweise arrhythmogene Herde zu erhalten.
Nach wie vor ist die am weitesten verbreitete Methode zur Ableitung der Herzströme das EKG. Die Weiterentwicklung des EKGs, das Magnetokardiogramm (MKG), wird aber als ergänzende Methode zukünftig immer bedeutender werden, da hierdurch selbst solche Magnetfelder gemessen werden können, die lediglich ein hundertmillionstel Teil des Erdfeldes betragen. Möglich geworden ist dies durch "SQUIDs", das sind supraleitende Quanten-Interferenz-Detektoren. Den entscheidenden Durchbruch und die Weiterentwicklung dieser Technik schafften die Forscher aus Jülich gemeinsam mit Wissenschaftlern der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Berlin. Sie ersetzten die bis dahin üblichen SQUIDs aus Keramik – die mit flüssigem Helium gekühlt werden mußten – durch solche aus Metall, bei denen sich auch flüssiger Stickstoff als Kühlmittel einsetzen läßt. Die Meßapparatur – ein zylindrisches, mit Kühlmittel gefülltes Gefäß – enthält am Boden die empfindlichen Meßsensoren. Diese wiederum sind mit einem Computer verbunden, der die gewonnenen Daten auswertet. Die Messung selbst erfolgt berührungsfrei über dem Thorax des Patienten und erfaßt winzige Magnetfelder, die durch die Aktivität des Myokards entstehen. Über große praktische Erfahrung mit der neuen Methode verfügen Ärzte am Klinikum Benjamin Franklin und der Franz-Volhard-Klinik in Berlin. In der täglichen klinischen Praxis wird hier mit der Katheterablation eine minimal invasive Methode zur Heilung von Patienten mit malignen Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Durch die frühzeitige Information über die Lokalisation des arrhythmogenen Gewebes mit Hilfe des SQUIDMehrkanalsystems kann die Zeit des Eingriffs nicht selten erheblich verkürzt werden. Darüber hinaus können Informationen über die bestmögliche Positionierung des Katheters gewonnen werden. Ein weiteres Einsatzgebiet des MKG könnte die Überwachung der fetalen Herzfunktion in der 27. bis 35. Schwangerschaftswoche sein. In diesem Zeitraum ist die Haut des Embryos durch die Vernix caseosa derart bedeckt, daß ein fetales EKG schlecht möglich ist und nur ungenaue Informationen liefern kann. Alexander Wehr

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote