ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Gesundheitsverhalten der Bevölkerung

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Gesundheitsverhalten der Bevölkerung

Lüschen, Günther

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LNSLNS Gesundheitssysteme in der Europäischen Union folgen grundsätzlich ähnlichen Prinzipien wie denen einer angemessenen Versorgung – unabhängig vom sozialen Status. Darüber hinaus zeigen sie aber viele nationale Eigenheiten, und auch die Bevölkerung läßt je nach Nation und Kultur unterschiedliche Verhaltensweisen erkennen – mit gewissen Ausnahmen wie den überraschend gleichen Mustern im alltäglichen Verhalten.


Zu diesen Ergebnissen liegt eine von den Universitäten Antwerpen, Maastricht, Nancy, Valencia unter Federführung der Universität Düsseldorf durchgeführte mehrjährige, vergleichende Studie in der Abschlußpublikation vor. 2 239 Erwachsene, 18 Jahre und älter, wurden 1992 in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Spanien und Westdeutschland nach ihren Erfahrungen mit dem jeweiligen nationalen Gesundheitssystem sowie ihrer eigenen Gesundheitssituation befragt.

Verschiedene Gesundheitssysteme
Einige der aus differenzierten Analysen abgeleiteten Erfahrungen und Ergebnisse zeigen:
1. Die Gerechtigkeit des jeweiligen Gesellschaftssystems wird sehr unterschiedlich bewertet. Franzosen und Spanier äußern erhebliche Kritik. Bei Deutschen und Niederländern ist diese vor allem am sozialen Sicherungssystem und der Verteilung materieller Güter orientierte Kritik viel verhaltener. Dagegen wird das Gesundheitssystem auffällig besser bewertet, wobei die Niederländer ihrem System vergleichsweise die besten Noten geben.
2. Nationalität hat einen großen Einfluß auf Erfahrung mit und Bewertung der gesundheitlichen Versorgung. Ein übergreifendes europäisches Gesundheitssystem gibt es nicht. Vielmehr zeichnet sich jedes System in Organisation und Erwartungen durch erhebliche nationale Eigenheiten aus. Typisch dafür waren die Ergebnisse in der Euregio, im Grenzgebiet von Aachen, Lüttich und Maastricht, wo weder grenzüberschreitende Service-Leistungen in Anspruch genommen werden noch gleiche oder uniforme Einstellungen zu Gesundheit und ihrer Versorgung bestehen. Fast kann man sagen: "Nation ist alles." Trotzdem ist eine Mehrheit in allen Ländern der Auffassung, daß sich die EU zentral mit der Gesundheitspolitik befassen sollte. 3. Gesundheitsstatus und die Bewertung der eigenen Gesundheit sind bei den Deutschen, Franzosen und Spaniern am schlechtesten, bei den Belgiern und Niederländern am besten. Nur 59 Prozent der Deutschen, 57 Prozent der Franzosen und Spanier gegenüber 75 Prozent der Belgier und 77 Prozent der Niederländer halten ihren Gesundheitszustand für gut oder sehr gut. Die Deutschen haben für das vergangene Jahr mit Abstand die höchsten Raten für ernsthafte Erkrankungen, chronische Erkrankungen und körperliche Gebrechen. Dieser Gesundheitssituation, die bei den Deutschen zum Beispiel durch die mit Abstand größte Sorge gestützt wird, krank zu werden, entspricht auch die Inanspruchnahme von Ärzten. Im vergangenen Jahr besuchten 69 Prozent der Deutschen praktische Ärzte, 60 Prozent Fachärzte, wohingegen diese Raten mit 47 beziehungsweise 32 Prozent bei den Belgiern am geringsten waren.
4. Dem subjektiv und nach den vorliegenden objektiven Daten schlechteren Gesundheitszustand der Deutschen entspricht nicht ihr als präventiv einzuordnendes Verhalten. Die Deutschen beteiligen sich mit 64 Prozent am meisten an Sport und Leibesübungen gegenüber nur 38 Prozent bei den Spaniern. Zusammen mit Belgiern, Franzosen und Niederländern zeigen sie ebenfalls ein gesundes Verhalten beim Essen. Regelmäßig Frühstück einzunehmen ist bei Spa-niern (89 Prozent) und Deutschen (82 Prozent) eine kulturell determinierte Tugend; aber nur 14 Prozent der Spanier gegen 60 Prozent bei Belgiern, Deutschen und Niederländern essen täglich frisches Obst und Gemüse.
5. Beim Rauchen halten die Deutschen einen Mittelplatz, 28 Prozent sind Raucher, 11 Prozent Gelegenheitsraucher; besonders beim Trinken von Alkohol sind sie, wie aus vielen Studien immer wieder deutlich wird, unter den fünf an der Studie beteiligten Nationen führend. Alkohol haben in den letzten 6 Monaten 85 Prozent der Deutschen, 80 Prozent der Niederländer, 67 Prozent der Belgier, 61 Prozent der Franzosen zu sich genommen; die Frage wurde in Spanien nicht gestellt. Dabei ergab sich bei einer speziellen Frage über die Schädlichkeit des Alkohols, daß die Auffassung, daß jede Menge Alkohol schädlich ist, am ehesten von Deutschen bejaht wurde (18 Prozent) und mit 7 Prozent am wenigsten von Franzosen.


Variable Gesundheitskultur und sozial stabile Versorgung
Über diese deskriptiven Ergebnisse hinaus erbrachte die Untersuchung wichtige Ergebnisse zu dem, was als "Gesundheitskultur" zu bezeichnen ist. Eine kurative Medizin wird am meisten von den Franzosen und am wenigsten von Deutschen und Niederländern propagiert. Entsprechend ist dann auch der Konsum von Pharmazeutika. Während in diesem Zusammenhang von Deutschen eher eine ganzheitliche Medizin befürwortet wird, weisen sie die geringste Rate für die Konsultation von Heilpraktikern und Homöopathen auf (3,6 Prozent). Eine gesetzliche Regelung, die kostenlose Versorgung ermöglicht, wird in fast gleicher Höhe in allen Ländern der Untersuchung deutlich unterstützt: mit etwa gleichen Raten wird eine höhere Eigenfinanzierung propagiert. Aber eine stärkere Heranziehung der öffentlichen Hand beziehungsweise der Arbeitgeber findet eine relativ starke Befürwortung. Dabei sind soziale Benachteiligungen in der medizinischen Versorgung offenbar sehr gering. Im Gegenteil wird eine Kritik am System eher von besser Gebildeten angemeldet. Die Erwartungen und Anforderungen an das medizinische System sind dabei in Deutschland und Belgien am höchsten, in Frankreich und den Niederlanden signifikant geringer. Beschwerden über Ärzte bezüglich Kommunikationsproblemen oder Arztterminen sind keinesfalls häufig. Aber sie wurden von Deutschen und Spaniern signifikant häufiger als von Franzosen, Belgiern und Niederländern vorgetragen.


Drei konsistente Muster
Das interessanteste Ergebnis der Untersuchung auf Grund der sogenannten Korrespondenzanalyse betraf die ermittelten Muster des Gesundheitsverhaltens. Alkoholgenuß, Rauchen, Sporttreiben, gesunde Er-nährung, Naschen zwischen den Mahlzeiten, Vitamineinnahme und Selbstmedizin wurden dabei berücksichtigt. Die Analyse ergab für solche Verhaltensweisen drei Typen, und zwar in ihrer jeweiligen Verbreitung unabhängig vom jeweiligen Land. Diese wurden von der Forschergruppe als Gesundheits-Nihilisten, GesundheitsInterventionisten und Gesundheits-Praktiker bezeichnet. Die Gruppe des letzteren Musters war bei knapp der Hälfte mit 49,6 Prozent am häufigsten anzutreffen und bedeutet, daß Personen dieses Typus sich natürlicherweise gesund verhalten. Man raucht nicht, ißt vernünftig, treibt Sport; man hält sich aber auch in der Einnahme von Vit-aminen und ohne Rezept zu kaufender Pharmazeutika zurück.
Die Gesundheits-Interventionisten verhalten sich dagegen rational und bewußt; sie weisen einen hohen Verbrauch von Vitaminen und auch frei käuflicher Pharmaka auf. Viele von ihnen sind offenbar durch Schaden klug geworden, denn im Durchschnitt hat diese Gruppe keinen guten Gesundheitszustand. Im übrigen ist dieser sehr rational eingestellte Typus nicht so häufig zu finden und betrifft nur jeden siebten zumeist älteren und eher weiblichen Erwachsenen. Die Gesundheits-Nihilisten, zu denen etwas mehr als ein Drittel der erwachsenen und eher jüngeren und männlichen Bevölkerung gehört, verhalten sich gesundheitsschädigend und zeigen überdurchschnittlich hohe Raten an Rauchern: sie haben schlechte Eßgewohnheiten und treiben trotz ihres geringeren Alters weniger Sport. Bei verschiedenen Indikatoren lassen sie erkennen, daß sie deutlich gesundheitlich gefährdet sind.
Die "theoretischen" Fragen ergaben in den beobachtbaren Indikatoren organisatorisch unterschiedliche Systeme und also eine hohe Diversifizierung; das galt gleichermaßen auch bei Einstellung und Verhalten der Bevölkerung. Konvergenz ergab sich bei den übergreifenden Mustern gesundheitlichen Verhaltens, die hinter den erkennbaren Verhaltensweisen zu erfassen waren. Die von Spanien abgesehen relativ hohe Zufriedenheit mit den Systemen und deren Leistung für den sozialen Ausgleich zwischen Mitgliedern unterschiedlicher sozialer Lagen weist dagegen auf eine deutliche Funktion der Gesundheitssysteme für die soziale Integration moderner Industrie- und Wohlfahrtsgesellschaften hin.

Literatur
G. Lüschen, W. Cockerham, J. v. d. Zee et al. 1995: Health Systems in the European Union.
Diversity, Convergence and Integration. München: Oldenbourg.
G. Lüschen, F. Stevens et al. 1994: Health care systems and the people. International Sociology 9: 337-62.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. phil. Günther Lüschen
Universität Alabama
UAB, 329 Ullmann Building
Birmingham, Al/USA

* Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Günther Lüschen war bis 1995 Soziologe und Direktor des Instituts für Sozialwissenschaft der Universität Düsseldorf. Er lehrt jetzt an der Universität Alabama in Birmingham/USA.

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