ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Neue Denkschrift vorgestellt: Pflegewissenschaft erobert die Hochschulen

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Neue Denkschrift vorgestellt: Pflegewissenschaft erobert die Hochschulen

Bristrup, Rosemarie

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LNSLNSLNSLNS Pflegewissenschaft und Pflegeforschung sollen einen festen Platz an deutschen Hochschulen finden. Darüber waren sich die Teilnehmer einig, als am 25. Januar die Denkschrift "Pflegewissenschaft" im Wissenschaftszentrum Bonn präsentiert wurde. Wie der Studiengang in die Universitäten und Fachhochschulen eingebunden und von Fächern wie Medizin oder Biologie abgegrenzt werden kann, wurde jedoch kontrovers diskutiert.


Die neu erschienene Denkschrift beschreibt Ziele, Inhalte und Methoden der Pflegewissenschaft. In zehn Empfehlungen wird der schrittweise Aufbau des Fachbereichs dargestellt: von den fachlichen Grundlagen der Studiengänge über die Einrichtung von Instituten bis zur Entwicklung von pflegebezogener Forschung. Verfaßt wurde die Schrift von einer Arbeitsgruppe, deren Mitglieder in der Pflege, den Gesundheits- und Sozialwissenschaften, der Pädagogik und den Gesundheitsverwaltungen arbeiten. "Pflegewissenschaft" ist nach "Pflege braucht Eliten" die zweite Denkschrift, die die Robert-Bosch-Stiftung gefördert hat. Die Gesundheitspflege ist ein wichtiger Förderungsschwerpunkt der Stiftung: Zur Zeit stehen rund 13 Millionen DM zur Verfügung, mit denen 150 Projekte und 30 Stipendiaten unterstützt werden. Künftig soll vor allem die Pflegepädagogik gefördert werden.
Die Veröffentlichung von "Pflege braucht Eliten" vor vier Jahren hat der Einrichtung von Pflegestudiengängen einen starken Impuls gegeben. Mittlerweile haben überwiegend Fachhochschulen, aber auch einige Universitäten rund 30 Studiengänge für Pflegepädagogik, Pflegemanagement und Pflegewissenschaft eingerichtet. Mit der zweiten Denkschrift wollen die Verfasser die Pflegewissenschaft und -forschung stärker als bisher im deutschen Hochschulsystem verankern. Sie soll künftig die wissenschaftliche Grundlage für Praxis, Lehre und Ausbildung in der Pflege schaffen.
Unumstritten war auf der Veranstaltung, daß die Pflegewissenschaft als eigenständige Disziplin an den Hochschulen eingerichtet werden soll. Kontrovers diskutiert wurde lediglich die Frage, ob dabei den Fachhochschulen oder den Universitäten Priorität eingeräumt werden soll. Die Mehrheit der Teilnehmer aus Pflege, Gesundheitsverwaltung und Ministerien sprach sich dafür aus, das dem Spiel der Kräfte in der künftigen Entwicklung zu überlassen. Der Weg zur Promotion und Habilitation müsse den Absolventen allerdings offenstehen.
Die Frage, ob sich Pflegewissenschaft mit eher praxisbezogener Forschung oder mit Grundlagenforschung beschäftigen soll, war den meisten Teilnehmern zu "akademisch": Ziel wissenschaftlicher Forschung sei es schließlich, die gegenwärtige Pflegepraxis zu verbessern.


Pflege und Medizin driften auseinander
Keine Antwort fanden die Teilnehmer der Veranstaltung auf die grundsätzliche Frage nach der systematischen Abgrenzung der Pflegewissenschaft von Medizin und Biologie. Daß sich die Pflege in der Praxis als eigenständiger Bereich etabliert hat, ist noch keine systematische erkenntnistheoretische Begründung dafür, eine eigenständige universitäre Disziplin zu schaffen. Deshalb ist es eine der Hauptaufgaben der pflegewissenschaftlichen Institute, diese wesentliche Frage zu klären. Interessant ist, daß die Universität Halle plant, einen pflegewissenschaftlichen Studiengang an der medizinischen Fakultät einzurichten. Damit soll verhindert werden, daß sich Pflege und Medizin immer weiter auseinanderentwickeln. Das (Vor-)Urteil von den unterschiedlichen anthropologischen und fachlichen Ausrichtungen von "sozial-ganzheitlicher" Pflege und "biologistischer" Medizin halten auch viele Ärzte mittlerweile für überholt. Dieses Argument wird sicherlich künftig nicht mehr ausreichen, um die Eigenständigkeit der Pflegewissenschaft zu begründen. Andererseits kann gerade die Anbindung an die medizinischen Fakultäten signalisieren, daß die Medizin die Eigenständigkeit der Pflege akzeptiert. Vertreter der Pflege konnten dieser Lösungsvariante allerdings nur wenig abgewinnen.


Akademische Ausbildung für Lehrpersonal
Schlagwort der Veranstaltung war "Normalisierung". Die Pflege und andere Gesundheitsfachausbildungen waren bisher keine akademischen Bildungsgänge, die Universitäten deshalb für Angehörige dieser Berufe nicht unmittelbar zugänglich. Da diese Beschränkung mittlerweile nicht mehr für die Weiterbildung gilt, fordern die Pflegekräfte eine akademische Ausbildung für Lehrer in der Krankenpflege. Außerdem sollen Studiengänge für Pflegemanager und -wissenschaftler eingerichtet werden, wobei die Zulassung zum Studium nicht an eine Krankenpflegeausbildung und einschlägige Berufserfahrung geknüpft sein soll. Ob dieser Vorschlag bildungspolitisch von allen betroffenen Gruppen getragen wird, ist aber fraglich. Rosemarie Bristrup

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