THEMEN DER ZEIT

Geschichte der Psychiatrie: Wahnsinn ist keine Krankheit

Dtsch Arztebl 2011; 108(33): A-1734 / B-1478 / C-1474

Goddemeier, Christof

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Michel Foucault war ursprünglich Psychologe. Nachdem er mit der Psychiatrie in Berührung kommt, qualifiziert er sich weiter in Psychopathologie und experimenteller Psychologie. Foto: dpa
Michel Foucault war ursprünglich Psychologe. Nachdem er mit der Psychiatrie in Berührung kommt, qualifiziert er sich weiter in Psychopathologie und experimenteller Psychologie. Foto: dpa

Vor 50 Jahren schrieb der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault die „Geschichte des Wahnsinns“. Seine Idee des „eingesperrten“ Wahnsinns ermöglichte ein neues Geschichtsverständnis.

Warum ist überhaupt Psychiatrie und nicht vielmehr keine Psychiatrie?“ fragt der Psychiater und Soziologe Klaus Dörner in seinem Buch „Bürger und Irre – Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie“ (1969) und meint damit die Frage nach ihren Ursachen und Bedingungen, ihren Aufgaben und ihrem Zweck. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schreibt man die Geschichte dieses Fachs vornehmlich als Fortschrittsgeschichte. Erwin Ackerknecht etwa geht von den Begriffen „Wissenschaft“ und „Wissenschaftlichkeit“ aus: Auf eine wissenschaftliche Periode der Griechen folgen fast 2 000 Jahre ohne nennenswerte Entwicklung, und Ende des 18. Jahrhunderts wird das Fach Psychiatrie, wie wir es heute verstehen, begründet.

Noch 1999 lässt Edward Shorter seine „Geschichte der Psychiatrie“ mit der Behauptung beginnen: „Vor dem Ende des 18. Jahrhunderts gab es keine Psychiatrie.“ Ihre Geschichte erzählt er „geradlinig“: Beginnend mit den ersten Heilanstalten Ende des 18. Jahrhunderts, endet sie „in den stillen Praxen der niedergelassenen Psychiater des späten 20. Jahrhunderts“. Ihm zufolge gibt es unter den Psychiatriehistorikern drei Typen: „Apologeten“ sehen seit den ersten Asylen eine fortschreitende Linderung menschlichen Elends. Ihnen widersprechen „Revisionisten“, die diesen Fortschritt nicht erkennen. „Neoapologetiker“ bestehen schließlich darauf, dass „Geisteskrankheit real existiert“. Zu ihnen zählt Shorter sich selbst. Die biologische Psychiatrie jüngerer Zeit hält er für einen weiteren Meilenstein auf dem „neurowisssenschaftlichen Weg zum Erfolg“.

Nach dieser Einteilung gehört der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault in die zweite Gruppe. 1961 erscheint sein Buch „Folie et déraison. Histoire de la folie à l`âge classique“ (deutsch: „Wahnsinn und Gesellschaft – Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“). Ursprünglich ist der 1926 geborene Foucault Psychologe. An der Pariser Eliteschule École normale supérieure konzentriert der Zwanzigjährige sich vor allem auf dieses Fach, 1949 erwirbt er seine Licence. Im Hôpital Sainte-Anne und im Gefängnis von Fresnes kommt er mit der Psychiatrie in Berührung, qualifiziert sich weiter in Psychopathologie und experimenteller Psychologie.

Von 1950 bis 1953 ist Foucault Mitglied der Kommunistischen Partei. Seine erste größere Arbeit „Maladie mentale et personnalité“ (Geisteskrankheit und Persönlichkeit, 1954) versteht Geisteskrankheit als Folge von Elend und Ausbeutung, als durch den Kapitalismus bedingte „Entfremdung“. Nur eine radikale Veränderung der Lebensbedingungen könne dem ein Ende setzen. Doch ein Artikel in einem Sammelband zum Stand der psychologischen Forschung schlägt zur selben Zeit schon einen anderen Ton an. Hier kritisiert Foucault eine positivistische Psychologie, die zwar immer neue Tests erfunden, aber die „Negativität des Menschen außer Acht gelassen hat“, und besteht auf einer Analyse der Widersprüche: „Die Krankheit ist die psychologische Wahrheit der Gesundheit, insoweit sie ihr menschlicher Widerspruch ist.“

Auch nach einer kompletten Überarbeitung möchte Foucault mit „Maladie mentale et personnalité“ nicht mehr in Verbindung gebracht werden und bezeichnet seine Dissertation „Wahnsinn und Gesellschaft“ als sein erstes Buch. „Maladie mentale und personnalité“ enthält noch einen klaren Bezugspunkt: den nicht entfremdeten, vernünftigen Menschen. Dieses Ideal findet man in „Wahnsinn und Gesellschaft“ nicht mehr. Damit verabschiedet Foucault sich von der Psychologie als positiver Wissenschaft, die sich anmaßt, ihre Gegenstände – das Bewusstsein, seine Störungen sowie psychische Erkrankungen – als von geschichtlichen Entwicklungen unabhängige, objektive Gegebenheiten zu beschreiben. Neben seinem umfassenden Interesse an allem, was mit Psychologie zu tun hat, sind es Ärzte, die Foucault anregen, eine Geschichte ihres Fachs zu schreiben. Dabei interessieren ihn von Anfang an weniger die Psychiater als vielmehr deren Verhältnis zu ihren Kranken, also der Dialog zwischen Vernunft und Unvernunft.

Die moderne Geschichte der Psychiatrie beginnt üblicherweise mit der „Befreiung“ der Wahnsinnigen in den Pariser Krankenhäusern Bicêtre und Salpêtrière durch den Arzt Philippe Pinel. Foto: picture alliance
Die moderne Geschichte der Psychiatrie beginnt üblicherweise mit der „Befreiung“ der Wahnsinnigen in den Pariser Krankenhäusern Bicêtre und Salpêtrière durch den Arzt Philippe Pinel. Foto: picture alliance

Geschichte des sozialen und moralischen Kontextes

Professor Stirn Lindroth von der Universität Uppsala, wo Foucault den größten Teil seiner Arbeit verfasst, kann mit der ersten Niederschrift nicht viel anfangen. In einem Brief an ihn (10. 8. 1957) definiert Foucault sein Projekt deshalb genauer, „das eben nicht darin besteht, eine Geschichte der Entwicklungen der psychiatrischen Wissenschaft zu schreiben. Sondern (. . .) eine Geschichte des sozialen, moralischen und imaginären Kontextes, in dem sie sich entwickelt hat“. Für einen Fortschritt findet er keine Belege. Insofern bricht „Wahnsinn und Gesellschaft“ mit Marx’ und Hegels Geschichtsbild. Sein Verständnis von Geschichte erläutert Foucault 1979 so: „Menschen erheben sich, das ist eine Tatsache. Auf diesem Wege gelangt die Subjektivität (nicht die der großen Männer, sondern jedes beliebigen Menschen) in die Geschichte und haucht ihr Leben ein. Ein Strafgefangener setzt sein Leben gegen die allzu harte Strafe; ein Irrer will nicht mehr eingesperrt und seiner Rechte beraubt werden (. . .) Dadurch wird der Gefangene nicht unschuldig, der Irre nicht gesund (. . .) Niemand muss glauben, diese wirren Stimmen sängen schöner als andere und sagten die letztgültige Wahrheit. (. . .) Weil es solche Stimmen gibt, hat die Zeit des Menschen nicht die Form der Evolution, sondern die der ,Geschichte‘.“

Diese Geschichte ist geprägt von Zufällen und Brüchen sowie dem Kampf um Macht. Foucaults „Genealogie“ folgt keinem Plan und keiner Logik, Ideen von bereits angelegten „Wesen“ und „Identitäten“ erteilt er eine Absage. Doch ihm zufolge haben heutige Dinge eine Herkunftsgeschichte. Aufgabe der Genealogie ist es, das heute Wirkliche als historisch Gewordenes zu verstehen. Was heißt das für Foucaults Verständnis der Psychiatriegeschichte?

Schweigen zwischen Wahnsinn und Vernunft

Wahnsinn und Vernunft sind für ihn dialektisch aufeinander bezogene Formen der Erfahrung, die sich historisch entwickelt haben. Foucault geht es darum, „jenen Punkt null der Geschichte des Wahnsinns wiederzufinden (. . .), an dem der Wahnsinn (. . .) noch nicht durch eine Trennung gespaltene Erfahrung ist“. Konstitutiv ist für ihn „die Geste, die den Wahnsinn abtrennt“. Diese Geste bringt beide zugleich hervor, den Wahnsinn und die Vernunft. Fortan gibt es zwischen beiden „keine gemeinsame Sprache“, sondern nur noch Schweigen. Die Wissenschaft vom Wahnsinn entsteht erst nach dieser Zäsur: „Die Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn ist, hat sich nur auf einem solchen Schweigen errichten können.“ Es folgt die gleichsam poetische Definition, mit der Foucault sein Unternehmen umschreibt: „Ich habe nicht versucht, die Geschichte dieser Sprache zu schreiben, vielmehr die Archäologie dieses Schweigens.“

Seine Darstellung beginnt am Ende des Mittelalters, wo man die Irren in Türme sperrt oder – wie in Sebastian Brants „Narrenschiff“ – Geisteskranke von einer Stadt zur anderen bringt. Das Narrenschiff symbolisiert „eine große Unruhe“, die „gegen Ende des Mittelalters am Horizont der europäischen Kultur aufsteigt“. In seiner Doppeldeutigkeit steht der Wahnsinnige für „Drohung und Verlachen, schwindelerregende Unvernunft der Welt und unbedeutende Lächerlichkeit der Menschen“. Descartes’ denkendes Subjekt kann unmöglich verrückt sein. Seine Aussage, „die sind eben von Sinnen“, ist für Foucault ein „Gewaltakt“, durch den das Zeitalter der Klassik (von Louis XIV. bis zur Französischen Revolution) den Wahnsinn zum Schweigen bringt. Doch ab Mitte des 17. Jahrhunderts werden nicht nur die Wahnsinnigen interniert. Wenige Jahre nach seiner Gründung 1656 soll das Pariser Hôpital général mehr als 6 000 Menschen beherbergen – neben den Wahnsinnigen Arbeitsunwillige, Kriminelle und Libertins, etwa ein Prozent der Pariser Bevölkerung.

Die moderne Geschichte der Psychiatrie beginnt üblicherweise mit der „Befreiung“ der Wahnsinnigen in den Pariser Krankenhäusern Bicêtre und Salpêtrière durch den Arzt Philippe Pinel. Diese Geschichte verweist Foucault in das Reich der Legenden. Sowohl die von Pinel initiierte Behandlung der Wahnsinnigen im neuen Asyl als auch das „moral treatment“ im Yorker „Retreat“ des Quäkers Samuel Tuke liest Foucault als Einsperrung des Wahnsinns in neue Formen der Repression, etwa die psychiatrische Klassifikation sowie eine „Logik der Schuld und des Geständnisses und schließlich der bürgerlichen Familiennormen“ (Sarasin). Die „Psyche“, welche die Psychiater und später Freud entdecken, ist demnach das Produkt von Unterwerfungstechniken, die Pinel und Tuke in ihren Kliniken anwenden. Dabei befindet sich das 18. Jahrhundert in einer eigentümlichen Paradoxie. Es glaubt, den Wahnsinnigen sicher erkennen zu können, weiß aber nicht zu definieren, was das sei: Wahnsinn. Auch Foucault umkreist das Phänomen Wahnsinn eher, als dass er eine eindeutige Definition liefert. Aus der Perspektive einer bürgerlichen Vernunft, die sich von ihrer Nützlichkeit her definiert, ist Wahnsinn ihm zufolge zuerst die „Abwesenheit eines Werks“, einer Arbeit. Untrennbar mit dem Wahnsinn verbunden ist zudem der Irrtum. Dabei ist „der Irre“ weniger Opfer einer Illusion oder Halluzination, sondern einer „Bewegung seines Geistes“: „Er wird nicht getäuscht, er irrt sich.“ Bereits François Boissier de Sauvages (1772) benennt den „konstanten Irrtum“ als wesentliches Merkmal des Wahnsinns. Damit verfehlt der Wahnsinnige zwar die Wahrheit der Vernunft. Aber der Wahnsinn hat seine eigene Wahrheit: eine „Welt von schlechten Instinkten, von Perversität, von Leiden, von Gereiztheit“. Diese „Bosheit im Naturzustand“ gibt, so Foucault, der menschlichen Freiheit erst ihren Sinn, einer Freiheit, die eben auch den Wahnsinn ermöglicht.

Wahnsinn als Paar aus Vernunft und Unvernunft

Für Foucault ist der Wahnsinn keine Krankheit, ja, für sich allein genommen nicht einmal real. Er behandelt ihn ausschließlich als Paar aus Vernunft und Unvernunft. Gemäß Friedrich Nietzsches Diktum „Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen“, gilt eine Aussage bloß für eine bestimmte Perspektive. Derart inspiriert, spricht Foucault in seinem Werk oft eher als genealogischer Philosoph und nicht als Historiker, etwa wenn er den Nullpunkt einer „undifferenzierten Erfahrung“ des Wahnsinns „unterhalb der Geschichte“ verortet. Folgerichtig hat er sein Buch immer als nicht abgeschlossen bezeichnet. Als es erscheint, ist es zunächst ein Dokument der ungewöhnlichen Belesenheit seines Autors, das vor allem im akademischen Milieu rezipiert wird. Auf neue und originelle Weise befragt es den Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher Diskurse. Später spaltet es die Leser: Liberale Psychiater und Mediziner nehmen es interessiert auf, die konservativen unter ihnen lehnen es ab. Für Vertreter der „Antipsychiatrie“ stützt Foucaults Analyse den Protest gegen bestimmte Praktiken psychiatrischer Einrichtungen. Dass er persönlich im Hôpital Sainte-Anne nie schlechte Erfahrungen gemacht hat, ermöglicht ihm nach eigenem Bekunden seine „historische Kritik“ oder „strukturale Analyse“ – unbeeinflusst von den Gegebenheiten oder Mängeln einer einzelnen Anstalt. Wie er sich eine solche Kritik vorstellt, beschreibt Foucault so: „Sie häuft nicht Urteil auf Urteil, sondern sie sammelt möglichst viele Existenzzeichen; (. . .) Die Kritik durch Richtspruch langweilt mich; ich möchte eine Kritik mit Funken der Fantasie, geladen mit den Blitzen aller Gewitter des Denkbaren.“ Auch wenn Historiker Foucaults These von der „großen Einsperrung“ im 17. Jahrhundert überwiegend ablehnen: Seine Idee des eingesperrten Wahnsinns ermöglicht ein neues Geschichtsverständnis, das psychiatrischen Institutionen nicht mehr automatisch „Humanität“ und „Fortschritt“ attestiert, sondern psychiatrisches Wissen und seine „Machteffekte“ (Sarasin) genauer untersucht.

Christof Goddemeier

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Eribon D: Michel Foucault – Eine Biographie. Frankfurt 1991.
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Sarasin P: Michel Foucault zur Einführung. Hamburg 2006.
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Sarasin P: Wie weiter mit Michel Foucault? Hamburg 2008.
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Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München 2006.
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4.Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München 2006.

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