ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2011Alterssicherung: Neue Bescheidenheit

THEMEN DER ZEIT

Alterssicherung: Neue Bescheidenheit

Dtsch Arztebl 2011; 108(34-35): A-1785 / B-1523 / C-1517

Jachertz, Norbert

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Zeichnungen: Elke R. Steiner
Zeichnungen: Elke R. Steiner

Die ärztlichen Versorgungswerke haben die Finanzkrise bisher relativ gut überstanden. Die steigende Lebenserwartung führt aber zu höheren Altersgrenzen, und das Lokalitätsprinzip hat lästige Überleitungen zur Folge.

Gleich gegenüber dem Berliner Pergamon-Museum steht neuerdings das Pergamon-Palais: ein Wohn- und Bürokomplex im gängigen Investorenstil. In ihn hat die Versorgungseinrichtung der Bezirksärztekammer Koblenz investiert. So wie die Koblenzer legen auch andere Versorgungswerke gerne in Immobilien an. Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt entwickeln das Schlossviertel Nymphenburg in München, Bayern kauft den Spitaler Hof in Hamburg, die Sachsen investieren in Stuttgarts Innenstadt, die Westfalen gar an der New Bond Street in London, um nur einige neuere Objekte zu nennen. Mit Hilfe von Banken-Spezialfonds engagieren sich neun Versorgungswerke zudem weltweit. Mit Immobilien erhofft man sich einen „Renditekorridor“ von 3,5 bis 4,5 Prozent.

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Solche Margen sind auch nötig. Denn sichere festverzinsliche Wertpapiere, die klassischen Anlagen der Versorgungswerke, werfen nur magere Zinsen ab: zehnjährige (deutsche) Bundesanleihen gegenwärtig etwa 2,22 Prozent, Pfandbriefe 3,25 Prozent. Erstklassige Industrieobligationen rentieren bei mittleren Laufzeiten zwischen 2,9 und 3,5 Prozent (laut Heubeck AG).

Anspruchsvolles Ziel

Mit sicheren Anlagen ist derzeit der Rechnungszins, mit dem die Versorgungswerke Renten und Rentenansprüche kalkulieren, kaum zu erreichen. Dieser beträgt bei den meisten vier Prozent und resultiert aus besseren Zeiten. Ihn zu erwirtschaften, bleibt, um den neuen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen (ABV), Hartmut Kilger, zu zitieren, „ein anspruchsvolles Ziel“. Mindestens vier ärztliche Versorgungswerke haben daher die Konsequenz gezogen und ihren Rechnungszins auf 3,5 Prozent gesenkt, eins auf 3,75 Prozent. Das geschah bisweilen auch auf Druck von oben. Jedes Versorgungswerk untersteht der Rechtsaufsicht des für die Kammer zuständigen Ministeriums und der Versicherungsaufsicht des Finanz- oder Wirtschaftsministeriums.

Absenkung bedeutet nicht unbedingt, dass die (künftigen) Leistungen sinken. Wenn mehr erwirtschaftet wird als der Rechnungszins – im Jahr 2009 sollen sich die Anlagen der Versorgungswerke der ABV zufolge mit etwa fünf Prozent verzinst haben –, wird ein Teil in die Rücklagen gesteckt, ein Teil als „Dynamisierung“ an die Rentner ausgeschüttet oder den Anwartschaften zugeschrieben. 3,5 oder vier Prozent – das ist immer noch mehr, als die private Lebensversicherung ihren Kunden verspricht (vgl. „3 Fragen an . . .“). Allerdings: Der Zins und die daraus berechneten Renten werden bei der privaten Lebensversicherung für jeden Vertrag garantiert. Das führt zu sehr vorsichtigen Annahmen. Die Versorgungswerke hingegen kalkulieren mit ihrem Rechnungszins nur, müssen aber nichts garantieren.

Hinzu kommt ein weiterer Systemunterschied, jedenfalls bei jenen ärztlichen Versorgungswerken, die auf dem sogenannten offenen Deckungsplanverfahren basieren, und das sind die meisten. Diese verbinden Kapitaldeckung (wie bei der Lebensversicherung) und Umlage (wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung). Das heißt: Ein Teil der Beiträge der aktiven Mitglieder wird in den Kapitalstock gesteckt (auf den der Rechnungszins angewandt wird), ein Teil für die laufenden Rentenzahlungen verwandt. Wie hoch die jeweiligen Anteile sind, hat jedes Versorgungswerk für sich festgelegt. Es gibt solche, die näher am Umlage-, und solche, die näher am Kapitaldeckungsverfahren sind. Um funktionieren zu können, setzt dieses System einen stetigen („ewigen“) Mitgliederzugang voraus. Um steigende Leistungen bieten zu können, sind zudem stetig steigende Beiträge, berechnet auf Basis steigender Einkommen, vonnöten und: steigende, zumindest aber anhaltend gleichbleibende Kapitalerträge. Diese sind umso wichtiger, je näher sich das Versorgungswerk an der Kapitaldeckung ausrichtet wie etwa die hessische Ärzteversorgung. „Wir sind die Extremsten“, formuliert es ein Sprecher und meint damit das in Hessen angewandte Anwartschaftsverfahren mit fast reiner Kapitaldeckung.

Für alle Versorgungswerke gilt gleichwohl die alte Bankerregel: Je braver die Anlage, desto geringer die Rendite. Je höher die Rendite, desto höher das Risiko. Doch selbst erfahrene Banker haben sich, wie die Finanzkrisen seit 2008 lehren, nicht daran gehalten.

Spekulationen eng begrenzt

Den Versorgungswerken ist eine allzu riskante Geschäftspolitik an sich verwehrt. Das Versicherungsaufsichtsgesetz verlangt, das Vermögen „so anzulegen, dass möglichst große Sicherheit und Rentabilität bei jederzeitiger Liquidität des Versicherungsunternehmens unter Wahrung angemessener Mischung und Streuung erreicht wird“. Die darauf beruhende Anlagenverordnung listet die erlaubten Anlageformen auf und klassifiziert sie nach Risiko. Sie lässt den Versorgungswerken einen relativ breiten Spielraum, begrenzt aber gewagte Spekulationen. Die Werke legen zumeist etwa 60 bis 65 Prozent in als solide geltende Festverzinsliche an. Bis zu 25 Prozent des Vermögens dürfen sie in Immobilien investieren. Risikoanlagen, zu denen Immobilien gewöhnlich nicht zählen, dürfen der Anlagenverordnung zufolge bis zu 35 Prozent getätigt werden. Manche Versorgungswerke schöpfen die Immobilienquote voll aus, andere bleiben unter zehn Prozent. Fahren die einen die Aktienquote auf zwei Prozent herunter, schrauben andere sie auf 25 Prozent hoch. Bei der Anlagepolitik spiele eben auch viel Spontaneität mit, meint Prof. Dr. med. Frieder Hessenauer, der Vorsitzende der Ständigen Konferenz „Ärztliche Versorgungswerke“ (vgl. Interview).

Zuzunehmen scheint die Vorliebe für die indirekte Kapitalanlage in Spezialfonds. Dazu wird externer Sachverstand – der Großbanken, vertrauter Regionalbanken oder der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank) – eingekauft. Zumindest für die Banken dürfte das ein gutes Geschäft sein. Versorgungswerke mit ihren hundert Milliarden Euro an Vermögensanlagen sind gern gesehene Kunden. So berichtete die Apobank im Juni, „im Bereich der Asset-Managements“ habe sich das Geschäft mit den Versorgungswerken „insgesamt positiv“ entwickelt. Das klingt zuversichtlich und doch verhalten. Denn der gute Ruf der Bank hat bei manchem Versorgungswerk wegen der Fehlspekulationen mit strukturierten Finanzprodukten gelitten. Die Bank scheint zwar auf den Pfad der Tugend zurückgekehrt zu sein. Doch sah sich die Sächsische Ärzteversorgung letztes Jahr zu einer Klarstellung gegenüber ihren Mitgliedern veranlasst: Man schätze die Dienstleistungen, der Eindruck aber, in der Apobank investiert zu sein, sei falsch.

Unter den beiden Finanzkrisen (Lehman/Isländische Banken 2008/2009 sowie die anhaltende Staatsschuldenkrise) leiden generell auch die Versorgungswerke. Etliche dürften im Gefolge der Lehman-Pleite echte Verluste erlitten haben, während die Folgen der jüngsten Krise sich eher in den mageren Zinsen für erstklassige Anlagen bemerkbar machen. Wer wie viel wodurch in den Sand gesetzt hat, dazu schweigen die Hereingefallenen.

Ein Indiz für Verluste

Ein Indiz für etwaige Verluste ist die in den Geschäftsberichten ausgewiesene Differenz zwischen Brutto- und Nettoverzinsung der Kapitalanlagen. Wenn im kritischen Jahr 2008 in einem Versorgungswerk die Rendite brutto 4,08 Prozent, netto aber 0,99 Prozent betrug, in einem anderen Versorgungswerk sogar brutto 5,25 Prozent und netto –1,24 Prozent, dann lässt sich auf außerordentliche Abschreibungen schließen. Zumal, wenn sich ein Jahr später das Blatt plötzlich gewendet hat. Im Fall eins betrug die Nettoverzinsung 2009 nämlich schon wieder 4,68 Prozent, im Fall zwei knapp drei Prozent.

Im Zuge der Lehman-Krise tauchte 2009 eine Liste der Bundesbank auf, in der auch vier ärztliche Versorgungseinrichtungen aufgeführt waren, die auf unbesicherte Namensschuldverschreibungen der Hyporealestate (HRE) gesetzt hatten. Dazu sollte man aber wissen, dass die HRE und deren Vorgängerinnen lange als solide Adressen galten. Ähnliches gilt auch für Staatsanleihen der sogenannten PIGS-Staaten (Portugal, Irland, Griechenland, Spanien), die – auch Versorgungswerken – Ärger bereiten könnten, zumal die Liste immer länger wird. Nun kommt auch Italien ins Gerede. Wie stark einzelne Versorgungswerke hier engagiert sind, ist nicht präzise zu erfahren. Das Versorgungswerk Westfalen-Lippe vermeldete Mitte 2010, man halte indirekt über Fonds für 91,3 Millionen Euro Griechenland-Anleihen. Das entspreche einem Prozent der Gesamtanlagen. Das klang beruhigend, deshalb wohl auch das Eingeständnis. Allgemeiner ließ sich kürzlich die sächsische Ärzteversorgung vernehmen: Es lasse sich „kaum vermeiden, auch in Papieren von Staaten investiert zu sein, die momentan als Krisenstaaten gelten“. Der Geschäftsführer einer Versorgungseinrichtung im Westen differenziert: Die direkten Auswirkungen der Staatsschuldenkrise habe man im Griff, die indirekten nicht; als Beispiel nennt er die Anlage in Gewerbeimmobilien, die durch einen Wirtschaftsabschwung hart getroffen würden.

Anders gesagt: Versorgungswerke bewegen sich mit ihren Anlagen auf dem Kapitalmarkt und müssen mit dessen Risiken leben. Man kann damit leben, wenn die Einbrüche nur geringe Teile der Vermögensanlage betreffen. Auch vorübergehende Unterschreitungen des Rechnungszinses gefährden nicht die Leistungsversprechen. Erst ein nachhaltiger Rückgang über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren würde eine Korrektur des Rechnungszinses erforderlich machen, schätzt ein Versicherungsfachmann.

Der Ausgleich kommt aus der Sicherheitsrücklage, die jedes Versorgungswerk bilden muss. Die Ärzteversorgung Baden-Württemberg etwa musste ihre Rücklage 2008, als die Verzinsung ihrer Anlagen auf 0,18 Prozent abrutschte, auf 4,7 Prozent der Deckungsrücklage abschmelzen, konnte sie aber ein Jahr später bereits wieder auf 6,5 Prozent auffüllen. Jetzt will sie die Rücklage sogar auf 7,5 Prozent aufstocken. „Beweggründe waren“, erläuterte das Versorgungswerk im Juni dieses Jahres, „zum einen die hohe Volatilität der Kapitalanlagen und die beachtlichen Risiken“. Zum anderen vermutet man, auch die Versorgungswerke würden höheren Eigenkapitalanforderungen ausgesetzt. Das ist vorsichtig gedacht und liegt im allgemeinen Trend, die Rücklagen zu stärken. Erhöhung der Rücklagen bedeutet aber, von den Kapitalerträgen mehr einzubehalten, statt sie als „Dynamisierung“ weiterzugeben. Das kann zu Unmut bei den Mitgliedern führen, zumal bei jüngeren. Während nämlich „Alt-Rentner“ über Jahre von hoher Dynamik profitierten, sehen die jungen Mitglieder trotz unverändert hoher Beiträge („Versorgungsabgaben“) vergleichsweise mageren Zeiten entgegen. Um halbwegs für „Generationengerechtigkeit“ zu sorgen, gehen deshalb manche Versorgungseinrichtungen dazu über, Bestandsrenten geringer zu dynamisieren als Anwartschaften.

Freiberufler leben länger

Nachteilig und unerwartet für die Jüngeren ist allein schon, dass sie länger arbeiten müssen als ihre älteren Kollegen. 2006 nämlich ließ die ABV die statistische Lebenserwartung ihrer damals rund 700 000 Mitglieder durch die Versicherungsmathematiker der Heubeck AG überprüfen. Es stellte sich heraus, dass die Lebenserwartung der Freiberufler um circa 20 Prozent höher liegt als die der Gesamtbevölkerung. Die Folge: Die „Richttafeln“ mussten aktualisiert werden.

Die an sich erfreuliche Botschaft hat eine unangenehme Seite. Der längere Rentenbezug muss irgendwie bezahlt werden. „Das heißt“, erläutert die Ärzteversorgung Baden-Württemberg, „Renten und Rentenanwartschaften müssten bei sofortiger Anwendung der Richttafeln um acht Prozent korrigiert werden.“ Das aber traute man sich nirgends. Der Ausweg war, das Renteneintrittsalter heraufzusetzen. Damit kann die Hälfte der kalkulierten Belastungen finanziert werden, die Finanzierung der anderen Hälfte kann über zehn Jahre gestreckt werden. Das bedeutet, dass die Versorgungswerke einen Teil ihrer Überschüsse zurückhalten müssen, bis die zusätzlichen Jahre gedeckt sind. Das mindert die Dynamisierung der Renten, die ohnehin unter den Folgen der Finanzkrise leidet und zurzeit mager ausfällt: zwischen null Prozent und einsamen zwei Prozent, die sich Bayern leistet.

Bis auf die hessische Ärzteversorgung haben alle Versorgungswerke inzwischen die 67-Jahres-Grenze eingeführt, soeben noch das Saarland (vgl. eTabelle). Ältere Ärzte, die sich schon auf den Ruhestand freuten, müssen nun zwei Jahre länger arbeiten oder Abschläge bei der Rente in Kauf nehmen. Viele wollen das nicht einsehen. In Thüringen zum Beispiel lehnte die Kammerversammlung, zuständig für Änderungen der Satzung, im Dezember 2008 die 67 mit Zweidrittelmehrheit ab. Drei Monate später musste sie, auch auf Druck der Aufsicht, der Einführung zustimmen, rückwirkend zum 1. Januar 2009. Die Hessen wollen hingegen bei den 65 bleiben, obwohl das Versorgungswerk die Anhebung befürwortete. Doch die Kammerversammlung lehnte ab. Auf Dauer, so ist aus Hessen zu hören, werde sich das aber nicht halten lassen.

So national, ja international sich die Versorgungswerke in ihrer Anlagepolitik orientieren, so regional hingegen ist ihr eigener Geschäftsbereich. Jede Ärztekammer hat ihr Versorgungswerk. Manchmal besorgen zwei (Berlin und Hamburg) oder drei (Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt) ihre Geschäfte gemeinsam. Andere stimmen sich informell ab. Doch im Prinzip bleibt jedes Versorgungswerk strikt kammerbezogen – ein abgeschlossener Mikrokosmos. Das hat seine gute Seite: die Nähe zu den Mitgliedern. Problematisch wird die Begrenzung aber für jene Mitglieder, die die Kammer und damit auch das Versorgungswerk wechseln müssen. Es gilt das Lokalitätsprinzip: wo der Ort der beruflichen Tätigkeit, da auch die Mitgliedschaft.

Bis 2005 konnte ein Mitglied, das umzog, noch wählen, ob es im alten Versorgungswerk bleiben oder ins neue wechseln wollte. Man wählte, wenig überraschend, das vermeintlich bessere. Es gab Versorgungswerke, erinnert sich Michael Jung von der ABV, wo an die 30 Prozent der Mitglieder nicht der betreffenden Kammer angehörten. Damit sei das Prinzip der Selbstverwaltung gefährdet gewesen.

Ende der Rosinenpickerei

Überleitungsabkommen, die in die Satzungen aller Versorgungswerke Eingang fanden, beendeten 2005 das Rosinenpicken. Die ABV, die das Muster für die Abkommen ausgehandelt hatte, bezog sich auf eine Verordnung der Europäischen Union (EU) von 1971. Die habe für die Überleitung von Rentenansprüchen von EU-Bürgern das Lokalitätsprinzip verlangt. Kritiker, auch solche aus den Versorgungswerken, behaupten zwar nach wie vor, die Verordnung habe innerhalb Deutschlands nicht angewandt werden müssen. Doch die Abkommen bestehen jetzt.

Ausgenommen vom Lokalitätsprinzip sind lediglich jene Ärztinnen und Ärzte, die maximal 60 Monate Beiträge entrichtet und unter 45 Jahre alt sind. Deren Beiträge werden in die neue Versorgungseinrichtung übergeleitet. Diese stellt das neue Mitglied so, als seien die übergeleiteten Beiträge bei ihr geleistet worden. Wer die 60-Monate-Grenze überschritten hat, bleibt beitragsfrei im alten Versorgungswerk und begründet im neuen Versorgungswerk eine zusätzliche Mitgliedschaft. Bewegliche Ärzte können so auf zwei und mehr Anwartschaften kommen. Ob sie sich damit im Alter besser oder schlechter stehen als bei der früheren Regelung, lässt sich nur im Einzelfall berechnen, wenn überhaupt. Zumindest ist die zwangsweise Überleitung für Wechsler lästig.

Klagen vor Gericht blieben nicht aus. Doch das Lokalitätsprinzip erwies sich bisher als gerichtsfest. Proteste kommen zurzeit von den Honorarärzten, die sich gegen Honorar an wechselnden Orten zeitweise betätigen. Aber nicht nur die ärgern sich. Die 60-Monate-Regel ist nämlich mit der ärztlichen Weiterbildung nicht kompatibel. Wer dafür länger als fünf Jahre braucht, begründet schnell unfreiwillig zwei Mitgliedschaften in Versorgungswerken. Auch Ärzte und Ärztinnen, die Berufserfahrung in mehreren Stellen sammeln wollen und dabei nicht auf die Kammergrenzen achten, sammeln zugleich (Mini-)Anwartschaften.

Doch Besserung ist in Sicht. Nach nunmehr sieben Jahren (!) des Nachdenkens zeichnet sich eine Revision des Musterüberleitungsabkommens ab. Danach soll

  • der Überleitungszeitraum auf 96 Monate erweitert,
  • die Altersgrenze auf die Vollendung des 50. Lebensjahres angehoben und
  • der Überleitungsbetrag zumindest pauschal verzinst werden.

Geplant ist, die Überleitung bis zum 1. Januar 2012 überall umzustellen, sofern die Versorgungswerke mitmachen und ihre Satzungen rechtzeitig novellieren. Mobile Ärztinnen und Ärzte kann der Kompromiss zwar nicht befriedigen. Aber mehr ist wohl nicht drin.

Norbert Jachertz

@eTabelle im Internet:
www.aerzteblatt.de/111785

Renten und Vermögen

Die verkammerten freien Berufe sind in 89 Versorgungswerken (darunter 18 ärztlichen) mit 750 000 Mitgliedern (davon etwa 65 Prozent Heilberufler) organisiert. Sie zahlten 2006 Altersrenten an 154 000 Rentner (darunter 28 Prozent Hinterbliebene). Neuere Zahlen sind nicht verfügbar.

Die durchschnittliche Altersrente aller Versorgungswerke lag im Jahr 2006 bei 1 948 Euro pro Monat. Eine entsprechende Angabe für die ärztlichen Versorgungswerke fehlt. Deshalb zwei Beispiele: Die Ärzteversorgung Nordrhein zahlt im Durchschnitt 2 660 Euro pro Monat, wobei der Schwerpunkt zwischen 2 500 und 3 500 Euro liegt. In Ostdeutschland scheinen die Altersrenten auf den ersten Blick sehr niedrig zu sein, in Brandenburg zum Beispiel 1 207 Euro monatlich. Grund ist, dass die Versorgungswerke dort erst 20 Jahre existieren und deshalb nur Teile der Berufslaufbahn absichern konnten. Doch haben hier alle Rentner zugleich Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung.

Die 89 Versorgungswerke kamen Ende 2007 auf gut 113 Milliarden Euro Vermögen; eine Verzinsung in Höhe des Rechnungszinses unterstellt, entspricht das heute etwa 128 Milliarden Euro. Sie waren aufgeteilt in 65 Prozent Festverzinsliche und Schuldverschreibungen, vier Prozent Hypotheken, 18 Prozent Aktien und neun Prozent Immobilien. Die Finanzkrise dürfte diese für 2007 berechneten Anteile verschoben haben. So soll die Aktienquote Ende 2009 deutlich unter zehn Prozent gelegen haben.

3 Fragen an . . Hartmut Kilger, Rechtsanwalt, Vorsitzender der ABV

Die Regelaltersgrenze wird auch bei den Versorgungswerken ab 2012 auf 67 Jahre angehoben. Rechnen Sie mit weiteren Anhebungen?

Kilger: Die berufsständischen Versorgungseinrichtungen heben ihre Regelaltersgrenze in unterschiedlicher Schrittfolge auf das 67. Lebensjahr an. Dies geschieht, um auf die wachsende Lebenserwartung zu reagieren. Gegenwärtig sehe ich die Notwendigkeit weiterer Erhöhungen der Altersgrenze nicht.

Die Berechnungen von Heubeck zur Lebenserwartung beziehen sich auf „Freiberufler“. Wäre für die ärztlichen Versorgungswerke nicht nach angestellten und selbstständigen Ärzten zu differenzieren?

Kilger: Wir orientieren uns an der Bundesärzteordnung, und danach sind auch die angestellten Ärzte Angehörige eines freien Berufs und nicht nur die selbstständig Tätigen. Die Berechnungen von Professor Heubeck beziehen sich im Übrigen auf alle Angehörigen der freien Berufe, nicht nur die niedergelassenen und selbstständig Tätigen. Für die berufsständischen Versorgungswerke spielt die Art der Berufsausübung keine Rolle.

Die Versorgungswerke mussten ihren Rechnungszins durchweg senken. Führt das nicht zu sehr unterschiedlichen Verrentungen von Alt und Jung und damit zur Abkehr von der Generationengerechtigkeit?

Kilger: Das ist nicht richtig. Die meisten Versorgungswerke arbeiten nach wie vor mit einem Rechnungszins von vier Prozent. Diesen mit der Vermögensanlage zu erwirtschaften und den Mitgliedern damit eine sehr gute Verzinsung ihrer Beiträge zu bieten, bleibt ein anspruchsvolles Ziel. Deshalb ist die Investition von zusätzlichen Beiträgen eine überlegenswerte Sache, denn der Rechnungszins, der in der privaten Lebensversicherung eine völlig andere Funktion hat als in der öffentlich-rechtlichen berufsständischen Versorgung, beträgt dort zurzeit 2,25 Prozent und soll zum 1. Januar 2012 auf 1,75 Prozent gesenkt werden.

Hartmut Kilger (68), Tübingen, ist seit April 2011 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen (ABV) und u. a. Stellvertretender Vorsitzender des Versorgungswerkes der Rechtsanwälte in Baden-Württemberg; er gehörte dem Verwaltungsausschuss der Sächsischen Ärzteversorgung an. Von 2003 bis 2009 war Kilger Präsident des Deutschen Anwaltvereins.

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