ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2011Anästhesie: Akzeptanz für Fehlermeldesysteme wächst

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Anästhesie: Akzeptanz für Fehlermeldesysteme wächst

Thiel, Antje

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Der Deutsche Anästhesiekongress in Hamburg widmete sich den Themen Patientensicherheit und flächendeckende Standards für die Schmerztherapie.

Das Narkoserisiko für gesunde Patienten liegt derzeit bei 1 : 250 000. „Statistisch gesehen ist das ein guter Wert, in absoluten Zahlen sind dies aber 16 Todesfälle pro Jahr – das ist zu viel“, sagte Prof. Dr. med. Hugo Van Aken, Münster, auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) in Hamburg. Bei multimorbiden Patienten liege das Risiko sogar bei 1 : 25 000, und deren Zahl wächst demografisch bedingt bekanntlich kontinuierlich.

Europäische Initiative legt Mindeststandards fest

Um die Patientensicherheit zu erhöhen haben sich DGAI und der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) der „Helsinki Declaration on Patient Safety in Anaesthesiology“ angeschlossen, einer europäischen Initiative, die Mindeststandards festlegt. „Dazu gehören nicht nur ein regelmäßiger Geräte- und Medikamentencheck, Protokolle für den Umgang mit dem schwierigen Atemweg und die Verwendung einer Surgical Safety Checklist der Weltgesundheitsorganisation“, erläuterte Van Aken. Die Unterzeichner seien auch aufgefordert, Fehlermeldesysteme zu installieren und jährliche Berichte zu erstellen.

In Deutschland stehen hierfür mittlerweile zwei Internetportale zur Verfügung: Auf der Seite www.patientensicherheit-ains.de können Anästhesisten und ihre Patienten Dokumente wie etwa die OP-Checkliste der Weltgesundheitsorganisation zum Download oder Informationen zur Sicherheit in der Anästhesie, Intensiv-, Notfallmedizin und Schmerztherapie (AINS) herunterladen.

Bislang nehmen 47 Kliniken am Fehlermeldesystem CIRS-AINS teil. Dadurch stehen 1 600 Berichte für Recherchen zur Verfügung. Foto: Your Photo Today
Bislang nehmen 47 Kliniken am Fehlermeldesystem CIRS-AINS teil. Dadurch stehen 1 600 Berichte für Recherchen zur Verfügung. Foto: Your Photo Today

„Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass allein durch den Gebrauch von Checklisten die Mortalitätsrate bei operativen Eingriffen signifikant sinkt“, berichtete Van Aken mit Blick auf eine internationale Studie (NEJM 2009; 360: 491–9), in der weltweite Patientendaten verglichen wurden. „Die Daten zeigen, das sowohl in entwickelten als auch in weniger entwickelten Regionen die Mortalitätsrate nach der Einführung von OP-Checklisten von 1,5 auf 0,8 Prozent sank“, sagte Van Aken. Seine einfache Erklärung für das Phänomen: „Die meisten Fehler beruhen auf Kleinigkeiten, die sich leicht vermeiden lassen.“

Zur Fehlervermeidung soll auch die zweite neue Seite www.cirs-ains.de beitragen, die nach dem im angloamerikanischen Sprachraum gebräuchlichen „Critical Incident Reporting System“ (CIRS) benannt wurde. Sie dient als bundesweites Ereignis-Meldesystem, auf dem Ärzte anonym Zwischenfälle und Beinahefehler melden können.

Einmal pro Monat wird ein Bericht aus Sicht eines Anästhesisten und eines Juristen bewertet – beispielsweise die Verwechslung eines Patienten während der Anästhesievorbereitung oder die Gabe eines falschen Medikaments. „Auf diese Weise können Fachkollegen aus den unerwünschten Zwischenfällen lernen“, erklärte Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik, Vorsitzender der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern.

In dem „CIRS-Fall des Monats April 2011“ sei es zum Beispiel darum gegangen, dass einem Patienten statt eines Diuretikums beinahe Hautöl gespritzt worden wäre, weil das Öl in einer üblicherweise für Arzneimittel benutzten Spritze aufgezogen worden war (www.kh-cirs.de/faelle/index.html). „Auch wenn dieser Fall haarsträubend erscheint, kann doch jeder daraus lernen, dass in einer Spritze grundsätzlich nur Medikamente und keine anderen Substanzen aufgezogen werden dürfen“, sagte Schaffartzik.

Chronische Schmerzen verzögern die Wundheilung

Mit der Installation von CIRS-AINS hätten DGAI und BDA auch auf das 24-seitige Grundlagenpapier „Patientenrechte in Deutschland“ reagiert, das der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), im März veröffentlicht hat. Durch den Start eines bundesweiten Online-CIRS steige auch die Akzeptanz unter Anästhesisten, ihre eigenen Fehler zu dokumentieren und einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen, ergänzte Prof. Dr. med. Michael Zenz, Vertreter Schmerztherapie der DGAI, Bochum.

Ein weiteres Feld, auf dem sich DGAI und BDA verstärkt engagieren, ist die Schmerztherapie. Obwohl es klare Indizien dafür gebe, dass eine unzureichende Schmerztherapie die Genesung von Patienten verzögere und die Komplikationsrate ansteigen lasse, werde die Akutschmerztherapie in deutschen Krankenhäusern nach wie vor sträflich vernachlässigt, monierte Prof. Dr. med. Wolfgang Koppert, Medizinische Hochschule Hannover, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes.

Die Schmerztherapie werde im DRG-System schlecht abgebildet, zudem klaffe eine Lücke zwischen der Versorgung im Krankenhaus und der anschließenden hausärztlichen Weiterbehandlung, kritisierte Koppert: „Viele Hausärzte wollen durchaus eine gute Schmerztherapie leisten, doch die Medikamente, die wir Krankenhausärzte den Patienten bei ihrer Entlassung aus der Klinik mitgeben, kann der Hausarzt aus Budgetgründen gar nicht verordnen.“

BDA-Präsident Prof. Dr. med. Bernd Landauer, München, warf ein, dass zudem viele Hausärzte vor den strengen Auflagen des Betäubungsmittelgesetzes zurückschreckten: „Wer Morphine und Opiate verordnen möchte, fürchtet die Bürokratie und auch den Staatsanwalt.“ Zenz ergänzte, dass Morphine und Opioide von den meisten Menschen noch immer mit Begriffen wie „Sucht“ und „Lebensabend“ assoziiert würden. „Dabei sind Morphine und Opioide sehr sichere Medikamente. Richtig dosiert, sind ihre Risiken geringer als bei vermeintlich harmlosen Analgetika wie Acetylsalicylsäure oder Paracetamol.“ In der wissenschaftlichen Literatur gebe es keinen einzigen dokumentierten Todesfall infolge einer Schmerztherapie mit Morphin, betonte Zenz.

Um die Situation Qualität der Schmerztherapie in Deutschland zu verbessern, ist nach Auffassung der Experten ein fachübergreifendes Engagement erforderlich. Schließlich habe eine unzureichende Analgesie gravierende Folgen. „Es besteht nicht nur die Gefahr einer Chronifizierung der Schmerzen, sondern auch einer Verzögerung der Wundheilung“, warnte Koppert und kritisierte: „Obwohl die ethische und ökonomische Dimension einer unzureichenden Schmerztherapie durchaus mit der einer mangelnden Hygiene vergleichbar ist, unternimmt der Gesetzgeber hier bislang nichts.“ Die Kliniken seien auf sich allein gestellt, wenn sie auf diesem Gebiet sinnvolle Strukturen schaffen wollten.

Nationale Richtlinien für Kliniken gefordert

Eine Reihe von Fachgesellschaften forderte daher nationale Richtlinien zur Behandlung von Schmerzen  im Krankenhaus und verwies auf ihr nationales Benchmarkprojekt „QUIPS – Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerztherapie“, Zertifizierungsmaßnahmen wie etwa die „Qualifizierte Schmerztherapie“ Certkom oder die Initiative „Schmerzfreie Klinik“. Bislang fehle allerdings die verbindliche und flächendeckende Umsetzung dieser Standards.

Antje Thiel

mangel an Anästhesisten

Der sich verschärfende Ärztemangel trifft auch die Anästhesie. Nach Angaben des Präsidenten des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA), Prof. Dr. med. Bernd Landauer, fehlen derzeit in Deutschland etwa 750 Anästhesisten, so dass 3,2 Prozent der vorhandenen Stellen nicht besetzt werden können. Zwar sei die Zahl der offenen Stellen in anderen Fachrichtungen höher, dennoch sei die Situation in der Anästhesie besonders prekär: „Wir können unseren Arbeitsumfang nicht wie andere klinische Fächer selbst bestimmen, sondern sind ausschließlich von der Nachfrage anderer Disziplinen abhängig“, betonte Landauer.

Der BDA-Präsident bezeichnete die Fachgruppe Anästhesie mit mehr als zehn Millionen Narkosen pro Jahr als „Schlüsselindustrie“ der Medizin – vergleichbar mit den Fluglotsen im Luftverkehr: „Wenn Piloten streiken, fallen einzelne Flüge aus. Streiken die Fluglotsen, fällt ein ganzer Luftraum aus“, sagte Landauer. Kritisch äußerte er sich zum zunehmenden Einsatz von Honorarärzten in der Anästhesie: „Honorarärzte lösen das Problem des Ärztemangels nur symptomatisch. Sie führen punktuell Narkosen durch, kümmern sich aber nicht um Schmerztherapie, Notfall- und Intensivmedizin.“

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