ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2011Innovationspartnerschaft gesundes Altern: Das Problem gemeinsam angehen

POLITIK

Innovationspartnerschaft gesundes Altern: Das Problem gemeinsam angehen

Dtsch Arztebl 2011; 108(34-35): A-1778 / B-1518 / C-1513

Spielberg, Petra

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Die Europäische Union will mit einer gemeinschaftsweiten Strategie Aktivität und Gesundheit im Alter fördern. Kritiker fürchten, dass der Ansatz vorrangig der Absatzförderung von Innovationen dienen soll.

Foto: dpa
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Das Thema „alternde Bevölkerung“ steht in der Europäischen Union (EU) ganz oben auf der politischen Agenda. Schließlich ist die Lebenserwartung der Europäer seit 1960 im Schnitt um acht Jahre gestiegen, und demografischen Prognosen zufolge wird es in den kommenden 40 Jahren einen Anstieg um weitere fünf Jahre geben. Gleichzeitig gehen die Geburtenraten in fast allen EU-Staaten stetig zurück. Die Europäische Statistikbehörde Eurostat geht davon aus, dass im Jahr 2060 auf jeden 65-Jährigen nur noch zwei erwerbsfähige Bürger kommen. Derzeit beträgt das Verhältnis vier zu eins. Den stärksten Schub erwarten die Fachleute zwischen 2015 und 2035, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Die EU-Kommission hat 2012 daher zum „Europäischen Jahr für aktives Altern“ ausgerufen. Ziel der Initiative ist es, älteren Menschen mehr Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten und dadurch auch der Altersarmut entgegenzuwirken. Die Behörde will ferner dazu anregen, durch Maßnahmen auf regionaler, nationaler und EU-Ebene dafür zu sorgen, dass die Europäer länger gesund bleiben.

Denn alt zu sein, bedeutet nicht zwingend, krank und gebrechlich sein. Bei entsprechender Lebensführung und Veranlagung gelingt es dem Durchschnittseuropäer schon heute, bis zu seinem 63. Lebensjahr ein weitgehend gesundes und aktives Dasein zu führen. „Unser Ziel ist es, die durchschnittliche Anzahl gesunder Lebensjahre bis 2020 um zwei Jahre zu erhöhen“, sagt der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, John Dalli.

Hinter dem ehrgeizigen Plan steckt auch der Wunsch, durch eine stärkere Einbindung gesunder Senioren in den Arbeitsmarkt die Effizienz der Gesundheits- und Sozialfürsorgesysteme der EU-Mitgliedstaaten zu steigern.

Unterstützung für EU-Länder

Andernfalls, so Berechnungen der Europäischen Kommission, dürften die altersbedingten öffentlichen Ausgaben in den EU-Staaten bis 2030 um voraussichtlich 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Aktuell belaufen sich die öffentlichen und privaten Gesundheitsausgaben in der EU auf durchschnittlich 8,3 Prozent des BIP. Ein großer Teil davon geht auf das Konto chronischer Leiden wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder neurodegenerative Krankheiten.

Zwar liegt die Organisation und Finanzierung der Sozialversicherungssysteme in nationaler Hand. Die EU-Kommission sieht sich dennoch in der Pflicht, die Mitgliedstaaten bei der Bewältigung der Herausforderungen zu unterstützen. Mit einem strategischen Gesamtkonzept unter dem Titel „Innovationspartnerschaft gesundes Altern“ will die Brüsseler Behörde die EU-Staaten dazu motivieren, gemeinsam Lösungsansätze zu finden.

Mittel effizienter einsetzen

Die Initiative zielt vor allem darauf ab, die in der EU für Forschung und Innovation aufgewandten öffentlichen und privaten Mittel effizienter einzusetzen und die Markteinführung neuer Therapie- und Diagnoseverfahren zu beschleunigen.

„Bahnbrechende Fortschritte in diesen Bereichen, die älteren Menschen länger ein gesünderes und unabhängiges Leben ermöglichen, wären nicht nur von beträchtlichem gesellschaftlichem, sondern auch von wichtigem wirtschaftlichem Nutzen“, betont die EU-Kommission.

Die Partnerschaft soll zugleich Projekte zur integrierten Gesundheits- und Sozialfürsorge älterer Menschen unter Einbeziehung von Patienten, Ärzten, Pflegekräften und Gesundheitseinrichtungen fördern. Ein Schwerpunkt soll dabei auf dem Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien und speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichteter Techniken liegen, etwa Alarm- und Sicherheitssysteme, Geräte zur Sturzprävention oder Heimroboter. Gelder hierfür sollen auch aus dem EU-Haushalt fließen. Eine EU-weite Zusammenarbeit bei der medizintechnischen Folgenabschätzung von innovativen Produkten in der Medizin würde aus Sicht der Kommission ebenfalls zu mehr Effizienz beitragen.

Ein Gremium mit Gesetzgebungsvertretern und Fachleuten aus Behörden, Normungsorganisationen, Forschungsinstituten sowie Angehörigen medizinischer und pflegerischer Berufe, der Gesundheits- und Sozialversicherungen und Beteiligten der Privatwirtschaft soll noch im Verlauf dieses Jahres konkrete Vorschläge für die Innovationspartnerschaft ausarbeiten. Das Gremium wird von Gesundheitskommissar Dalli und seiner für digitale Medien zuständigen Kollegin Neelie Kroes geleitet. Den deutschen Gesetzgeber vertreten Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan (CDU) und NRW-Landtagsabgeordneter Wolfram Kuschke (SPD).

Im Jahr 2035 wird Prognosen zufolge jeder vierte Bürger innerhalb der EU älter als 65 Jahre sein, in Deutschland sogar fast jeder dritte. 2060 sollen europaweit bereits 30 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein.
Im Jahr 2035 wird Prognosen zufolge jeder vierte Bürger innerhalb der EU älter als 65 Jahre sein, in Deutschland sogar fast jeder dritte. 2060 sollen europaweit bereits 30 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein.

Bei den dem Europäischen Patientenforum (EPF) angeschlossenen Verbänden stößt die Initiative grundsätzlich auf Zustimmung. Allerdings fürchtet das EPF eine möglicherweise zu einseitige Ausrichtung der Partnerschaft. Die Patientenverbände fordern daher einen fachübergreifenden Ansatz. Ein aktives und gesundes Altern müsse als gemeinsame Aufgabe der Gesundheits-, Sozial-, Beschäftigungs- und Bildungspolitik unter Beteiligung von Interessenverbänden verstanden werden, so das EPF. Technikinnovationen dürften zudem nicht zu neuen Ungleichheiten in der gesundheitlichen Versorgung innerhalb und zwischen den Mitgliedstaaten führen.

Multinationale Datenbank

Die Innovationspartnerschaft ist indes nicht die erste Initiative, mit der die EU versucht, die Gesundheit älterer Menschen zu fördern und gemeinsame Lösungsansätze für die Herausforderungen durch den demografischen Wandel zu finden. Die EU-Kommission finanziert beispielsweise seit 2004 mit circa 30 Millionen Euro den Aufbau einer multinationalen Forschungsdatenbank (SHARE) über die Auswirkungen der Alterung auf die Arbeitsmärkte und Wohlfahrtssysteme der europäischen Länder.

Zwischen 2004 und 2007 wurden zudem im Rahmen des Projekts „Healthy Ageing“ zahlreiche nationale Einzelprojekte und -initiativen zur Gesund­heits­förder­ung älterer Menschen systematisch erfasst und evaluiert. Beispielsweise hat Tschechien einen „Nationalen Aktionsplan zur Vorbereitung auf die Alterung 2008 bis 2012“ aufgelegt. Dieser beinhaltet unter anderem den Aufbau eines Netzwerks gesunder Städte. Die französische Regierung fördert im Rahmen ihres Programms „Gutes Altern“ die Entwicklung von Präventionsstrategien. Dänemark wiederum gewährt alleinlebenden Bürgern über 75 Jahre mindestens zwei präventive Hausbesuche pro Jahr.

Das Healthy-Ageing-Projekt ergab aber auch, dass bislang kaum Studien zur Kosteneffizienz von speziell auf die Gesund­heits­förder­ung von Senioren ausgerichteten Maßnahmen existieren. Die Ergebnisse des Projekts sowie die bei SHARE gesammelten Daten sollen bei den im Rahmen der Innovationspartnerschaft ausgearbeiteten Strategien Berücksichtigung finden.

Der Fokus bei der Förderung eines gesunden Alterns sollte aus Sicht des Ständigen Ausschusses Europäischer Ärzte dabei weniger auf rein technologischen Ansätzen liegen als auf einer besseren Vernetzung aller an der Betreuung älterer Menschen Beteiligten. Die Hauptverantwortung sollte dabei von Ärzten getragen werden.

Die Interessenverbände der Pharma- und Medizintechnikindustrie sehen dagegen in der Initiative eine große Chance für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor bei der Erforschung und Entwicklung von Innovationen.

Die in der European Social Insurance Platform (ESIP) zusammengeschlossenen europäischen Sozialversicherungen warnen derweil davor, den Begriff Innovation allzu eng auszulegen (s. a. das Interview mit Dr. Günter Danner). „Das Ziel sollte es sein, alten Menschen dazu zu verhelfen, so lange wie möglich unabhängig, aktiv und gesund zu bleiben“, teilte die ESIP in einer offiziellen Stellungnahme mit. Moderne Technologien und neue Arzneimittel seien hierfür nicht zwingend erforderlich. Vielmehr sollte in erster Linie über neue integrative Ansätze in der Gesundheits- und Sozialfürsorge, auch als Alternative zur familiären Betreuung, nachgedacht werden. Notwendig seien in diesem Zusammenhang zum Beispiel Disease-Management-Programme für die Betreuung chronisch Kranker, Maßnahmen zur Sturzprävention und gesunden Ernährung sowie zur Vermeidung von Isolation und Vereinsamung.

Petra Spielberg

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