ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Ausstellung zur Geburtshilfe: Als Ärzte ungebetene Gäste waren

VARIA: Medizingeschichte

Ausstellung zur Geburtshilfe: Als Ärzte ungebetene Gäste waren

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LNSLNS Im 18. Jahrhundert waren für das sogenannte "Geburtsgeschäft" fast ausschließlich Hebammen zuständig. In Göttingen gab es jedoch eine einzigartige Möglichkeit für Ärzte, sich auch in der Geburtshilfe ausbilden zu lassen. In der ersten deutschen Universitäts-Geburtsklinik, dem sogenannten "Accouchierhaus" (frz. accoucher = entbinden), konnten ledige Frauen ihre Kinder bekommen. Und sie erhielten auch noch Geld dafür. Während der Geburt durften Medizinstudenten, Hebammenschülerinnen und Ärzte Untersuchungen und geburtshilfliche Operationen an den Frauen vornehmen, um ihr medizinisches Wissen zu erweitern. Mit Zangen, Bohrern und anderen technischen Geräten übten sie ihr handwerkliches Geschick bei der Geburtshilfe. Diese Gerätschaften, die zum Teil vor über 200 Jahren benutzt wurden, sind jetzt erstmalig im Institut für Geschichte der Medizin in Göttingen zu sehen. Die Sammlung gehört zu den größten ihrer Art in Deutschland.
Professor Friedrich Benjamin Osiander ist es zu verdanken, daß die Ausstellung so umfangreich ist. Der Mediziner war von 1792 bis 1822 Direktor des Accouchierhauses und erweiterte während dieser Zeit die Sammlung systematisch. 1812 umfaßte sie bereits mehr als 1 500 Stücke. Zu der Ausstellung gehören viele technische Geräte, Instrumente sowie Schädel und Skelette von Kindern und Beckenknochen von Frauen, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Außerdem ist dort ein Nachbau des berühmten Gebärstuhls zu sehen, der im Accouchierhaus benutzt wurde. Osiander sammelte nicht nur diverse Instrumente, er hatte sich auch zum Ziel gesetzt, aus der Geburtshilfe durch die Hebammen eine "ärztliche Kunst" zu machen. Der Mediziner unterrichtete erstmalig Männer in der Geburtshilfe.
Zur praktischen Ausbildung im Accouchierhaus gehörten verschiedene geburtshilfliche Operationen, wie zum Beispiel der Einsatz der 40 Zentimeter langen Osiander-Zange, die der Mediziner selbst erfunden hatte. Die Ärzte und Medizinstudenten führten die beiden Blätter der Zange in die Gebärmutter der Schwangeren ein, legten sie dem Ungeborenen um den Kopf und zogen das Kind heraus, sagt der Historiker Dr. Jürgen Schlumbohm vom Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen. Diese Operationen gelangen oftmals nur mit zahlreichen kraftvollen Zügen und großem körperlichen Einsatz. Schlumbohm hat die Geschichte des Göttinger Accouchierhauses und Osianders medizinisches Wirken erforscht. Aus Osianders Tagebüchern gehe hervor, daß bei rund 40 Prozent der Geburten die Zange auch dann zum Einsatz kam, wenn "künstliche Hilfe aus dringender Not" gar nicht geboten war. Ziel des Professors sei es jedoch immer gewesen, seine Studenten durch häufiges Üben zu geschickten Geburtshelfern heranzubilden, sagt Schlumbohm. Ihre Mißerfolge sind allerdings auch in der Ausstellung zu sehen: In den Regalen stehen lange Reihen von Kinderschädeln, die bei den Zangengeburten zertrümmert worden waren.
Je länger Osiander im Accouchierhaus praktizierte, um so größer wurde die Sammlung und brauchte auch immer mehr Platz. Im Accouchierhaus gab es bald nicht mehr genügend Raum für die Vielzahl der Knochen und Instrumente. Die Sammlung wanderte durch verschiedene Kellerräume der Göttinger Universität und verstaubte. Erst 1984 machte sich das Göttinger Institut für Geschichte der Medizin an die Aufarbeitung der Sammlung und verschaffte ihr jetzt nach rund 100jähriger Odyssee einen festen Platz im Untergeschoß des Instituts. Damit ist erstmals eine Ausstellung öffentlich zugänglich, die einen Einblick in die gesamte Geschichte der Geburtshilfe und in die kontroverse medizinische Diskussion um die Stellung der Ärzte im 18. Jahrhundert gibt. Die Dauerausstellung ist nach telefonischer Anmeldung (05 51/39-90 06) im Institut für Geschichte der Medizin an der Humboldtallee 36 in Göttingen zu sehen. pid

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