ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Telemikroskopie und Telepathologie

VARIA: Technik für den Arzt

Telemikroskopie und Telepathologie

orb

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LNSLNSLNSLNS Nicht ganz 400 Jahre sind es her, als holländische Brillenmacher die ersten Mikroskope bauten. Die 1872 im Auftrag von Carl Zeiss entwickelte Mikroskoptheorie erreichte Praxisreife durch Ernst Abbe. Es war 1893, als August Köhler, ein Mitarbeiter von Zeiss und Abbe, eine Beleuchtungseinrichtung mit getrennter Regelung von Leuchtfeld und Kondensorapertur beschrieb. Seit die-ser Zeit "köhlern" weltweit die Mikroskopiker ihre Mikroskope bei jedem Objektivwechsel. Von Jahr zu Jahr wurden die Mikroskope leistungsstärker. Heute gibt es nicht nur solche, die alle Funktionen motorisch gesteuert wahrnehmen, vielmehr lassen sich die Steuerbefehle über Tausende von Kilometern digital übermitteln. Digital und lichtschnell gehen alsdann die Bilder auf Reisen. Telemikroskopie. – Für uns Mediziner heißt das Zauberwort: "Telepathologie."
"Axiophot 2" heißt die Neuentwicklung von Carl Zeiss. Es ist ein Universalmikroskop, das alle mikroskopischen Verfahren beherrscht, die heute in Biologie und Medizin Verwendung finden. Die von Zeiss entwickelte ICS-Optik (Infinity Colorcorrected System) wurde weiter optimiert. (Unendlich korrigierte Objektive: Zwischen Objektivschraubfläche und Tubuslinse verlaufen die Lichtstrahlen parallel. Früher mußten Telanlinsen zur Korrektur des Strahlengangs zwischengeschaltet werden, wenn man Filter oder Tuben zwischen Objektiv und Tubuslinse einfügen wollte.) Die neue Fluoreszenzeinrichtung erlaubt schnellen Wechsel zwischen fünf verschiedenen Anregungen. Ein neuer Systemkondensor verfügt über sieben Kontrastelemente. Die Fotoeinrichtung bietet eine sehr bemerkenswerte Perfektion. Für TV-Kameras gibt es einen Signaleingang, eine integrierte Elektronik wertet das Bildsignal nach Helligkeit und Schärfe aus.

Digitale Technik
Ein "Focus-Finder" gibt grünes Licht, sobald die beste Scharfeinstellung elektronisch erkannt ist. Belichtungsreihen, automatische Mehrfachbelichtungen, alle Aufnahmedaten registrieren, ja sogar die genaue Position fotografierter Präparatestellen in einem Raster wiederfinden, das alles kann die eingebaute Fotoeinrichtung registrieren, digital versteht sich, darüber hinaus können zweimal acht Zeichen in den Film kopiert werden. Das Mikroskop ist klassisch manuell zu bedienen. Das Robotermikroskop kann alles ferngesteuert, es wird über ein Standard-Interface angesteuert. Gleichermaßen können bis zu drei Kameras plus Videografie ferngesteuert werden. Der Pathologe, der bei der mikroskopischen Tumordiagnose nicht sicher ist, aber weiß, daß sich ein Kollege X in Sydney seit Jahren mit diesem Tumor intensiv auseinandersetzt, kann via Satellit in Sekundenschnelle das histologische Bild auf den Monitor des Kollegen bringen. Ist eine Schnellschnittdiagnose im OP erforderlich, wird dort das Präparat unter das Mikroskop gelegt. Der Pathologe kann, wo immer er sitzt, über den Laptop des Axiophot 2 das Präparat an allen Stellen mit unterschiedlichen Vergrößerungen betrachten, wenn es erforderlich ist, auch fotografieren und speichern. Meine Frage: "Ist Köhlern gleichfalls ferngesteuert möglich?" Die Antwort: "Ja, das geht. Allerdings sagen wir nicht mehr Köhlern, sondern Lichtmanager." – Die Antwort machte mich nachdenklich. Sei es drum, wir werden weiterhin "köhlern". Darüber hinaus, und auch das ist tröstlich, rund um den Globus sagen die Mikroskopiker ebensolches: "to köhlern". Nicht mehr so in Jena, schade. orb

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