ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Haftpflicht: Hausaufgaben machen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Haftpflicht: Hausaufgaben machen

Schirach, Klaus von

Zu dem Leserbrief "Unverständlich" von Prof. Dr. med. Martin Vogel in Heft 8/1998:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS . . . Wir haben sehr viele Klienten, die uns nur deshalb aufsuchen, weil Ärzte schweigen und es nicht für notwendig erachten, bei unvermeidlichen Komplikationen und unvermeidlichen unerwünschten Ergebnissen von Eingriffen Akzeptanz beim Patienten zu suchen, indem man ihm erklärt, was vorgefallen ist. Ein Beispiel aus der Praxis:
In der Kieferchirurgie bricht nach abgeschlossener Operation eine Fixierungsplatte, mit der der Gelenkkopf des Oberkiefers befestigt wurde. Die Klinik, die das verspätet erkennt und die Plattenteile entfernt, geht nicht auf die Eltern zu, um diese Komplikation zu erklären. Die Eltern bekommen nur ungefähr mit, daß eine Komplikation vorlag, und möchten Auskunft, was gebrochen sei, was das für Auswirkungen habe usw. Zahlreiche Versuche, verantwortliche Ärzte ans Telefon zu bekommen, scheitern. Die genervten Eltern verlangen nun den OP-Bericht. Der OP-Bericht, wie auch weitere Behandlungsunterlagen, werden vom Personal verweigert: "Das steht Ihnen nicht zu!" Die Eltern gingen daraufhin stante pede zum Rechtsanwalt, und wir recherchieren anhand der Behandlungsunterlagen, die wir uns beschaffen. Ergebnis: kein Schuldvorwurf, vielmehr eine intelligente Operationstechnik, auch eine gute Prognose. Wir vermitteln dieses Ergebnis den Eltern, diese sind einsichtig, daß kein Arzt versagt hatte. Wir standen also nicht am Krankenbett, sondern wir haben wieder einmal die Hausaufgaben gemacht, die eigentlich die Ärzte hätten machen müssen. Unsere langjährige Erfahrung ist nicht, daß die Ärzte zu viel reden und der Patient akribisch aufpaßt, ob er nicht Schadenersatz verlangen könnte, vielmehr werden Patienten zum einen zu wenig, zu ungenau oder verharmlosend aufgeklärt, zum anderen werden diese über Komplikationen so unzureichend informiert, daß sie sich nicht ernst genommen fühlen und die Anwälte gar nicht in erster Linie aufgesucht werden, um Schadenersatz zu fordern, sondern jemanden zu finden, der sich die Mühe macht, einen komplizierten medizinischen Sachverhalt so rüberzubringen, daß er verstanden wird. Ein nicht unwesentlicher Teil unserer Arbeit besteht darin, den Patienten verständlich zu machen, daß eben kein Behandlungsfehler vorliegt, zum Beispiel weil Infektionen und auch Nervenläsionen unvermeidlich sind.
Dr. jur. Klaus von Schirach, Rechtsanwalt, Leopoldstraße 48, 80802 München
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote