ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Arzneimittelverordnung: Patienten wollen beraten werden

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Arzneimittelverordnung: Patienten wollen beraten werden

Spielberg, Petra

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LNSLNS Hausärzte, die ihre Patienten über Arzneimittelverordnungen beraten, können mit besserer Compliance und mehr "Patiententreue" rechnen.
Fast doppelt so viele Patienten (6,4 Prozent) suchen sich einen neuen Hausarzt, wenn ihnen der Vorgänger zu leichtfertig Medikamente verordnet hat, als wenn sie die Praxis regelmäßig ohne Rezept verlassen haben (3,4 Prozent). Dies ist ein Ergebnis einer Studie, die die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) Mitte März in Frankfurt vorgestellt hat.
Im Frühjahr 1997 fragte das Göttinger Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA) im Auftrag der KVH bei 1 616 Patienten nach, wie zufrieden sie mit den Arzneimittelverordnungen ihres Hausarztes sind. Alle Befragten waren zu der Zeit Patienten bei einer von 24 Arztpraxen, die am hessischen Modellprojekt "Qualitätszirkel Pharmakotherapie" teilnehmen. Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer zählte zu den chronisch Kranken, die dauerhaft medikamentös behandelt werden müssen. Für ihre Treue stellen die Patienten aber Bedingungen an ihren Hausarzt: Erklärungen zu Nebenwirkungen von Arzneimitteln (29,6 Prozent), Beratung über alternative Behandlungsmethoden (35,9 Prozent) oder über vorbeugende Maßnahmen (27,4 Prozent) stehen ganz oben auf der vom AQUA-Institut ermittelten Wunschliste.
"Der Beipackzettel ist nach wie vor problematisch, was die Information über Nebenwirkungen angeht", gab der Vorsitzende der KVH, Dr. med. Jürgen Bausch, zu bedenken. Hier sieht er, bestätigt durch Ergebnisse der Befragung, großen Aufklärungsbedarf durch die Hausärzte. 59,5 Prozent der Befragten, die angaben, Arzneimittel auch schon anders als verordnet oder gar nicht eingenommen zu haben, nannten die Angst vor Nebenwirkungen als Hauptgrund.
Verärgert reagierten 40,8 Prozent derjenigen, denen der Hausarzt eine Wunschverordnung ohne ausreichende Gründe verweigert hatte. Nicht nachvollziehen konnten sie Argumente wie "Das kann ich Ihnen nicht verordnen, weil ich dann mein Budget überschreite", "Herr Seehofer mit seiner Gesundheitsreform ist schuld" oder "Das Medikament steht auf der schwarzen Liste".
Den Wunsch nach einem Beratungsgespräch mit ihrem Arzt verspüren vor allem Patienten mit chronischen Leiden. Beispielsweise 11,8 Prozent von ihnen wollen, wenn sie ein Wiederholungsrezept abholen, vom Arzt über die erneute Verordnung näher informiert werden, ergab die Studie.
Hausärzte müssen aktiver werden
Dr. med. Dipl.-Soz. Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer von AQUA, wies darauf hin, daß Beratung auch dann gefragt ist, wenn der Arzt statt des Originalpräparates ein Generikum verordnet. 80 Prozent der Befragten, die der Verordnung eines preisgünstigeren Arzneimittels zustimmen würden, wollten wissen, ob Wirkung, Inhaltsstoffe und Verträglichkeit mit dem bisher verordneten Medikament identisch sind. 33 Prozent gaben an, bei einer Neuverordnung auch selbst um ein preisgünstiges Arzneimittel zu bitten. "Bei der Beratung über Generika müssen Hausärzte noch aktiver werden", mahnte Szecsenyi. Nur 44,7 Prozent der Befragten hätten von ihrem Arzt erfahren, daß eine preisgünstigere Verordnung möglich sei. "Die Krankenkassen müssen aber mit den Ärzten zusammen nach dem gleichen Drehbuch informieren", betonte Bausch. Die Ergebnisse der Studie seien jedoch ermutigend, daß die Ärzte die gesetzlichen Vorgaben zur rationalen und rationellen Pharmakotherapie in einer patientenverträglichen Form umsetzen können.
Inwieweit die hessischen Hausärzte die Anregungen ihrer Patienten beherzigen werden, bleibt offen. Eine zweite Befragung ist vor allem aufgrund der hohen Kosten - 100 000 DM hat die KV investiert, weitere 140 000 DM hat der Verband der Angestellten- und Arbeiter-Ersatzkrankenkassen (VdAK/AEV) beigesteuert - zumindest vorläufig nicht geplant. Petra Spielberg
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