ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Zielgerichtete Krebsbekämpfung: Alpha-Immuntherapie bei myeloischer Leukämie

POLITIK: Medizinreport

Zielgerichtete Krebsbekämpfung: Alpha-Immuntherapie bei myeloischer Leukämie

Glomp, Ingrid

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LNSLNS Neue Form der Strahlenbehandlung mit wismutbeladenen Antikörpern; stark zytotoxisch bei kurzer Reichweite
Eine neuartige Behandlung der akuten myeloischen Leukämie mit radioaktivem Wismut hat bei einer ersten klinischen Erprobung in den USA erfolgversprechende Ergebnisse gezeigt. Das Wismut-Isotop (Bi-213) ist an spezielle Antikörper gekoppelt, die gezielt die Blutkrebszellen ansteuern. Ein wesentlicher Vorteil der Strahlentherapie mit Antikörpern im Vergleich zur Chemotherapie besteht darin, daß sie auch ruhende Zellen abtötet. Dagegen wirken die Giftstoffe nur auf sich teilende Zellen, so daß ruhende Zellen, die dem Angriff entgehen, später einen Rückfall verursachen können.
Das Wismut-Isotop, mit dem die Antikörper beladen sind, sendet Alpha-Strahlen aus. Diese radioaktiven Strahlen sind sehr energiereich, haben aber nur eine geringe Reichweite. Sie sind deshalb für eine Krebsbehandlung besser geeignet als Beta-Strahler (zum Beispiel Jod-131), die man bislang in Verbindung mit Antikörpern benutzt hat. Alpha-Strahler besitzen eine hundert- bis tausendmal größere Schlagkraft, wenn es darum geht, Zellen zu vernichten. "Anscheinend kann ein einzelnes Wismut-Atom eine Krebszelle töten. Damit wäre es das wirksamste Agens, das mir bekannt ist", erklärt Dr. David Scheinberg vom Memorial SloanKettering Cancer Center in New York. Und bei einer Reichweite von nur ungefähr 0,1 mm schädigen sie ausschließlich die Zellen in der nächsten Umgebung und nicht - wie Beta-Strahlen und Chemotherapie - das gesunde Gewebe. Wegen ihrer kurzen Reichweite können Alpha-Strahler gegen große Tumoren allerdings nur wenig ausrichten. Ihre Stärke ist die Bekämpfung von Leukämien oder Mikrometastasen.
Möglich ist diese neuartige Form der Krebsbehandlung, weil Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Transurane (ITU) einen Weg gefunden haben, Wismut-213-Isotope herzustellen und ihre Vorstufen transportfähig zu machen, so daß sie sie zum Beispiel an Kliniken in den USA und in Frankreich schicken können. Der große Vorteil von Bi-213 ist seine kurze Halbwertszeit. Nach nur 45 Minuten ist die Hälfte des Materials in kleinere Atome zerfallen, die nicht radioaktiv sind.
Bei einer Behandlung mit Wismut-213 arbeiten die Mediziner sozusagen gegen die Uhr. Wenn ein Patient die Bedingungen für die Therapie erfüllt, bestellen sie in Karlsruhe die Vorstufe des Isotops. Daraus erzeugen sie vor Ort Bi-213, koppeln es an die Antikörper und injizieren diese umgehend dem Patienten. Innerhalb von etwa fünf Minuten spüren die Antikörper die Leukämie-Zellen auf und binden an sie, so daß das Wismut dort seine tödliche Wirkung ausüben kann, bis es nach kurzer Zeit zerfallen ist.
Die neuartige Strahlentherapie wird seit etwa einem Jahr in New York erprobt. Scheinberg berichtete kürzlich in Karlsruhe über erste Untersuchungen dieser Therapieform bei Leukämiepatienten, die einen Rückfall erlitten hatten, weil bei ihnen die konventionellen Behandlungsmethoden versagt hatten. Sie sollte dazu dienen, zunächst die nötige Dosis herauszufinden und mögliche Nebenwirkungen festzustellen. Die Ärzte konnten keine akuten Nebenwirkungen der Wismut-Therapie beobachten, fanden jedoch bei verschiedenen Patienten einen beachtlichen Rückgang der Leukämiezellen.
Der Chemiker Dr. Lothar Koch vom Institut für Transurane erwartet, daß Wismut bei der Antikörperbehandlung sukzessive die Beta-Strahler ersetzen wird. Ein weiterer Vorteil der geringen Reichweite und kurzen Halbwertszeit seiner Radioaktivität besteht darin, daß es sich in Krankenhäusern ohne komplizierte Schutzmaßnahmen, zum Beispiel Abschirmung des Patienten, verwenden läßt. Inzwischen erproben Forscher in In-vitro-Tests mit jeweils anderen Antikörpern weitere Anwendungsmöglichkeiten der Methode. Die US-Wissenschaftler untersuchen, ob sich die Alpha-Immuntherapie zur Bekämpfung von Mikrometastasen bei Prostatakrebs eignet. In Nantes (Frankreich) arbeitet man an der Ex-corpore-Reinigung des Knochenmarks bei bestimmten Formen der Leukämie. Und mit der Universitätsklinik in Heidelberg planen die Karlsruher ebenfalls eine Zusammenarbeit. Dort will man ein Verfahren entwickeln, das zur adjuvanten Behandlung von Patienten mit niedrig malignem Non-Hodgkin-Lymphom dienen soll, denen ein Rückfall droht. Dr. Ingrid Glomp

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