ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Notfallseelsorge: Lücke im Gefüge der Rettungsdienste

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Notfallseelsorge: Lücke im Gefüge der Rettungsdienste

Dtsch Arztebl 1998; 95(15): A-874 / B-726 / C-679

Giering, Heinz

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LNSLNS Die medizinische Notfallrettung in Deutschland hält ein hohes Niveau. Dagegen ist die Hilfe zur Bewältigung von seelischem Schmerz und Tod eher Nebensache.
Anfang der 90er Jahre wurde vielerorts die Lücke zwischen notärztlicher Versorgung und psychologischer Betreuung im rettungsdienstlichen Gefüge erkannt. Auf Initiative von Seelsorgern der Kirchen und interessierten Mitarbeitern aus den Hilfsorganisationen entwickelten sich einzelne "Nester" von Notfallseelsorgern und Kriseninterventionsteams (KIT). Die Aufgaben dieser Einrichtungen haben sich inzwischen vielfältig ausgeweitet. Nicht nur für Notarzt, Feuerwehr und Polizei sind sie eine willkommene Ergänzung der rettungsdienstlichen Ressourcen, auch niedergelassene Ärzte und Ärzte im Notfalldienst können den Notfallseelsorger oder ein KIT anfordern. Dazu müssen jedoch die Einsatzindikationen, die Verfügbarkeit und der Alarmierungsmodus allgemein bekannt sein.
1 Erfolglose Reanimation. Die Betreuung von Hinterbliebenen, insbesondere von älteren und jetzt plötzlich alleinstehenden Menschen, liegt mit Abstand an der Spitze der Einsatzhäufigkeit (2, 5). Für diese Tätigkeit der Notfallseelsorger sind die Mitarbeiter des Rettungsdienstes besonders dankbar, da es immer ein schlechtes Gewissen hinterläßt, einen Menschen in akuter seelischer Not, gegebenenfalls mit dem Verstorbenen zusammen, alleine zu lassen.
1 SIDS. Der plötzliche Kindstod stellt für alle Beteiligten eine Extremsituation dar. Selbst erfahrenes Rettungsdienstpersonal fühlt sich betroffen und hilflos. Da Adressen und Telefonnummern von SIDSSelbsthilfegruppen nicht allgemein bekannt sind und diese häufig nicht zeitnah zur Verfügung stehen können, wird hier der Einsatz des Notfallseelsorgers besonders wichtig.
1 Unglücksfälle mit Kindern. Diese Notfälle belasten Eltern, Großeltern oder die aufsichtführenden Personen sehr stark. Hilfe durch seelischen Beistand kann auch noch angefordert werden, wenn sich erst in der Notaufnahme herausstellt, daß die Bezugsperson(en) alleine nicht mit der Situation zurechtkommen.
1 Bewältigung von Schuldgefühlen. Häufig machen sich Angehörige schwere Vorwürfe, in der Notfallsituation falsch oder zu spät reagiert zu haben.
1 Sterbebegleitung. Nicht selten werden Notarzt und Rettungswagen ins Haus gerufen, wenn das Finalstadium bei Patienten mit inkurablen Grundleiden eingetreten ist. Die Angehörigen können sich überfordert fühlen, mit dem nahen Tod umzugehen. Krankenhauseinweisungen sind hier meist nicht sinnvoll. Ist der zuständige Gemeindepfarrer nicht erreichbar, kann der Notfallseelsorger kurzfristig einspringen.
1 Überbringen von Todesnachrichten. Hierfür werden Geistliche vor allem von Polizeidienststellen herangezogen.
1 Menschen in Suizidgefahr.
Gelegentlich sind Notfallseelsorger schneller erreichbar als Polizeipsychologen oder werden parallel verständigt. In manchen Fällen kann durch den geistlichen Beistand eine Suizidgefahr auch beseitigt und damit eine stationäre (Zwangs-)Einweisung vermieden werden.
1 Sterbebegleitung. Gläubige Menschen wollen oftmals in den letzten Stunden geistlichen Beistand. Der Notfallseelsorger kann in dringenden Fällen den zuständigen Gemeindepfarrer vertreten.
1 Krankentransportverweigerung. Dies ist eine seltene Einsatzindikation. Insbesondere ältere und alleinstehende Mitbürger lehnen gelegentlich eine notwendige Krankenhausbehandlung aus nicht nachvollziehbaren Gründen ab. Führt eine einfühlsame Überzeugungsarbeit von Arzt und Sanitätern nicht zum Erfolg, kann die Einschaltung von Pfarrer oder Priester sinnvoll sein.
1 Opfer von Gewalt- und Sexualdelikten. Die psychologische Betreuung von verletzten Opfern dürfte seltener direkt am Einsatzort notwendig werden. Eher ist dies bei Personen notwendig, die zum Beispiel als Geiseln genommen waren oder deren Angehörige Geiseln sind.
1 Betreuung von Menschen, die durch ein Großschadensereignis obdachlos geworden sind. Notfallseelsorger können hier wichtige Arbeit leisten und werden deshalb von der Feuerwehr regelmäßig alarmiert. Die Tätigkeiten der Notfallseelsorger oder KIT reichen von der Vermittlung menschlicher Wärme bis hin zur Organisation von Unterkünften, Kleidung und der Verständigung von Angehörigen und Freunden.
1 Betreuung der Helfer. Die Unterstützung des körperlich stark beanspruchten Personals ist notwendig (Verständigung der Familien über Einsatzdauer, mentale Hilfe bei Totenbergungen).
1 Mit der Einsatzindikation "Täterbetreuung" sind weniger Straftäter im herkömmlichen Sinn gemeint als Menschen, die ungewollt zu Tätern geworden sind. Hierzu zählen beispielsweise Kraftfahrer, die ein Kind tödlich verletzt haben, oder Menschen, die im Affekt Familienangehörigen schweren Schaden zufügten oder gar töteten. An diese Einsatzmöglichkeiten des Notfallseelsorgers wird noch zu selten gedacht.
1 Die mentale Aufbereitung von Einsatzgeschehnissen wird von vielen Angehörigen der Rettungsdienste, Feuerwehren und Polizei immer noch "belächelt". Findet sie aber statt, wird sie allgemein gut aufgenommen (3, 4) und wiederholt. Nur wenige andere Berufe werden regelmäßig ähnlichen Streßsituationen ausgesetzt (4). Andererseits kann sich die tägliche Routine belastender auswirken als der einzelne, spektakuläre Einsatz (4). Mental nicht aufgearbeitete Belastungen führen aber zu einer erhöhten Inzidenz an Arbeitsunfähigkeit in einem Bereich (6), der besonders engagierte Mitarbeiter nötig hat (4). Bekanntheitsgrad ist noch zu gering
Wenn auch im allgemeinen der Bekanntheitsgrad von Notfallseelsorgern noch zu gering ist, so gibt es doch Ansätze zur wissenschaftlichen Aufarbeitung, zum Beispiel durch das Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Die posttraumatische Belastungsstörung wurde von der WHO in den ICD-10-Schlüssel aufgenommen, ihre frühzeitige Behandlung soll gesundheitliche Folgeschäden psychischer Traumatisierung verhindern (5).
Notfallseelsorger und Kriseninterventionsteams werden nie von der Bevölkerung selbst, sondern immer durch Rettungsdienst und Notarzt (zum Beispiel über die Rettungsleitstelle) oder über Feuerwehr und Polizei alarmiert. Auch der kassenärztliche Notfalldienst und jeder niedergelassene Arzt können einen Notfallseelsorger (3) anfordern. Dennoch ergibt sich eine Reihe von Problemen, die noch nicht flächendeckend gelöst sind.
Während die von den etablierten Hilfsorganisationen eingerichteten Kriseninterventionsteams auf die funktechnischen Einrichtungen des Rettungs- und Sanitätsdienstes zurückgreifen können (1, 2), sind Notfallseelsorger der Kirchen auf regional völlig unterschiedliche Alarmierungswege angewiesen. Dies kann dazu führen, daß sich Telefonnummern je nach diensthabendem Pfarrer ändern (müssen). Eine Einrichtung für den Notfall wird aber nur angenommen und kann dauerhaft nur funktionieren, wenn sich die Alarmierungswege institutionalisieren. Hierfür fehlen in der prekären finanziellen Lage der Sozialversicherung augenblicklich die notwendigen Gelder.
Ähnliches gilt für die optische Kennzeichnung von Notfallseelsorgern (besonders wichtig im Rahmen von Großeinsätzen). Inzwischen hat sich vielerorts eine gelbe Einsatzjacke durchgesetzt, die in Stil, Form und Material den Rettungsdienstjacken ähnlich ist.
Im Gegensatz zu den Teams des Rettungsdienstes steht dem Notfallseelsorger relativ unbegrenzt Zeit zur Verfügung. Er kann damit ohne Zeitdruck auf die Bedürfnisse der Hilfesuchenden eingehen und diese über eine längere Strecke begleiten. Hierbei ist er auch größtenteils von hierarchischen Strukturen unabhängig. Der Notfallseelsorger ist nur seinem eigenen Gewissen verantwortlich, wogegen beispielsweise Polizeipsychologen auch die polizeilichen Interessen im Auge behalten und vertreten müssen.
Einrichtungen der Notfallseelsorge sind noch nicht flächendeckend vorhanden, ihr Bekanntheitsgrad ist noch viel zu gering. Dabei leisten sie aber vor Ort wichtige Arbeit, die bisher nicht oder nur unzureichend abgedeckt werden konnte. Dies muß sich künftig noch viel mehr in das Bewußtsein aller in der Notfallversorgung der Bevölkerung Tätigen, bis hin zu den politisch Verantwortlichen und den Kirchenleitungen, einprägen. Möglicherweise könnte der Notfallseelsorge auch ein Platz in den Rettungsdienstgesetzen der Länder eingeräumt werden (zum Beispiel Alarmierungsmöglichkeiten über Rettungsleitstellen).
Der Einsatz von Notfallseelsorgern muß zeitnah (2) und rund um die Uhr gewährleistet sein. Hierfür ist ein besserer Informationsfluß zwischen den an der Notfallrettung beteiligten Institutionen notwendig. Dies beginnt in erster Linie bei bundes- oder zumindest landesweit zu vereinheitlichenden Alarmierungswegen. Um nicht nur den Fortbestand bereits gut funktionierender Systeme der Notfallseelsorge zu sichern, sondern eine flächendeckende Verfügbarkeit anzustreben, müssen neue Finanzierungswege gefunden werden. Der Einsatz als Notfallseelsorger, insbesondere in Ballungsräumen, wird dauerhaft neben der Vollzeittätigkeit als Gemeindeseelsorger nicht sinnvoll möglich sein.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-874-876
[Heft 15]


Literatur
1. Daschner KH: Fallbeispiel "Krisenintervention im RD". Rettungsdienst 1997; 20: 17-21.
2. Grabe V: Rettungsdienst-Nachsorge. Leben retten 1996; 22: 158-160.
3. Hünnighausen B: Notfallseelsorge - Einsatz für den "Mann des Himmels". marburger bund - Ärztliche Nachrichten 1997; 50, 4: 12.
4. Meier K: Supervision im Rettungsdienst: Wer hilft den Helfern? Rettungsdienst 1997; 20: 64.
5. Müller-Cyran A: Rettungsdienst - mehr als nur Vitalfunktionsmechanik. Rettungsdienst 1997; 20: 16-17.
6. Warzecha M: Notfallseelsorge - Symposium in Gütersloh. Die Johanniter 1996; 5: 13.


Anschrift des Verfassers
Dr. med. Heinz Giering
Nürnberger Notärzte e.V.
1. Oberarzt der Anästhesieabteilung
am Krankenhaus Rummelsberg
Postfach 11 60
90592 Schwarzenbruck

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