ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Aktuelle Probleme in der Adoleszenz: 22. Interdisziplinäres Forum der Bundes­ärzte­kammer „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ vom 28. bis 31. Januar 1998

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Aktuelle Probleme in der Adoleszenz: 22. Interdisziplinäres Forum der Bundes­ärzte­kammer „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ vom 28. bis 31. Januar 1998

Remschmidt, Helmut

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LNSLNS Die Veranstaltung war dem Thema "Eßstörungen im Jugendalter" gewidmet, die in Form der Anorexia nervosa und der Bulimia nervosa in den letzten Jahren besondere Beachtung gefunden haben. Sie wurde moderiert von Helmut Remschmidt, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Universitäts-Klinik in Marburg, der auch den einleitenden Vortrag hielt, in dem er in knapper Form den derzeitigen Kenntnisstand zu den beiden Krankheitsbildern Anorexia nervosa und Bulimia nervosa referierte.
Danach kommen beide Erkrankungen überwiegend beim weiblichen Geschlecht vor, wobei die Anorexia nervosa früher (im Mittel mit 14 Jahren) als die Bulimia nervosa auftritt. Beide Erkrankungen können nach den ICD-10- und DSM-IV-Kriterien relativ sicher diagnostiziert werden und scheinen in den westlichen Industrieländern zuzunehmen. Im Hinblick auf die Ätiologie ist bei der Anorexia nervosa auch eine genetische Komponente anzunehmen, die bei der Bulimia nervosa weniger ausgeprägt ist. Bei beiden Erkrankungen bilden allerdings psychologische und soziokulturelle Einflüsse einen möglicherweise bedeutsamen Hintergrund für die Ätiologie und Genese. Dabei dürften das westliche Schlankheitsideal und der Leistungsdruck, der das weibliche Geschlecht in unserer Gesellschaft stark zu betreffen scheint, eine wichtige Bedeutung haben. Beide Erkrankungen können ambulant und stationär behandelt werden, wobei eine genaue Aufklärung über die Natur der Erkrankung, regelmäßige Mahlzeiten und eine individuelle Bearbeitung der jeweiligen Konflikte bei beiden Erkrankungen die Basis darstellen, die durch spezifische Behandlungsmethoden jeweils für die Anorexia nervosa und die Bulimia nervosa ergänzt werden.
Das zweite Referat von Johannes Hebebrand, Marburg, beschäftigte sich mit den Implikationen der modernen Gewichtsforschung für das Verständnis von Eßstörungen. Dabei ging der Referent auf die Bedeutung des Body-Mass-Indexes (BMI) ein und stellte vielfältige Beziehungen dieser Größe zu Verlaufsparametern und zu dem in den Fettzellen produzierten Hormon Leptin her, das offensichtlich eine wichtige Steuerungsfunktion für die Gewichtsregulation, aber auch für den Hormonhaushalt, hat. So zeigen Patientinnen mit Anorexia nervosa im Akutstadium außerordentlich niedrige Leptinwerte, die nach Anhebung des Körpergewichtes rasant ansteigen und so möglicherweise die weitere Nahrungsaufnahme hemmen. Auch ließ sich ein Zusammenhang zwischen nicht erkrankten Personen, die ein "restriktives Eßverhalten" aufweisen, und dem Leptinspiegel herstellen, dergestalt, daß ein restriktives Eßverhalten, das noch nicht Krankheitswert erreicht hat, mit niedrigen Leptinspiegeln assoziiert ist.
Martin H. Schmidt, Mannheim, sprach über die somatischen Veränderungen bei jugendlichen Patienten mit Eßstörungen und gab dabei eine Übersicht über eine Vielzahl von Parametern, wobei auch Veränderungen des blutbildenden endokrinen Systems, die Osteoporose und die Pseudoatrophie des Gehirns zur Sprache kamen, von der man neuerdings weiß, daß bei manchen Patientinnen eine vollständige Rückbildung nicht eintritt.
Gerd Lehmkuhl, Köln, stellte in seinem Vortrag die Körperschemastörungen in ihrer Bedeutung für die Anorexia nervosa in den Mittelpunkt. Er berichtete dabei auch über Veränderungen des Körperschemas im Verlaufe der Behandlung und wies darauf hin, daß jene Patientinnen, bei denen sich die Körperschemastörung bei Gewichtsnormalisierung nicht zurückbildet, stärker rückfallgefährdet sind.
Über eine prospektive Studie zum Verlauf der Anorexia nervosa referierte Beate Herpertz-Dahlmann, Aachen. Sie untersuchte eine Stichprobe von magersüchtigen Mädchen nach drei, sieben und zehn Jahren, wobei bemerkenswert war, daß sie alle Patientinnen und Patienten (n = 39) in der Zehnjahreskatamnese erreichen konnte. Dabei zeigte sich folgendes: Die Mehrzahl der Patientinnen zeigte nach zehn Jahren eine signifikante Verbesserung hinsichtlich ihrer Eßstörungen, 60 Prozent wiesen keine Zeichen einer Anorexia nervosa mehr auf. Aber die Hälfte der Patientinnen litt an einer anderen psychiatrischen Erkrankung, wobei am häufigsten Angststörungen, affektive Störungen und Drogen beziehungsweise Alkoholmißbrauch auftraten. Etwa ein Fünftel der Patientinnen litt an einer Persönlichkeitsstörung vom ängstlich-abhängigen Typus. Diese Ergebnisse führen zu der Schlußfolgerung, daß die Anorexia nervosa nicht als episodisch auftretende Erkrankung der Adoleszenz aufgefaßt werden kann, sondern in der Mehrzahl der Fälle und im Längsschnitt mit anderen psychiatrischen Erkrankungen assoziiert ist.
Die Diskussion wurde eingeleitet von Waltraud Kruse, Aachen, die eine Reihe von Fragen aufwarf wie: Vorkommen und therapeutisches Vorgehen in der Allgemeinpraxis, gesellschaftliche Einflüsse auf die Manifestation von Eßstörungen, Motivation der oft uneinsichtigen Patientinnen zur Therapie, familiäres Vorkommen und Diätversuche als Auslöser für beide Erkrankungen. Ebenso kam die Lebensbedrohlichkeit, insbesondere der Anorexia nervosa, zur Sprache: Die Mortalitätsrate liegt, bezogen auf die Gesamtlebensdauer, immerhin zwischen fünf und zwölf Prozent.


Prof. Dr. med. Dr. phil.
Helmut Remschmidt
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Philipps-Universität
Hans-Sachs-Straße 8 · 35033 Marburg

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