ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Erklärungsversuche fehlen

MEDIZIN: Diskussion

Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Erklärungsversuche fehlen

Hornstein, Otto P.

Zu dem Beitrag von Prof. Edzard Ernst MD PhD in Heft 37/1997
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LNSLNS In dem von abwägender Neutralität wohltuend geprägten Artikel des britischen Kollegen vermisse ich unter den verschiedenen Pro- und Contra-Argumenten zur Homöopathie - bis auf die Erwähnung der klassischen homöopathischen Standardthesen - Erklärungsversuche zur Wirkungsweise. Wahrscheinlich entspricht dies auch nicht der Zielsetzung des Beitrags, jedoch bleibt der Vergleich von posttherapeutischen Analysen und MetaAnalysen angesichts methodischer Disparitäten letztlich unergiebig und vermag keine Position überzeugend zu belegen oder in Frage zu stellen. Ich habe keine praktischen Erfahrungen mit Homöopathie, sehe auch sehr wohl die Unvereinbarkeit homöopathischer Postulate mit naturwissenschaftlichen Prinzipien, halte aber - in Übereinstimmung mit den Schlußsätzen des Autors - eine möglichst objektive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den therapeutischen Ergebnissen der Homöopathie angesichts ihrer weiten Verbreitung und Beliebtheit für eine praktisch und erkenntnistheoretisch wichtige Aufgabe. Die folgende Hypothese dürfte zwar nicht gänzlich neu sein, aber in der Diskussion über die Wirkungsweise(n) von Homöopathie wird sie erstaunlicherweise kaum ins Feld geführt.
Ich meine, daß die interpersonale Arzt-Patient-Beziehung in der homöopathischen "Sprechstunde" - hier hat der Begriff noch seine volle Berechtigung - von zentraler therapeutischer Bedeutung ist. Das suchende Erfragen von "Similia-Symptomen" in der Vorgeschichte kann günstigenfalls eine zwischenmenschliche Atmosphäre gemeinsamer Bemühung schaffen, die im Patienten seelisch-emotionale Tiefenschichten anrührt, von denen positive Impulse in Richtung "Verstandenwerden", Hoffnung, Zustimmung ausgehen, die auf neurophysiologischer Ebene mit Aktivierung oder Entblockierung von als "Selbstheilungskräfte" vage umschriebenen neuronal vernetzten, intrazerebralen Prozessen einhergehen. Die hochgradige Komplexität psychisch hemmender, aktivierender oder generalisierender Impulsausbreitung ist aktueller Gegenstand der experimentellen Neurophysiologie, leider kaum der neurophysiologischen Therapieforschung. Für die Entstehung komplexer psychisch-neuronaler Verstärker- und Hemmeffekte dürfte auch der Faktor Zeit wesentlich sein. Langes und eingehendes Sprechen mit dem Patienten zur Entdeckungssuche von individuellen "Symptomähnlichkeiten", die (im Idealfall) penible Erfassung der Krankheitsvorgeschichte dürfte im Patienten einen unbewußten Motivationsschub auslösen, der vielleicht einem Plazebo-Effekt vergleichbar ist, wahrscheinlich aber nachhaltiger wirkt. Denn Plazeboeffekte durch Scheinmedikamente beruhen in der Regel auf vorgeprägten Einstellungen der Patienten und eher flüchtigen situativen Bedingungen ihres Umfelds (vertrauenerweckende Arztpersönlichkeit, klinisches Klima etc.) und benötigen keine prolongierte Exploration der individualspezifischen Krankengeschichte.
Die folgende - ich betone, höchstwahrscheinlich nicht neue und stark vereinfachte - Hypothese lautet daher: Weniger (wenn überhaupt) das homöopathische Agens als die emotionalen Vorbedingungen seiner Verschreibung dürften im therapeutischen Wirkungsprozeß entscheidend sein. Für diese Hypothese lassen sich zahlreiche neurophysiologisch-experimentelle Analogieschlüsse anführen, deren Plausibilität aber noch keine übertragbare Beweiskraft beanspruchen kann. Auch behaupte ich keineswegs, daß der knapp umrissene psychoneurophysiologische Erklärungsversuch alle therapeutischen Phänomene der Homöopathie hinreichend erklären könnte. Es scheint mir aber an der Zeit, entsprechenden Überlegungen in der Diskussion Raum zu geben und nach Möglichkeiten zu suchen, sie unter exakt vergleichbaren wissenschaftlichen Bedingungen nachzuprüfen. Wie wäre es, wenn in standardisierten bio- und psychometrischen Prospektivstudien möglichst ähnliche Vergleichsgruppen von homöopathisch behandelten Patienten analysiert werden, wobei die eine Gruppe der "klassischen" sprachlichen Exploration, die andere Gruppe einem von Homöopathen erarbeiteten Computerdialog (formalisiertes Abfrageprogramm) unterzogen wird? Bei der einen Patientengruppe also der natursprachlich eher unscharfe, aber persönliche Dialog, bei der anderen Gruppe der streng biomathematischalgorhithmisch formalisierte, jedoch unpersönliche Dialog? Ein solcher wissenschaftlich basierter Vergleich könnte Aufschlüsse über die Bedeutung sprachlicher und zeitrelevanter Kommunikation ("input") für das therapeutische Ergebnis ("output") in praxisnaher Situation liefern und dürfte beim heutigen Stand der Computerprogrammierung methodisch möglich sein. Wie auch immer das Tun homöopathischer Ärzte von diesen selbst oder von außen beurteilt wird, man möchte sie um den für ihre Arbeitsweise konstitutiven (und vom Patienten bezahlten!) Zeitrahmen beneiden, der unter den stringenten Zwängen zeitkritisch-medizinischer Alltagspraxis kaum realisierbar ist. Aber halten wir Ärzte nicht "Sprechstunden", um das Anliegen einer "sprechenden Medizin" wenigstens ansatzweise zu verwirklichen? Oder werden unsere Sprechzimmer nur noch zu EDV-kompatiblen "Text-Eingabe-Zimmern"? Vertieftes Nachdenken über Homöopathie und die Folgen könnte auch der Schulmedizin nützlich sein.


Prof. em. Dr. med.
Otto P. Hornstein
Danziger Straße 5
91080 Uttenreuth


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