ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Einwände nötig

MEDIZIN: Diskussion

Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Einwände nötig

Meyer, Otto

Zu dem Beitrag von Prof. Edzard Ernst MD PhD in Heft 37/1997
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LNSLNS Zunächst einmal ist die Therapie keine Wissenschaft, wie Munk das schon 1946 in seinem "Organon der Praktischen Arzneiheilkunde" geschrieben hat. Munk meinte, das läge daran, daß nicht an einem "reinen Symptom" eine Krankheit getestet werden könne. Die Substitution von Insulin beim Diabetiker ist für das "reine Symptom" Hyperglykämie zwar folgerichtig, aber nur isoliert für das Symptom Hyperglykämie, nicht für den Diabetes. Es gibt also kein reines Krankheitssymptom, denn die Krankheit Diabetes wird durch Insulin lediglich symptomatisch behandelt, nicht kausal. Die lineare Kausalität, die Denkrichtung des "Wenn-Dann-Prinzips", kann niemals aktuell eine Krankheit beeinflussen, sondern nur ein Symptom. Wenn man aber bedenkt, daß Krankheit die physiologische Antwort auf eine bereits vorher eingedrungene Noxe ist, dann sind die Symptome Äußerungen des Organismus zur Beseitigung der Noxe. Krankheit ist also notwendig, um gesund zu werden, nur wer "richtig krank" wird beziehungsweise ist, wird gesund. Jahrmärker hat festgestellt in einer Exegese klinischer Studien 1995 (Med. Klinik 1: 45-52), daß mit starker Symptomatik einhergehende Krankheitsäußerungen schneller gesund werden als die gleichen Krankheiten mit geringerer Symptomatik, obwohl in den gleichen Krankheitsfällen die gleiche Therapie angewandt wurde. Dies nur zur Information, daß die Krankheit eine regelrechte und gewollte Antwort auf die zuvor eingedrungene Noxe ist. Auch wenn es mir gelingt, in "Wenn-Dann-Schritten" linear kausal ein Symptom bis in seine letzten Äußerungen zu verfolgen, komme ich immer weiter weg von dem augenblicklichen Krankheitsgeschehen, so daß der Spezialist für die aktuelle Therapie kein Vorteil ist, weil er im Augenblick keine Hilfe bieten kann. Er entfernt sich immer von der aktuellen Zeitebene, wenn er einem Symptom nachgeht; das gleiche gilt für die mehrsträngige "Kausaltherapie", wie sie Gerok 1994 fordert. Unabhängig von der Arzneitherapie wird jede Krankheit zur Ausheilung führen, wenn nicht der Organismus bei dem Versuch, sich von der Noxe zu befreien, Fehler machen würde. Das Plazebokollektiv bringt die Selbstheilungstendenz zum Ausdruck. Wenn die Ergebnisse des Plazebokollektivs schlechter sind, daß heißt die Ausheilungsphase verzögert ist, ist das ein Zeichen dafür, daß die homöopathische oder die allopathische Therapieform, wenn sie sich denn positiv vom Plazebokollektiv unterscheidet, Fehlreaktionen des Organismus verhindert hat. Die Fehlreaktionen liegen, wie das nicht anders zu erwarten ist, aktuell im zirkulären Verlauf der Symptome vor, daß heißt, es gibt circuli benigni, die die Heilung beschleunigen, und circuli vitiosi, besser periculosi, die die Wiederherstellung verhindern. Ein einfaches Beispiel für den circulus periculosus ist die Behandlung der tachykarden Herzinsuffizienz mit Digitalis. Die Homöopathie versucht, leider ohne klares Konzept, circuli benigni anzustoßen, in dem sie besonders bei chronischen Krankheiten Symptome herausfordert, die zur schnelleren Krankheitsabheilung führen (siehe dazu auch Jahrmärker). Das Prinzip der Homöopathie ist nur wesentlich schwieriger zu handhaben, weil es auf jeden einzelnen zugeschnitten werden muß. Kollektive mit Behandlungserfolgen chronischer Krankheiten, dem Hauptindikationsgebiet homöopatischer Therapie, sind auch nach Martini nicht möglich, und man muß es schon sehr individuell treffen. Allerdings halte ich die Hochpotenzen außerhalb der Loschmidtschen Zahl nicht für arzneimitteltypische Wirkung. Festzustellen ist jedenfalls, daß Krankheit ein biologisches Geschehen ist, für das es nur grobe Symptomenzusammenstellungen gibt. Eine kausale Diagnose gibt es nicht, deshalb auch keine kausale Therapie. Auch die penicillinempfindliche Pneumokokken-Pneumonie hat unter Penicillinbehandlung Mißerfolge, weil es keine kausale Diagnose und entsprechend auch keine kausale Therapie gibt. Nur wenn das Leben erloschen ist, kann der Pathologe eine Krankheitsrekonstruktion durchführen, aber das sind nach der Feststellung des verantwortlichen Arztes, der die zum Tode führende Krankheit behandelt hat, die postmortalen Klugsprecher, die zu wenig vom Leben verstehen. Es gibt nur eine Chance für die Homöopathie und Allopathie, das heißt, einen circulus benignus in Gang zu setzen für die Homöopathen oder einen circulus periculosus zu unterbrechen durch Unterdrücken eines wesentlichen Symptoms für die Allopathen. Die Symptome beobachten, festzustellen und zu eliminieren ist aktuell und zeitgleich mit dem Krankheitsgeschehen, sofern sie in einem circulus periculosus vorliegen. Alles andere ist Symptomendeckelei.


Dr. med. Otto Meyer
zu Schwabedissen
Am Stadtgarten 28
77855 Achern


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