ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Frage der Definition

MEDIZIN: Diskussion

Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Frage der Definition

Bleul, Gerhard

Zu dem Beitrag von Prof. Edzard Ernst MD PhD in Heft 37/1997
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LNSLNS Die Darstellung der Argumente und Gegenargumente zur Homöopathie ist eine gute und erfreulich objektive Zusammenfassung des heutigen Diskussionsstandes.
Die Bemerkung "Für die Homöopathie ist bis heute die Wirksamkeit nicht zweifelsfrei belegt" wirft allerdings die Frage nach der Definition von Zweifel und Zweifelsfreiheit auf. Wann ist eine Wirksamkeit zweifelsfrei? Wenn sie signifikant ist (auf welchem Niveau, unter welchen Meßmethoden)? Wenn sie 100prozentig wiederholbar ist? Wenn sie nachvollziehbar und plausibel ist (nach wessen Verständnis)? Ist die Wirksamkeit eines Küchenherdes für die Herstellung einer Schlemmermahlzeit zweifelsfrei?
Die zweite große Frage wirft das "Fazit" des Artikels auf: Wer sind die Unparteiischen, die zwei bis drei endgültige Studien durchführen, und wie werden diese adäquat angelegt (ohne sich mit Kritikern anzulegen)? Nehmen wir als Beispiel folgendes an: Überprüft werden sollen Methoden, die zehn Menschen verschiedener Nationen dazu bewegen, den Raum, in dem sie sich aufhalten, zu verlassen. Im Angebot sind solch bewährte, überaus effektive Methoden wie an der Hand fassen und führen, prügeln und zerren, Lärm veranstalten. Zur Diskussion steht außerdem winken und gestikulieren. Nun behauptet jemand, es ginge auch mit einem kurzen gesprochenen Satz. Die prüfenden Wissenschaftler sind skeptisch, wie es ihre Aufgabe ist. Die Probe aufs Exempel verläuft enttäuschend: Auf "Come on" gehen nur zwei der 10 Menschen mit ins Freie. Zweiter Versuch: "Allez" lockt einen weiteren Menschen aus dem Raum. Nach dem dritten Versuch mit "Kommen Sie mit" sitzen immer noch sechs von zehn Menschen auf ihren Stühlen. Ergebnis: Sprache ist nicht geeignet, Menschen zu einer Verhaltensänderung zu führen. Die Statistik belegt es eindeutig; daß vier der zehn Menschen aufgestanden sind, war Zufall.
In einer ähnlichen Situation ist die Homöopathie. Der Kranke braucht die individuelle "Ansprache" durch sein besonderes Arzneimittel. "Unparteiische" Wissenschaftler, die diese Sprache nicht kennen, sollen nun prüfen, ob sie verstanden wird. Wie soll das gehen?
Die Homöopathie wird tagtäglich von vielen zehntausenden Therapeuten auf der ganzen Welt angewendet. Der Autor schreibt, sie "erfreut sich heute einer immensen Beliebtheit". Das Interesse ist seit Begründung der Homöopathie vor 200 Jahren durch Hahnemann beständig (mit kleineren, historisch bedingten Rückschlägen) gewachsen. "Die Geschichte hat bislang positiv über die therapeutische Effizienz homöopathischer Therapie geurteilt" (Walach und Righetti). Patienten in dieser großen Zahl fordern keine wirkungslose Therapie. Die Wirksamkeit wird durch alltägliche Erfahrung bestätigt, auch wenn ein Wirkungsnachweis auf materieller Ebene bisher nicht geführt werden konnte.
Die Frage, ob Homöopathie wirksam ist, ist somit bereits beantwortet: Ja. Zu fragen bleibt: warum? Und: wie kann ihre Wirksamkeit weiter verbessert werden?


Literatur
1. Walach H, Righetti M: Homöopathie: Grundlagen, Stand der Forschung, Forschungsstrategien. Wien klin Wochenschr 1996; 108: 654-663.
2. Albrecht H, Frühwald M: Jahrbuch Band 2 der Karl und Veronica Carstens-Stiftung 1995.


Gerhard Bleul
Alt-Oranischer-Platz 6
65520 Bad Camberg

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