ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Schlußwort

MEDIZIN: Diskussion

Homöopathie Argumente und Gegenargumente: Schlußwort

Dtsch Arztebl 1998; 95(15): A-896 / B-748 / C-700

Ernst, Edzard

Zu dem Beitrag von Prof. Edzard Ernst MD PhD in Heft 37/1997
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LNSLNS Die obigen Leserbriefe (und die etwa 200, die mir direkt zugingen) sind ermutigend. Daß sie zum Teil auch Kritik von "beiden Seiten" enthalten, zeigt vielleicht, daß mein Artikel tatsächlich unparteiisch war. In der gebotenen Kürze sei auf acht der wichtigsten Argumente und Fragen eingegangen.
¿ Die Hypothesen der Homöopathie sind nicht nachvollziehbar, daher sind weitere Untersuchungen Unsinn (zum Beispiel H. H. Marx):
Es ist richtig, daß für die meisten Wissenschaftler keine nachvollziehbare Rationale der Homöopathie erkennbar ist. Dies war und ist für manche allopathische Therapieformen ähnlich. Entscheidend ist jedoch, daß es eine überprüfbare Null-Hypothese gibt: Homöopathika wirken wie Plazebos. In meinen Augen ist es unwissenschaftlich, unethisch und nicht im Interesse unserer Patienten, diese Überprüfung nicht ordentlich anzugehen.
À Man muß Homöopath sein, um Homöopathie beurteilen zu können (zum Beispiel J. Grießhaber):
Ich kann dies nur zum Teil nachvollziehen. Bedeutet das dann auch, daß beispielsweise nur Psychoanalytiker die Psychoanalyse bewerten können? Wohl kaum! Dagegen ist es natürlich essentiell, daß man von dem Gebiet auf dem man arbeitet, etwas versteht. Ich beispielsweise bin (auch) homöopathisch ausgebildet.
Á Homöopathie entzieht sich der reduktionistisch/wissenschaftlichen Überprüfung (Zuschriften von W. Gieselmann, R. Happle, G. Bleul):
Dieses Argument ist aus meiner Sicht eindeutig falsch. Es würde mir nicht schwerfallen, ein Protokoll zu entwerfen mit dem Ziel festzustellen, ob "Zauberei" klinisch wirkt - zum Beispiel, ob Geistheilung auf mehr als nur einem Plazeboeffekt beruht. Es würde ebenso keine Probleme bereiten, eine Prüfung der These vorzunehmen, daß Pulsatilla nur bei bestimmten Menschen Wirkung zeigt. Das Argument wird häufig und von "beiden Seiten" angeführt. Homöopathen meinen, daß die Homöopathie eine so andere (hochgradig individualisierte) Behandlungsform darstellt, daß die herkömmlichen Methoden der Wissenschaft nicht greifen können; sie ziehen sich damit auf die "nicht überprüfbare Hypothese" zurück. Die Homöopathie-Gegner meinen, daß Hokuspokus nicht wissenschaftlich beurteilt werden kann (oder sollte). Beide haben Unrecht; dies belegen nicht zuletzt zahlreiche wissenschaftlich exakte Studien (1).
 Da die Homöopathie seit 200 Jahren existiert, muß sie auch wirksam sein (Leserbrief von G. Bleul):
Auch hier handelt es sich wohl um ein Scheinargument. Der Aderlaß war in vielen Kulturen für Jahrtausende beliebt. Heute wissen wir, daß er nicht nur nicht wirksam war, sondern unzähligen Menschen das Leben gekostet hat. Für das "Überleben" oder die Popularität einer Therapieform gibt es zahlreiche andere Gründe als ihre Wirksamkeit.
à Das Wertvollste an der Homöopathie ist der Homöopath oder die positive Ausnutzung des Plazeboeffekts (Zuschriften H. J. Jencio, O. P. Hornstein, W. Förster):
Ohne Zweifel sind die unspezifischen Therapieeffekte einerseits wichtig und andererseits zu wenig beachtet und erforscht. Die eigene Arbeitsgruppe arbeitet daher intensiv an diesem Thema (2). Ohne Zweifel sollten daher unspezifische Therapieeffekte optimiert werden, nicht nur in der Homöopathie, sondern überall in der Medizin (3). Darüber hinaus ist es jedoch von weit mehr als nur akademischer Relevanz, ob Homöopathika mehr sind als Plazebos. Dies ein für alle Mal zu klären, wäre mein Anliegen.
Ä Was kann als Wirkungsnachweis der Homöopathie allgemein akzeptiert werden? (Leserbrief G. Bleul, O. Meyer zu Schwabedissen):
Diesbezüglich gibt es inzwischen weltweit anerkannte Richtlinien (4). Wir sollten weder versuchen, das Rad neu zu erfinden, noch sollten wir mit zweierlei Standards messen.
Å In der Diskussion um die Homöopathie steckt eine wichtige Lehre auch für die Schulmedizin (Zuschrift OP Hornstein):
Diesem Fazit kann ich uneingeschränkt zustimmen. Was immer die Erklärung (es sind sicher mehrere) für die erneute Beliebtheit und die oft erstaunlichen "Erfolge" der Homöopathie sind, sie sind es wert, eruiert zu werden. Sollten sie auf dem Tisch liegen, so ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß die Schulmedizin hiervon in vielerlei Hinsicht profitieren könnte.
Æ Wer soll die von mir vorgeschlagene Studie durchführen? (K. H. Friese):
Wir arbeiten derzeit an zwei Studien, die (zum Teil mit neuartigem Studiendesign) versuchen, der "Homöopathiefrage" auf den Grund zu gehen. Es wäre jedoch vermessen von mir zu meinen, daß wir die optimale, unparteiische Instanz seien. Ich denke, daß die definitiven Homöopathiestudien von einem Gremium aus informierten Kritikern und erfahrenen Homöopathen geplant werden müßten. Das endgültige Protokoll muß das "Placet" von homöopathischen Verbänden und Methodikern erhalten. Sodann müßte die Studie von führenden Homöopathen durchgeführt und von unabhängigen Medizinern und Methodikern überwacht werden. Was für Homöopathen fast wie eine Revolution klingt, ist nichts anderes als die Umsetzung heute allgemein akzeptierter Grundsätze für klinische Prüfungen!


Literatur
1. Linde K, Clausius N, Ramirez G, Melchart D, Eitel F, Hedges LV, Jonas W: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo-controlled trials. Lancet 1997; 350: 834-843.
2. Saradeth T, Resch KL, Ernst E: Plazeboeffekte bei chronisch venöser Insuffizienz. Eine Meta-Analyse. Perfusion 1995; 4: 134-142.
3. Ernst E: Whatever became of empathy? Perfusion 1996; 4: 121.
4. Sackett DL, Rosenberg WMC, Gray JAM, Haynes RB, Richardson WS: Evidence based medicine: what it is and what it isn’t. Br Med J 1996; 312: 71-72.
Edzard Ernst MD PhD FRCP (Edin)
Department of Complementary Medicine
Postgraduate Medical School University of Exeter
25 Victoria Park Road, Exeter EX2 4NT, Großbritannien

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