ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1998Physiologische und pathophysiologische Bedeutung von Leptin beim Menschen: Schlußwort

MEDIZIN: Diskussion

Physiologische und pathophysiologische Bedeutung von Leptin beim Menschen: Schlußwort

Heufelder, Armin E.; Spitzweg, Christine

Zu dem Beitrag von Dr. med. Christine Spitzweg, Dr. rer. nat. Werner Joba, Dr. med. Georg Brabant und Priv.-Doz. Dr. med.Armin E. Heufelder in Heft 44/1997
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LNSLNS Herr Dr. Rau weist zu Recht auf die zum Teil widersprüchliche Datenlage zur Bedeutung von Neuropeptid Y (NPY) für die leptinabhängige Steuerung des Körpergewichts hin. Diese läßt Zweifel daran entstehen, ob NPY eine essentielle Rolle für den Leptin-Effekt auf Nahrungsaufnahme und Gewichtsregulation spielt. NPY stimuliert die Nahrungsaufnahme, senkt den Energieverbrauch und erhöht die Serumspiegel von Insulin und Kortikosteroiden. Sowohl Stephens et al. (5) als auch Schwartz et al. (3) konnten eindrücklich zeigen, daß die systemische Gabe von rekombinantem Leptin bei ob/ob-Mäusen die NPY-Gen-Expression und NPY-Freisetzung hemmt. Wenngleich Erickson et al. (1) bei NPY-defizienten Mäusen normales Eßverhalten bei unauffälligem Körpergewicht beobachteten, weisen die oben genannten Ergebnisse darauf hin, daß zumindestens einige der gewichtsreduzierenden Effekte von Leptin über eine Hemmung der Synthese und Freisetzung von NPY vermittelt werden. Normales Eßverhalten und Körpergewicht bei NPY-defizienten normalen Mäusen könnten die Folge kompensatorischer Mechanismen sein, die im Rahmen der ausgeprägten hypothalamischen NPY-Überexpression bei ob/ob-Mäusen versagen (2). Weitere Untersuchungen zeigten, daß intrazerebroventrikulär appliziertes Leptin die nach NPY-Gabe erwartete Nahrungsaufnahme hemmt (4). Demnach kontrolliert Leptin möglicherweise die rezeptorvermittelte NPY-Wirkung durch Änderung der NPYBindung an seinen Rezeptor oder durch Beeinflussung der Post-Rezeptor-Signalwege. Die von Rau zitierten Untersuchungen von Erickson et al. an NPY-defizienten ob/ob-Mäusen demonstrieren insgesamt, daß NPY eine wesentliche Voraussetzung für die volle Ausprägung des ob-Phänotyps (Hyperphagie, verminderter Stoffwechsel, Diabetes, Infertilität) darstellt. Als Folge verminderter Nahrungsaufnahme und erhöhter Stoffwechselaktivität wiegen NPY-defiziente ob/ob-Mäuse zwar mehr als normale Mäuse, aber deutlich weniger als ob/ob-Mäuse. NPY-defiziente ob/ob-Mäuse zeigen eine 40prozentige Abnahme der Hyperphagie gegenüber ob/ob-Mäusen. Darüber hinaus sind NPY-defiziente ob/ob-Mäuse gegenüber ob/ob-Mäusen charakterisiert durch eine verbesserte diabetische Stoffwechsellage und erhöhte Fertilität (2). Diese Ergebnisse sprechen für eine ungehemmte NPY-Expression bei leptindefizienten ob/ob-Mäusen als zentralem Effektor ihres charakteristischen Phänotyps und weisen gleichzeitig darauf hin, daß die Hemmung des hypothalamischen NPYSystems eine wesentliche Leptinwirkung im Rahmen der Körpergewichtsregulation darstellt. Da die Eliminierung von NPY den ob-Phänotyp nicht gänzlich aufhebt, ist die Beteiligung weiterer Neuromodulatoren an der hypothalamischen Vermittlung von Leptin-Effekten wahrscheinlich.


Literatur
1. Erickson JC, Clegg KE, Palmiter RD: Sensitivity to leptin and susceptibility to seizures of mice lacking neuropeptide Y. Nature 1996; 381: 415-418.
2. Erickson JC, Hollopeter G, Palmiter RD: Attenuation of the obesity syndrome of ob/ob mice by the loss of neuropeptide Y. Science 1996; 274: 1704-1707.
3. Schwartz MW, Baskin DG, Bukowski TR, Kuijper JL, Foster D, Lasser G, Prunkard DE, Porte D, Woods SC, Seeley RJ, Weigle DS: Specificity of leptin action on elevated blood glucose levels and hypothalamic neuropeptide Y gene expression in ob/ob mice. Diabetes 1996; 45: 531-535.
4. Smith FJ, Campfield A, Moschera JA, Bailon PS, Burn P: Feeding inhibition by neuropeptide Y. Nature 1996; 382: 307.
5. Stephens TW, Basinski M, Bristow PK et al.: The role of neuropeptide Y in the antiobesity action of the obese gene product. Nature 1995; 377: 530-532.


Priv.-Doz. Dr. med. Armin E. Heufelder
Dr. med. Christine Spitzweg
Medizinische Klinik
Klinikum Innenstadt
Ludwig-Maximilians-Universität
Ziemssenstraße 1 · 80336 München

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