ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2011Medizingeschichte: Wie die Medizin der Aufklärung „den Afrikaner“ schuf

THEMEN DER ZEIT

Medizingeschichte: Wie die Medizin der Aufklärung „den Afrikaner“ schuf

Dtsch Arztebl 2011; 108(36): A-1842 / B-1578 / C-1561

Bechhaus-Gerst, Marianne

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Der Arzt Samuel Thomas Soemmerring, den Kant als den „berühmten und philosophischen Zergliederer“ pries, hatte an der Konstruktion einer „Negerrasse“ entscheidenden Anteil.

Der Niederländer Petrus Camper (1722–1789) erfand ein System zur „Rassenbestimmung“, das sich an den Maßen antiker griechischer Statuen orientierte. Foto: Piet Camper, „De Hominis Varietate“

Praktische Vorurteile, die so allgemein im gemeinen Leben ausgebreitet sind, pflegen gewöhnlich doch einiges wahre und gegründete zur Stütze zu haben“, bemerkt Samuel Thomas Soemmerring in seiner Abhandlung „Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer“ aus dem Jahr 1784. Soemmerring (1755–1830), der sich im Titel seines Werks unter anderem als „Medicin und Chirurgie Doktor“ sowie als „öffentlicher ordentlicher Lehrer der Arzneikunde auf der Universität Mainz“ bezeichnet, weist hier auf Vorurteile hin gegenüber Afrikanern, von ihm mal „Mohren“, mal „Neger“ genannt, was den zu seiner Zeit gängigen Bezeichnungen entsprach. Afrikaner, so das „Vorurteil“ seiner Zeit, seien den weißen Menschen unterlegen. Auf 32 Seiten versucht der Mediziner nun, diesem eine wissenschaftliche Grundlage zu geben.

Einteilung in Rassen

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Soemmerring, der am 28. Januar 1755 als neuntes Kind eines Arztes geboren wurde, studierte in Göttingen Medizin, promovierte 1778 und wurde ein Jahr später Professor der Anatomie am Kasseler Collegium Carolinum. Wie viele seiner Zeitgenossen beschränkte er sich nicht auf medizinische Forschung und Praxis, sondern war ein Universalgelehrter, der ein Teleskop zur Himmelsbeobachtung konstruierte und sich mit Paläontologie oder mit Weinveredelung beschäftigte. Das 18. Jahrhundert, in das er geboren wurde, erlebte ein Aufblühen der wissenschaftlichen Forschung. Gerade ein Jahrhundert zuvor war die „moderne“ Wissenschaft entstanden, die eine Abkehr vom religiösen Weltverständnis mit sich brachte. Nun erschien die ganze Welt als ein großes Laboratorium, in dem es zu forschen, zu entdecken, zu benennen und zu kategorisieren galt. Die Vorstellung einer „Seinskette“ entstand, die die gesamte Natur über zahlreiche Übergangsformen zusammenhielt. Die Natur des Menschen war zunächst nicht Teil der wissenschaftlichen Erforschung gewesen; dies änderte sich vor allem in Zusammenhang mit der Philosophie der Aufklärung. Man versuchte, wissenschaftliche Methoden auf das Studium des Menschen zu übertragen. Ende des 17. Jahrhunderts wurde zum ersten Mal der Begriff „Rasse“ auf den Menschen übertragen, und es war der Arzt François Bernier, der sich als erster an einer „Rassengliederung“ der Menschen versuchte. Die Afrikaner boten sich dabei für ihn schnell als „missing link“ in der Seinskette an, als Übergangsform zwischen den schwanzlosen Affen und den Menschen.

Nicht von ungefähr nahm von da an die Diskussion über die Stellung der Afrikaner in der Natur einen breiten Raum ein. Der atlantische Sklavenhandel hatte enorme Ausmaße angenommen, Afrikanerinnen und Afrikaner wurden zu Hunderttausenden versklavt und nach Amerika verschifft. Zwangsläufig kam man zu der Frage, wie ein solch grausames und unmenschliches Vorgehen mit christlichen Vorstellungen vom Menschen als Geschöpf Gottes und Abkömmling des ersten Menschenpaares zu vereinbaren war? Medizin und Philosophie der Aufklärung kam die Aufgabe zu, die entsprechende wissenschaftliche Legitimation zu liefern.

Nachweis der Rassenhierarchie am Objekt selbst: Samuel Thomas Soemmerring (1755–1830) hatte an der Konstruktion einer „Negerrasse“ entscheidenden Anteil. Foto: Porträt von Carl Wilhelm Bender

Allen voran etablierte Immanuel Kant die Einteilung der Menschheit in „Rassen“. Er definierte zwar die Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, sonderte die Afrikaner aus diesem Prozess jedoch aus, indem er sie als unmündiger und unfähiger als andere „Rassen“ beschrieb. „Die Negers von Afrika haben von Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege“, schreibt Kant und schließt sich seinem schottischen Kollegen, David Hume, an, der jedermann auffordere, „ein einziges Beyspiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den Hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viel auch in Freyheit gesetzt würden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgend einer anderen rühmlichen Eigenschaft etwas großes vorgestellt habe“. Nur weiße Menschen waren für Kant der kulturellen Entwicklung fähig.

Den Medizinern kam die Aufgabe zu, den Nachweis einer „Rassenhierarchie“ am „Objekt“ selbst zu führen. Samuel Thomas Soemmerring, den Kant als den „berühmten und philosophischen Zergliederer“ bezeichnete, hatte an der Konstruktion einer „Negerrasse“ entscheidenden Anteil. Soemmerring hatte in Kassel die besten Voraussetzungen für seine anatomischen Untersuchungen an Afrikanern. Auf der Wilhelmshöhe befand sich eine „Mohrenkolonie“, die aus sogenannten Hofmohren aus verschiedenen afrikanischen Regionen und versklavten Afrikanern bestand, die hessische Truppen aus Amerika mitgebracht hatten. Die „Kolonie“ umfasste etwa 50 Personen – in ihrer Größe einmalig im deutschsprachigen Raum.

Idealisierte Maße von Statuen

Die Leichen der Verstorbenen wurden in Soemmerrings anatomisches Theater gebracht und konnten dort von ihm seziert werden. „Bey meinem Aufenthalt zu Hessen-Cassel zergliederte ich mit Muße mehrere Mohrenkörper“, schrieb Soemmerring enthusiastisch. Was das Zergliedern beweisen sollte, stand für ihn von vornherein fest. „Wie wärs, wenn sich anatomisch darthun ließe, daß die Mohren weit näher als wir Europäer ans Affen-Geschlecht gränzen?“ Die verbreitete These einer engeren Verwandtschaft zwischen Afrikanern und Affen wollte er durch seine Untersuchungen auf eine solidere Grundlage stellen. Hatte man bis dahin vor allem die Hautfarbe und das „krause Wollhaar“ als wesentliche Unterscheidungsmerkmale angesehen, so konzentriert sich Soemmerring nun auf die „festeren Teile“, das „Knochen-Gerüst“, und er meint damit insbesondere den „Mohrenschädel“.

Er orientierte sich dabei am Werk eines anderen bedeutenden Mediziners seiner Zeit, des Holländers Petrus (Piet) Camper (1722–1789), dessen Werk „De Hominis Varietate“ Soemmerring ins Deutsche übersetzt hatte. Camper kann als Mitbegründer der Anthropometrie angesehen werden. Mit dem sogenannten Camperschen Gesichtswinkel schuf er ein Maß zur Bestimmung der Prognathie beim Menschen, das zur „Rassenbestimmung“ in der Anthropologie noch bis weit ins 20. Jahrhundert verwendet wurde. Das Werk Campers zeigt, wie stark, neben metrischen Kriterien, ästhetische und moralische Vorstellungen bei der Erfindung der „Rassen“ in der Aufklärung zur Geltung kamen.

Der Holländer, der in ein Netzwerk der berühmtesten Gelehrten Europas eingebunden war, arbeitete vergleichend anatomisch über den „Neger“ und verschiedene Affenarten und versuchte, die verschiedenen „Rassenphysiognomien“ zeichnerisch festzuhalten. Dabei erfand er eine ideale Gesichtslinie, die sich an Maßen antiker griechischer Statuen orientierte. An einem Ende der Messskala befand sich so der ideale Menschentypus, der gleichzeitig die höchst entwickelte Kultur repräsentierte, am anderen Ende wurde der Affe positioniert, der für das Naturhafte und damit Kulturlose stand. Der Vergleich von Schädeln mit Hilfe des „Camperschen Gesichtswinkels“ ergab eine Stufung von den niederen Tieren über den Affen zum Afrikaner und schließlich zum Europäer. Dabei mutet es heute fast schon skurril an, dass Camper – zur Untermauerung seiner These oder einfach aus Versehen – bei der zeichnerischen Präsentation der unterschiedlichen Schädel die aufgetürmte Haartracht des griechischen Apolls zu dessen Schädelvolumen addierte.

Der wohl berühmteste „Hofmohr“ im 18. Jahrhundert: Angelo Soliman (um 1721– 1796 ) war Kammerdiener an einem Wiener Fürstenhof. Nach seinem Tod wurde sein präparierter Körper im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt. Foto: Gottfried Haidl, Stich aus dem 18. Jhd.

Ein Grieche mit riesigem Schädelvolumen entsprach den Vorstellungen vom hochentwickelten Kulturmenschen. Soemmerring griff die von Camper konstruierte Gesichtslinie in seinen vergleichenden Untersuchungen auf, jedoch wollte er „auch andere bey der Zergliederung von Mohren gemachte Anmerkungen nicht übergehen“. Dabei räumte er zunächst einmal mit der weit verbreiteten Ansicht auf, die „platte Nase“ der Afrikaner würde durch deren Eindrücken im Kleinkindalter hervorgebracht. Bei der Untersuchung eines Babys, das für ihn bereits alle Merkmale des „typischen“ Mohren aufwies, musste er konstatieren: „Nirgends aber war eine Spur von einer der Nase angethanen Gewalt aufzufinden, sondern ihre Form natürlich von den Nasen der weißen Kinder abweichend.“

Vor allem seine „drey vollkommene gut erhaltene Mohrenschädel“ lieferten ihm in vielerlei Hinsicht Anzeichen für die Nähe des Afrikaners zum Affen, und anhand der an Kopf und Körper untersuchten Merkmale versuchte Soemmerring, ihn als „missing link“ einzuordnen. So war er der Ansicht, „daß der Theil des Mohren-Schädels, der die gehirnfassende Höhle bildet, im Vergleich mit dem, der dem Gesichte und den ausseren Sinnen bestimmt scheinet, kleiner als irgend bey einem Europäer ist“. Großes Gesicht, kleines Hirn, so wollte der Mediziner seine „Mohren“ definieren. Die Knochen und Muskeln, die „zur Zermalmung der Nahrung“ dienen, sah er als „stärker, dicker“ an, „als bey der Klasse von Menschen, die durch Kultur und Verstand das ersetzen weiß, was ihr von thierischer Kraft abgehen möchte“. Die Zähne beschreibt er als „stark, breit, dick und lang“ und zählt bei einem der untersuchten Schädel gar 35 Zähne. Soemmerrings Fantasieafrikaner scheint sich noch, seinen tierischen Verwandten gleich, von rohem Fleisch ernährt zu haben. Auch das große „Geruchsorgan“ und die „geräumige“ Öffnung des Gehörgangs sowie die imposanten Augenhöhlen, die er festzustellen glaubte, prädestinierten den Afrikaner offenbar zu einem Leben in der Wildnis. Problematisch wurde es für den Wissenschaftler, wenn Vorannahmen sich nicht bestätigten. So wogen die Gehirne der untersuchten Afrikaner nicht weniger als die der Europäer, ein Gehirn war sogar schwerer. Dies erklärte Soemmerring mit der besonderen Größe und Stärke dieses Mannes, schloss sich aber ansonsten der Ansicht eines Kollegen an, die besondere „Zähigkeit“ der vorhandenen Gehirnsubstanz erinnere an diejenige von „Verrückten“.

„Näher ans Affengeschlecht“

So kam Soemmerring zu der nicht überraschenden Feststellung: „Daß im allgemeinen, im Durchschnitt, die afrikanischen Mohren doch in etwas näher ans Affengeschlecht, als die Europäer gränzen. Sie bleiben aber drum dennoch Menschen [. . .].“ Fest verhaftet in der Theorie der aus vielen Übergängen bestehenden Seinskette, fügte er noch an: „Doch durch welche Mittelgattungen von Menschen die Negern in den Europäer allmählich übergehen und ob es nicht andre Nationen giebt, die noch thierischer als sie sind, würde mich jetzt zu weit führen da ich bloß vom Mohren sprechen wollte.“

Zwar waren anatomische Untersuchungen an Leichen jedweder Herkunft damals nichts Ungewöhnliches, doch zeugt Soemmerrings Umgang mit den toten Afrikanern von seinem hierarchischen „Rassen“-Verständnis. So ist überliefert, dass er den Leichnam eines gerade verstorbenen Afrikaners kurzerhand enthauptete, um diesen in eine Vorlesung mitzunehmen. Er sah sich nicht in der Lage, den ganzen Körper zu transportieren, wollte aber seinen Studenten am „frischen Mohrenkopfe“ beweisen, „daß der Schädel eines Schwarzen die auffallendste Aehnlichkeit mit einem Affenschädel hätte“. Am Schluss seiner Abhandlung verliert Soemmerring einige Worte über die Todesursache bei den untersuchten Afrikanern. Bei Dreien, so erfahren wir, war es Auszehrung und Lungensucht, einer hatte sich selbst das Leben genommen; alle waren abgemagert. Das Leben in Kassel hatte es offenbar nicht gerade gut mit den Afrikanern gemeint.

Es gab durchaus auch aus Medizinerkreisen Kritik an den rassistischen Klassifikationen durch Soemmerring und andere. Allen voran war es der Göttinger Professor Johannes Friedrich Blumenbach, gemeinhin als maßgeblicher Begründer der Anthropologie gefeiert, der sich gegen hierarchisierende Sichtweisen auf die menschlichen „Rassen“ verwahrte. Er wies vielmehr auf die graduellen Übergänge und die Schwierigkeit der Grenzziehung zwischen den „Rassen“ hin. Die Existenz von „Rassen“ wurde aber auch von ihm nicht infrage gestellt, und seine alternative Sichtweise setzte sich nicht durch. Vielmehr fand der von den Aufklärern in die Welt gesetzte wissenschaftliche Rassismus eine Fortschreibung bei Medizinern, Anthropologen und Philosophen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Interessenlage hatte sich nicht grundsätzlich geändert. Der Sklavenhandel wurde zwar abgeschafft, mit der Kolonialisierung Afrikas aber war ein neuer Legitimationsdruck entstanden, und man brauchte den „unzivilisierten“, „barbarischen“ Afrikaner mehr als zuvor, um die gewaltsame Aneignung des Kontinents zu rechtfertigen.

Prof. Dr. phil. Marianne Bechhaus-Gerst

Institut für Afrikanistik der Universität zu Köln

ama23@uni-koeln.de

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