ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2011Soziale Zurückweisung: Hohes Erkrankungsrisiko

THEMEN DER ZEIT

Soziale Zurückweisung: Hohes Erkrankungsrisiko

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Soziale Zurückweisung kann sich lebenslang nachteilig auf die psychische Gesundheit auswirken. Die Forschung hierzu steht jedoch noch am Anfang.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht andere Menschen, um zu überleben und ist daher in hohem Maße auf ihre Zuwendung und Unterstützung angewiesen. Folglich ist es für ihn katastrophal, wenn er zurückgewiesen und ausgeschlossen wird. Er verspürt dann nicht nur Schmerzen, sondern kann psychisch erkranken bis hin zum Suizid. Soziale Zurückweisung ist somit ein ernsthaftes Risiko für Gesundheit und Wohlbefinden. Allerdings wird diesem Zusammenhang erst in jüngster Zeit Beachtung geschenkt. Die Hirnforschung gab dazu den Anstoß. Sie fand heraus, dass Menschen regelrechte Schmerzen empfinden, wenn sie von anderen ausgeschlossen, ignoriert oder zurückgewiesen werden, auch dann, wenn nahestehende andere Personen betroffen sind. Die Erklärung für das Schmerzempfinden ist im Gehirn zu finden. Dort wird beim Zufügen psychischer oder sozialer Pein dasselbe Hirnareal aktiviert wie beim Zufügen körperlicher Pein, nämlich der dorsale anteriore cinguläre Cortex (dACC), den Hirnforscher als neuronales Alarmsystem deuten. Da körperliche Verletzungen ebenso lebensbedrohlich sein können wie sozialer Ausschluss, hat die Evolution es so eingerichtet, dass das Gehirn bei beiden Gefahren Warnsignale in Form von Schmerzen aussendet.

Einen weiteren Beleg dafür, dass das Gehirn soziale und körperliche Reize ähnlich verarbeitet, lieferte kürzlich eine Studie, die an der Yale University durchgeführt worden war. Die Psychologen John Bargh und Idit Shalev experimentierten mit sozialer Isolation (Einsamkeit) und Wärmeempfinden und fanden heraus: „Wer einsam ist, friert eher und nimmt häufiger warme Bäder.“ Umgekehrt fühlten sich Probanden, die sich in einem unterkühlten Raum aufhielten, einsamer. Offenbar deutet das menschliche Gehirn sowohl soziale als auch physikalische Kälte als bedrohlich, auch wenn dies den meisten Menschen nicht bewusst ist.

Anzeige

Soziale Zurückweisung kann sich lebenslang nachteilig auf die psychische Gesundheit auswirken. Beispielsweise führt sie im Kindesalter dazu, dass Kinder unsichere Bindungsmuster und internalisierende Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Bei Jugendlichen und Erwachsenen ist zu beobachten, dass Bindungen nicht eingegangen werden können und Beziehungen häufig scheitern. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass latente Depressionen, Suchterkrankungen, Aggressionen und Suizidabsichten zum Ausbruch kommen. Das Risiko ist besonders hoch, wenn das Persönlichkeitsmerkmal „Zurückweisungsempfindlichkeit“ vorliegt. „Mit Zurückweisungsempfindlichkeit wird die Disposition bezeichnet, in sozialen Situationen davon auszugehen, zurückgewiesen zu werden, potenzielle soziale Zurückweisungen vorschnell wahrzunehmen und extrem darauf zu reagieren“, erklären Dipl.-Psych. Charlotte Rosenbach und Prof. Dr. Babette Renneberg von der FU Berlin. Die beiden Psychologinnen haben anhand einer Literaturanalyse herausgefunden, dass Zurückweisungsempfindlichkeit sowohl für die Entstehung als auch für die Aufrechterhaltung vieler verschiedener psychischer Probleme mitverantwortlich ist. Ein enger Zusammenhang besteht beispielsweise zwischen Zurückweisungsempfindlichkeit und Borderline-Störung, Depressionen, sozialen Ängsten und aggressiven Verhaltensweisen. Darüber hinaus empfinden Betroffene mehr Stress am Arbeitsplatz, neigen zu Burn-out und impulsivem Essverhalten, können ihr Aussehen nicht akzeptieren und haben Probleme mit der Emotionsregulation.

Die Erforschung der Auswirkungen sozialer Zurückweisung steht erst am Anfang. Doch schon jetzt mehren sich die Hinweise darauf, dass soziale Zurückweisung als Erkrankungsrisiko bisher unterschätzt und zu wenig beachtet wurde. Forschung und Praxis sind daher aufgerufen, die Auswirkungen von sozialer Zurückweisung und Zurückweisungsempfindlichkeit noch besser zu erforschen und entsprechende Interventionen zu entwickeln.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Bargh J, Shalev I: The substitutability of physical and social warmth in daily life. Emotion, Online first publication, May 23, 2011, doi: 10.1037/a0023527.
2.
Kross E et al.: Social rejection shares somatosensory representations with physical pain. PNAS 2011; 108 (15): 6270–5.
3.
Romero-Canyas R et al.: Rejection sensitivity. In Leary M, Hoyle R (ed): Handbook of individual differences in social behavior. New York: Guilford Press 2009: 466–79.
4.
Ronen S, Baldwin M: Hypersensitivity to social rejection and perceived stress as mediators between attachment anxiety and future burnout. Applied Psychology 2010; 59 (3): 380–403.
5.
Rosenbach C, Renneberg B: Abgelehnt, ausgeschlossen, ignoriert: Die Wahrnehmung sozialer Zurückweisung und psychische Störungen. Verhaltenstherapie 2011; 21 (2): 87–98.
1.Bargh J, Shalev I: The substitutability of physical and social warmth in daily life. Emotion, Online first publication, May 23, 2011, doi: 10.1037/a0023527.
2.Kross E et al.: Social rejection shares somatosensory representations with physical pain. PNAS 2011; 108 (15): 6270–5.
3.Romero-Canyas R et al.: Rejection sensitivity. In Leary M, Hoyle R (ed): Handbook of individual differences in social behavior. New York: Guilford Press 2009: 466–79.
4.Ronen S, Baldwin M: Hypersensitivity to social rejection and perceived stress as mediators between attachment anxiety and future burnout. Applied Psychology 2010; 59 (3): 380–403.
5.Rosenbach C, Renneberg B: Abgelehnt, ausgeschlossen, ignoriert: Die Wahrnehmung sozialer Zurückweisung und psychische Störungen. Verhaltenstherapie 2011; 21 (2): 87–98.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote