THEMEN DER ZEIT

Psychotherapie mit Männern: Was sie wirklich wollen

PP 10, Ausgabe September 2011, Seite 405

Sonnenmoser, Marion

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Männer begeben sich weitaus seltener in Psychotherapie als Frauen. Das liegt nicht nur am Widerstand der Männer, sondern auch am psychotherapeutischen Angebot selbst.

Für Männer scheint es schwieriger zu sein, ein vertrauensvolles Arbeitsbündnis in der Therapie einzugehen. Foto: iStockphoto
Für Männer scheint es schwieriger zu sein, ein vertrauensvolles Arbeitsbündnis in der Therapie einzugehen. Foto: iStockphoto

Männer nutzen psychotherapeutische Hilfsangebote weitaus seltener als Frauen. In den 90er Jahren und Anfang des 21. Jahrhunderts beschäftigte man sich viel mit den möglichen Gründen, und in der einschlägigen Literatur dominierte die „neue Psychologie des Mannes“. Es wurde davon ausgegangen, dass viele Probleme und Störungen, die bei Männern häufiger auftreten als bei Frauen, wie beispielsweise erhöhte Gewaltbereitschaft oder Alkoholabhängigkeit, (mit)verursacht werden durch die Sozialisation und das traditionelle Geschlechtsrollenverständnis von Jungen und Männern. Sie bewirken angeblich, dass das männliche Geschlecht sich leistungs- und wettbewerbsorientiert, dominant, aggressiv und rational gibt, wohingegen es Schwächen oder Beschwerden verschweigt und Hilfe verweigert.

Seit kurzem ändert sich diese Meinung jedoch. Man sieht das Problem nicht mehr nur bei den Männern, sondern auch in den Hilfsangeboten selbst. Zum Beispiel ist der amerikanische Psychologieprofessor Gary Brooks von der Baylor University der Ansicht, dass Psychotherapie für Männer ziemlich unattraktiv sei, weil sie eher auf Frauen als auf Männer zugeschnitten sei. So sei die Mehrzahl der Psychotherapeuten weiblich, aber manche Männer wollten eben lieber „von Mann zu Mann“ ihre Probleme besprechen; zudem würde man in den Sitzungen hauptsächlich reden, viele Männer wollten aber lieber handeln. Herkömmliche Psychotherapie berücksichtige außerdem die männliche Gefühlswelt und den geschlechtsspezifischen Umgang mit Problemen zu wenig und pathologisiere diese sogar, wohingegen sie das weibliche Empfinden und Reagieren als „normal“ betrachte und es Männern als (allerdings unpassendes) Vorbild vorgebe. Dass Männer über ganz eigene Möglichkeiten und Ressourcen verfügten, würde hingegen verkannt.

Der Widerstand vieler Männer gegenüber Psychotherapie macht sie (zumindest zu Beginn einer Therapie) zu schwierigen Patienten. Männer tun sich weitaus schwerer damit, ein vertrauensvolles Arbeitsbündnis mit dem Therapeuten einzugehen als Frauen. Glenn Good, Psychologieprofessor an der University of Missouri, hat sich mit den Haltungen von Männern beschäftigt, die die Zusammenarbeit im Rahmen einer Psychotherapie behindern. Er berichtet, dass Männer glaubten, stets hart, unbeugsam und unabhängig sein und die Kontrolle behalten zu müssen – sich in Abhängigkeit zu einem Therapeuten zu begeben, um Rat zu bitten und Schwächen zuzugeben, widerspreche daher ihrem Selbstbild. Männer seien es außerdem gewohnt, Probleme zu verschweigen und allein klarzukommen. Sich helfen zu lassen, bedeute für sie, an sich zu zweifeln und sich verändern zu müssen, und das sei möglicherweise schmerzhafter, als mit den Problemen in irgendeiner Weise weiterzuleben. Männer seien außerdem misstrauisch gegenüber Psychotherapie, hielten nicht viel von dem „Psychogeschwafel“ und glaubten nicht an die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren.

Was Männer wirklich wollen und brauchen, um Vertrauen zu fassen und eine tragfähige Arbeitsbeziehung aufzubauen, haben die Psychologen Robinder Bedi und Mica Richards von der Western Washington University untersucht. Sie befragten 37 männliche Psychotherapiepatienten, die sich wegen verschiedener psychischer Störungen in Langzeittherapien befanden, und fanden heraus, dass eine zielorientierte Gesprächsführung für die Befragten besonders wichtig war. Dazu zählen unter anderem elementare psychotherapeutische Techniken wie zum Beispiel: das Gesagte zusammenfassen; nach Gedanken und Gefühlen des Patienten fragen, sie entpathologisieren und in eigenen Worten ausdrücken; Vorschläge machen; den Patienten konfrontieren, fordern und ermutigen; sich positiv äußern; nicht nur über Probleme, sondern auch über andere Lebensbereiche sprechen; als Therapeut ehrlich sein und von eigenen Erfahrungen berichten; beim Thema bleiben; den Patienten entscheiden lassen, über was er sprechen will; als Therapeut das Hierarchiegefälle abbauen und sich als Coach oder Mentor darstellen.

Wichtig waren den Männern außerdem Respekt seitens des Therapeuten (Beachtung, freundliche Begrüßung und Höflichkeit), eigenes verantwortungsvolles Verhalten (pünktlich zur Sitzung erscheinen) sowie praktische Ratschläge und Anleitungen.

Laut Good können Psychotherapeuten das Vertrauen von Männern auch dadurch gewinnen, dass sie sich auf Männerthemen spezialisieren und damit werben; potenziellen Patienten vermittle das nämlich das Gefühl, sich in die richtigen Hände zu begeben. Um das Misstrauen von Männern gegenüber Psychotherapie abzubauen, sollten Psychotherapeuten ihren Patienten vorschlagen, es zunächst einmal damit zu versuchen und dann zu sehen, ob es sie weiterbringt. „Männer sollten außerdem dort abgeholt werden, wo sie sich im Hinblick auf ihre Einstellung gegenüber Psychotherapie gerade befinden“, meint Good. Zum Beispiel sollten Therapeuten für die Vorurteile, Ängste und Widerstände von Männern Verständnis zeigen und sie nicht bagatellisieren oder verurteilen. Sie sollten sich wirklich auf die Lebenswelt von Männern einlassen, sie vorsichtig zur Kooperation bewegen und ihnen konkrete Ziele, Handlungsstrategien und Zukunftsperspektiven aufzeigen. Hierbei können Techniken wie etwa die motivierende Gesprächsführung nützlich sein.

Männer sind nach Meinung der Psychologen und Berater Mark Kiselica (College of New Jersey) und Matt Englar-Carlson (California State University-Fullerton) auch deshalb „Psychotherapiemuffel“, weil sie in Psychotherapien oft zu hören bekommen, was sie alles falsch machen und welche Defizite sie haben. Ihnen wird zum Beispiel gesagt, dass sie ihre Gefühle nicht zeigen könnten oder sich deren nicht bewusst wären, dass sie zu wenig Rücksicht nähmen oder zu egoistisch seien. Begründet werden solche Schwächen in der Regel mit der Sozialisation des männlichen Geschlechts.

Die Betonung von Defiziten ist zwar ein verbreiteter, aber dennoch ein destruktiver Ansatz, der Männern jede Motivation nimmt, sich um Änderungen zu bemühen. Im Gegensatz dazu schlagen Kiselica und Englar-Carlson vor, Männer nach den Grundsätzen der Positiven Psychologie zu behandeln und eine „positive Maskulinität“ zu fördern. Männer haben nämlich viele gute Seiten, die als Ressourcen angesehen und in die Therapie eingebunden werden können. Dazu gehört zum Beispiel, sich einzusetzen für andere, tapfer und mutig zu sein und nicht so schnell aufzugeben, für das Wohlergehen anderer zu sorgen, selbstständig zu handeln, mit anderen zusammenzuarbeiten und etwas erreichen zu wollen. Diese Facetten des männlichen Selbstverständnisses gilt es in der Therapie zu aktivieren und für die Therapieziele einzusetzen. Wenn ein Mann beispielsweise von Streitigkeiten mit der pubertären Tochter berichtet, dann sollte er nicht kritisiert, sondern dafür gelobt werden, dass er sich um seine Familie sorgt und sich ein friedliches Zusammenleben wünscht. Dies gibt dem Mann die Bestätigung, nicht völlig falsch zu liegen, sondern im Grunde in Ordnung zu sein. Die meisten Männer können dann Vertrauen fassen und sich öffnen für Gespräche über ihre Gedanken und Gefühle und für konkrete Handlungsvorschläge, zum Beispiel für Erziehungstipps. Dadurch erfährt der Mann, dass er etwas tun kann und nicht nur zum (aus seiner Sicht nutzlosen) Reden verdammt ist. Indem ihm viel Mitbestimmung eingeräumt wird (zum Beispiel über das jeweilige Gesprächsthema oder über die Therapieziele), werden seine Eigenständigkeit gefordert und sein Bedürfnis nach Kontrolle zufriedengestellt. Gespräche über andere Lebensbereiche, die dem Mann wichtig sind und aus denen er Selbstbestätigung gewinnt, Lob für Handlungen, die uneigennützig waren oder die Mut erfordert haben, sowie Humor sind weitere Möglichkeiten, um Männern vorhandene Stärken aufzuzeigen und sie für eine Fortsetzung der Therapie zu gewinnen.

„Die Einbindung Positiver Psychologie und positiver Maskulinität steht nicht in Konkurrenz zu herkömmlichen Methoden, sondern kann in andere Therapien integriert werden“, sagen Kiselica und Englar-Carlson. Sie verstehen ihr Konzept als Vorschlag für eine Verbesserung des psychotherapeutischen Angebots für Männer, das weiterer Erforschung bedarf und vielleicht bald schon auf Resonanz stoßen wird.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

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1.
Bedi R, Richards M: What a man wants. Psychotherapy: Theory Research, Practice, Training, Online first publication, May 23, 2011, doi: 10.1037/a0022424.
2.
Brooks G: Beyond the crisis of masculinity. Washington, DC: APA 2010.
3.
Good G, Robertson J: To accept a pilot? Psychotherapy: Theory Research, Practice, Training 2010; 47(3): 306–15.
4.
Kiselica M: Promoting positive masculinity while addressing gender role conflict. In: Blazina C, Shen-Miller D: An international psychology of men. New York: Routledge 2011, 127–56.
5.
Kiselica M, Englar-Carlson M: Identifying, affirming, and building upon male strengths. Psychotherapy: Theory Research, Practice, Training 2010; 47(3): 276–87.
1.Bedi R, Richards M: What a man wants. Psychotherapy: Theory Research, Practice, Training, Online first publication, May 23, 2011, doi: 10.1037/a0022424.
2.Brooks G: Beyond the crisis of masculinity. Washington, DC: APA 2010.
3.Good G, Robertson J: To accept a pilot? Psychotherapy: Theory Research, Practice, Training 2010; 47(3): 306–15.
4.Kiselica M: Promoting positive masculinity while addressing gender role conflict. In: Blazina C, Shen-Miller D: An international psychology of men. New York: Routledge 2011, 127–56.
5.Kiselica M, Englar-Carlson M: Identifying, affirming, and building upon male strengths. Psychotherapy: Theory Research, Practice, Training 2010; 47(3): 276–87.

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