ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2011Hermann Beland: Revolutionärer psychoanalytischer Denker

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Hermann Beland: Revolutionärer psychoanalytischer Denker

Moser, Tilmann

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Der zweite Band von Hermann Belands gesammelten Aufsätzen ist erschienen, und man darf das Buch in Psychotherapeutenkreisen ein Ereignis nennen. Kein zeitgenössischer deutscher Psychoanalytiker hat so tief in die seelischen Vorgänge der frühesten Kindheit hineingeleuchtet wie er. Aber seine Arbeiten waren nur verstreut aufzufinden in den Fachzeitschriften, dabei ist er durch den ersten Band seiner Arbeiten „Die Angst vor Denken und Tun“ zu einem Klassiker geworden. Keiner hat in den therapeutischen Abgründen von W. Bion und Melanie Klein so gründlich geschürft wie er. Außerdem ist er ein wissenschaftlicher Schriftsteller von hohen Gnaden, bei dem jeder Satz die plausible Brücke zu den nächsten Gedanken bildet, an denen man sich als Leser mit Einsicht und Gewinn entlang- hangeln kann.

Einziger Kritikpunkt: Wer nicht mit den Schriften von Bion und seinen Schülern vertraut ist, kann sich gelegentlich verirren in den neuen Begriffsschöpfungen des revolutionären psychoanalytischen Denkers.

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Was Beland auszeichnet, sind nicht nur die Theorie und die Behandlungspraxis für das leidende Individuum, sondern die Übertragung seines Denkens auf die Analyse großer Gruppen und ganzer Nationen. Er war führend beteiligt an den Diskussionsgruppen zwischen israelischen und deutschen Psychoanalytikern und mit der Aufarbeitung der psychodynamischen Vorgänge in großen, von destruktiver und wahnhafter Aggressivität getragenen Kollektiven. Die Psyche der Deutschen wie das psychologischen Innenleben der psychotherapeutischen Verbände oder die Seelenverwirrung von Kirchen – den ehemaligen Theologen haben besonders abwegige Entwicklungen schon im frühen Christentum gefesselt – sind ein Lebensthema geworden.

Hervorgehoben seien nur die Aufsätze zum Neid als universeller, sei es destruktiver oder Wachstum fördernder Kraft, die Arbeit über „Religion und Gewalt“, die politische Deutung des „Erlkönigs“ von Goethe oder die „Todesangst am Anfang des Lebens“ neben den „regulativen Strukturen des psychischen Systems“. Beland ist ein Kenner von Literatur und Mythologie; die griechischen Tragödien werden zu Fundquellen unerwarteter und umwälzender Einsicht. Er diskutiert Freuds Todestriebtheorie neu und verknüpft sie kreativ mit den Traumata, die er mit dem Titel seiner Bandes „unaushaltbar“ nennt: Sie werden abgespalten und treiben ihr schwer durchschaubares Unwesen noch in den späten Verwirrungen und Leiden des Erwachsenen. Sie stellen den Psychotherapeuten vor große Herausforderungen, am deutlichsten aufgezeigt in der Arbeit über den Umgang mit den sogenannten Vorwurfspatienten, die frühe Rachefantasien für erlittenes Kinderunrecht neu und ins Unkenntliche verwandelt gegen den Analytiker richten, der Mühe hat, sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren.

Beland hat die Rezeption der zunächst schwergängigen Einsichten von Melanie Klein, W. Bion und H. Rosenfeld gefördert und manches Dogma unreflektierter Freud-Nachfolge aus den Angeln gehoben.

Auch erfahrenen Psychoanalytikern bietet Beland neue Zugänge zu früheren, zum Teil überholten Behandlungstechniken, die durch das Übersehen der frühesten Traumata zu überlangen oder sogar schädlichen Analysen führen konnten. Man darf sein Denken wie sein Lehren durchaus für die deutsche Psychoanalyse als segensreich bezeichnen. Er hat als Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung den Bereich des Denkbaren und des Thematisierbaren erweitert und damit vielen Patienten geholfen, den „genügend guten“ Psychotherapeuten zu finden. Tilmann Moser

Hermann Beland: Unaushaltbarkeit. Psychoanalytische Aufsätze II zu Theorie, Klinik und Gesellschaft. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011, 500 Seiten, kartoniert, 46,90 Euro

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