THEMEN DER ZEIT

Sexueller Kindesmissbrauch: Zum Stand von Forschung und Therapie

Dtsch Arztebl 2011; 108(37): A-1898 / B-1619 / C-1606

Sigusch, Volkmar

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Die infantile Sexualität ist in unserer Kultur eines der letzten großen Tabus. Die Verletzungen der Kinder sind so different wie die Formen des Missbrauchs.

Foto: iStockphoto
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Zu ihrer Leidensgeschichte haben sich im vergangenen Jahr einige Betroffene sexueller Übergriffe in geschlossenen Anstalten öffentlich bekannt. Das war ein individueller und kultureller Befreiungsschlag. Wie gewaltig müssen die Gefühle der Scham und des Ekels, wie groß müssen Angst und Isolation gewesen sein, dass nicht einmal „sexuelle Revolutionen“ sie hinwegfegen konnten. Eindrucksvoll die Kartelle des Schweigens, wenn es um Missbrauch in angesehenen kulturellen Einrichtungen geht, ob nun katholische oder reformpädagogische. Entscheidend war und ist offenbar, dass es sich in beiden Fällen um geschlossene Anstalten handelt, die wie Wagenburgen organisiert sind, nach außen abgeschottet und nach innen eine familienähnliche verschworene Gemeinschaft. Und die Familie darf nicht verraten werden.

Die Missbrauchsfälle, die jetzt aufgedeckt worden sind, stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was jahrein, jahraus in unserer Kultur an sexuellen Übergriffen geschieht. Nach allen Daten, die vorliegen, erfolgen die meisten sexuellen Übergriffe nicht durch Fremde, sondern durch Verwandte, Freunde und Bekannte. Auch kann nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden, dass unsere Sexualität in einem erschreckenden Ausmaß nicht nur unbewusst mit Destruktivität legiert ist, sondern dass sich diese Destruktivität in vielen „normalen“ Familien als offene Gewalt manifestiert.

Denn kulturell vorausgegangen ist dem erst jetzt erfolgten Befreiungsschlag in den 80er Jahren im Zuge der „neosexuellen Revolution“ ein Gewaltdiskurs, dem eine eigene Materialität zukommt. Vor allem angestoßen vom politischen Feminismus, schied damals eine kulturelle Dissoziation die alte Sphäre der Libido von der alten Sphäre der Destrudo. Durch diesen Prozess wurde die aggressive und trennende Seite der Sexualität von der zärtlichen und vereinigenden so gründlich abgelöst, bis jene diese uniform überblenden konnte. Die einen historischen Moment lang als „rein“ imaginierte Sexualität wurde wieder manifest „unrein“. Die Schatten, die Angst, Scham und Schuldgefühle werfen, wurden so dunkel und breit, dass viele Frauen und folglich auch Männer kein Licht mehr sahen. Gefühle der Nähe, der Zärtlichkeit, der Exzitation und des Wohlseins drohten in einem diskursiven Affektsturm aus Hass, Wut, Bitterkeit, Angst und Furcht zu ersticken. Die Stichworte, die wir alle kennen, lauteten und lauten: sexuelle Gewalt gegen Frauen, Inzest, Vergewaltigung, frauenverachtende Pornografie, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und so weiter. Auch durch diesen Prozess hat das Sexuelle in unserer Kultur deutlich an positiver symbolischer Bedeutung verloren. Es ist nicht mehr die große Metapher der Transgression, des Rausches und des Glücks.

Auswirkungen unterschiedlich

Unverantwortlich ist es, eine generalisierende Antwort zu geben, wenn es um die Schäden für die Kinder geht. Denn die Auswirkungen reichen von einer seelischen Traumatisierung, die das ganze Leben des Opfers vergällt, bis hin zu Erfahrungen, von denen diejenigen, die sie gemacht haben, als Erwachsene sagen, sie hätten ihnen in ihrer familiären oder familienlosen Situation geholfen, weil sie keinen anderen Schutz gehabt hätten, weil sie anderen Kindern vorgezogen und umsorgt und geliebt worden seien. Das Stück Sex, das sie eher eklig fanden, hätten sie ihrem großen Freund „geschenkt“. Ob ein Kind geschädigt wird, hängt sehr davon ab, in welcher sozialen und seelischen Verfassung es mit welcher Vorgeschichte in welchem sozialen Umfeld in eine Beziehung zu einem Missbrauchstäter gerät.

Den psychosozialen Abhängigkeitsfallen pädophiler Männer können sich Kinder aus eigener Kraft nicht entziehen. Foto: Steve Vowles/SPL-Agentur Focus
Den psychosozialen Abhängigkeitsfallen pädophiler Männer können sich Kinder aus eigener Kraft nicht entziehen. Foto: Steve Vowles/SPL-Agentur Focus

Da es nicht den sexuellen Missbrauch oder das Missbrauchs-Opfer gibt, muss differenziert werden: Geht es um sexuelle Traumatisierungen durch Familienangehörige oder durch Fremde? Sind die sexuellen Misshandlungen mit körperlichen verbunden? Oder geht es um eine vorzeitige Sexualisierung, bei der auf konkrete Handlungen fixierte Modelle des „Missbrauchs“ ins Leere greifen, Modelle, die das seelische Trauma und damit die Fantasietätigkeit fahrlässig unterschätzen? Oder liegen fahrige, sexuell zu interpretierende Berührungen verwirrter alter Männer vor, die nicht skandalisiert wurden und die Heranwachsende auch deshalb nicht traumatisierten? Oder handelt es sich um sexuelle Traumatisierungen durch pädophile Männer, deren psychosozialen Abhängigkeitsfallen sich Kinder aus eigener Kraft nicht entziehen können? Oder geht es um erotisch-sexuelle Beziehungen zu erwachsenen Frauen oder Männern, die den Heranwachsenden nach deren eigenem Zeugnis im Erwachsenenalter mehr genutzt als geschadet, mehr gegeben als genommen haben? Und schließlich: Liegen Gewalttaten bis hin zum Mord vor, die wiederum sehr differente Ursachen haben können wie das Auseinanderfallen von sexuellen und destruktiven Impulsen, die unbewusste Abwehr von verpönten Wünschen und Ängsten, das Entgleisen einer sadomasochistischen Perversion, die sekundäre Sexualisierung einer Aggression, das dissoziale Erzwingen einer sexuellen Handlung und so weiter?

So wie es nicht das Missbrauchs-Opfer gibt, so gibt es auch nicht den Missbrauchs-Täter. Beispielhaft seien hier einige Tätertypen genannt. Zunächst der Mann aus der Nachbarschaft, der, oft alkoholisiert, in gestörten sozialen Verhältnissen Kinder missbraucht, ohne pädophil zu sein. Dann gibt es den Inzesttäter, also zum Beispiel einen Vater oder Bruder. Ein weiterer Tätertyp ist der pubertierende Junge, der seine ersten sexuellen Erfahrungen an kleineren Kindern vollzieht, oder der behinderte Jugendliche oder Erwachsene, für den Kinder „angemessenere“ Sexualpartner sind als Gleichaltrige. Dann gibt es den sexuell unreifen Priester, der die ihm fehlenden seelenbildenden „Doktorspiele“ gewissermaßen durch seelenzerstörende „Seelsorgerspiele“ ersetzt. Und es gibt den überreifen Reformpädagogen, der die Winde einer „sexuellen Revolte“ schamlos parasitär nutzt. Ferner gibt es den psychisch kranken Erwachsenen, der, zum Beispiel durch eine Geisteskrankheit enthemmt, Kinder sexuell attackiert. Ein weiterer Tätertyp ist der neosexuelle Sextourist, der sich Mädchen oder Jungen in bitterarmen Ländern zu sexuellen Diensten kauft, weil nun einmal alles in dieser Welt käuflich sei. Zu erwähnen ist auch der situativ reagierende Erwachsene, Mann wie Frau, der in einer erotisch einzigartig aufgeladenen Begegnung mit einem Kind oder Heranwachsenden seine vorhandenen moralischen Skrupel in seiner sexuellen Gier untergehen lässt, oder der altersabgebaute Mann, der in seinem bisherigen Leben sexuell vollkommen unauffällig war, sich jetzt aber enthemmt an Kindern vergreift, oder der sexuell-amorphe Erwachsene, Mann wie Frau, für den Geschlecht und Alter des sogenannten Sexualobjekts drittrangig bis gleichgültig sind, weil bei ihm kein fixes persönliches erotisch-sexuelles Reaktionsmuster vorliegt oder weil er in zwischenmenschlichen Beziehungen kaum Gefühle entwickelt, ferner der polymorph-perverse Mann, bei dem sich die sexuellen Handlungen nicht nach den abgegrenzten Klassifikationsrastern Fetischismus, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie und so weiter festlegen lassen. Und schließlich gibt es den Pädophilen, treffender gesagt: den Pädosexuellen, der ausschließlich Kinder begehrt, die noch nicht in die Phase der Pubertät eingetreten sind.

Bedrohliche Pädophilie

Durch die „neosexuelle Revolution“ der letzten Jahrzehnte sind viele vordem als pervers angesehene Praktiken in ein mildes öffentliches Licht gerückt worden – nicht aber die Pädophilie. Sie ist eines der letzten sexuellen Tabus, weil die kindliche Sexualität bei uns tabu ist. Der letzte Grund, warum wir Pädophilie als bedrohlich wahrnehmen, sind unsere Vorstellungen von Kindheit als dem letzten Refugium von Vertrauen, Sicherheit und unschuldiger Liebe. Historisch ist die Emotionalisierung des Familienlebens seit dem 19. Jahrhundert zu bedenken, die die Familienmitglieder auf sexuelle Distanz brachte und das Inzesttabu zementierte. Noch zur Zeit der deutschen Klassik jedoch hat sich niemand darüber aufgeregt, wenn zum Beispiel ein Gelehrter, den wir immer noch verehren, mit einem aus heutiger Sicht minderjährigen Mädchen sexuell verkehrte oder es heiratete. Solange die Existenz einer kindlichen Sexualität nicht anerkannt ist, so lange kann über sie nicht vernünftig gesprochen werden. Immer noch streiten sich Fachleute, ob es so etwas wie infantile Sexualität überhaupt gibt. Tatsächlich aber zeigen schon kleine Kinder sexuelle Reaktionen bis hin zum Orgasmus, bei Jungen vor allem Erektionen, bei Mädchen Vaginallubrikationen, auch wenn diese Reaktionen nicht durch Fantasien wie bei Erwachsenen hervorgerufen worden sind, sondern sich reflektorisch ereignen.

Heute hat bei uns die sexuelle Selbstbestimmung dank „sexueller Revolutionen“ einen hohen Rang. Über diese reflektierte Selbstbestimmung verfügt ein vorpubertäres Kind aber noch nicht. Da ein vorpubertäres Kind noch nicht einmal weiß, was Liebe und Sexualität sind, was sie bedeuten, was sie symbolisieren, wie sie von anderen Menschen gesehen und gelebt werden, kann auch nicht von sexueller Selbstbestimmung die Rede sein. Allein aus diesem Grund ist das Verhältnis eines Pädosexuellen zu einem Kind auf Sand gebaut, drastischer gesagt: auf eine (Selbst-)Täuschung des Erwachsenen. Eine behauptete „Einvernehmlichkeit“ zwischen dem Kind und dem Pädosexuellen gründet entweder auf der sozial prekären Lage des Kindes oder auf den Einfühlungs- und Verführungskünsten des Erwachsenen. Ohne derartige ebenso besondere wie verfängliche Umstände ist kein Kind bereit, mit einem Erwachsenen solche ekligen Dinge zu tun. Zwischen der kindlichen Sexualität und der eines Erwachsenen klafft ein unüberwindbarer Abgrund, der nur durch mehr oder weniger erkennbare Gewaltanwendung und Machtausübung überwunden werden kann – mit den bekannten Folgen.

Tragische Täter

Das Verhalten pädophiler und pädosexueller Männer ist sehr different. Es reicht von der sexuellen Abstinenz über die ungenitale Liebe und Fürsorge, die einem Kind guttut, bis hin zur Fetischisierung des kindlichen Körpers ohne weitere Ansprüche an die kindliche Person und, wenngleich sehr selten, bis hin zur Vergewaltigung eines wehrlosen Kindes. Ein Mensch, der pädophile Neigungen hat, kann so wenig dafür, wie der, der erwachsene Frauen begehrt. Außerdem hat sein Begehren die seelische Funktion, einen unbewussten Konflikt einzudämmen oder abzuwehren, der den Zusammenhalt seiner Person bedroht, beispielsweise durch schwere Depressionen. In einer wirklich liberalen Gesellschaft könnte auch der Pädophile offen zu seinem Begehren stehen; es auszuleben, könnte aber selbst dann nicht toleriert werden. Erkannt würde jedoch die Tragik dieser Menschen, die ein Leben lang trotz greifbarer Nähe auf das verzichten müssen, was ihnen im Leben am liebsten ist. Pädophilie heißt ja, dieser Mensch fühlt sich nur wohl, fühlt sich nur geborgen, wenn seine mehr oder weniger unbewusste Sehnsucht nach der eigenen als verloren erlebten Kindheit durch das kindliche Leben mit Kindern erfüllt wird.

Bei Therapien geht es für die Betroffenen ums Überleben und nicht um die Auflösung eines begrenzten Konfliktes aus der Kindheit, den man erinnern kann. Es geht um fixierte Vorlieben oder entfaltete Perversionen, die die Person zusammenhalten. Alle Therapeuten stehen also vor einer gewaltigen Aufgabe. Ihre Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Die einen berichten, dass sie nach Strich und Faden belogen worden seien, wie gleichzeitig stattfindende polizeiliche Durchsuchungen bei den Patienten ergeben hätten. Andere sagen, dass die Patienten keinerlei Einsicht in ihr inakzeptables Verhalten gezeigt hätten. Wieder andere teilen mit, dass ihre Patienten in schwerste Depressionen mit einer Tendenz zum Zusammenbruch der gesamten Person gefallen seien. Dass Pädophile durch eine Therapie darauf verzichten, ihre sexuellen Wünsche zu realisieren, gehört eher zu den Glücksfällen. Ein solcher kann eintreten, wenn der Patient über eine hohe Moralität oder Religiosität verfügt, sozial gehalten ist und sein sexuelles Begehren keinen suchtartigen Verlauf genommen hat.

Weil unsere Kultur keine Ars erotica hervorgebracht hat, weil bei uns nicht Eros, sondern nach wie vor Anteros herrscht, wird vergessen: Die Sinnlichkeit, die sich zwischen einem Kind und einem Erwachsenen spontan entfaltet, ist etwas Wunderschönes. Nichts vermag intensiver an die Paradiese der Kindheit zu erinnern. Nichts ist reiner und harmloser als diese Erotik des Leibes und des Herzens. Im Grunde ist nichts humaner. Alle Erwachsenen, die sinnlich lieben, versuchen unwillkürlich, wieder zu Kindern zu werden. Sie ahnen, dass sie sich nur dann erotisch begegnen können, wenn sie die Kalkulationen der Erwachsenenwelt hinter sich lassen. Die kindliche Erotik ist aber nicht nur voller Wonnen, sie ist auch notwendig. Sie ist eine Bedingung der Möglichkeit der Menschwerdung. Als wesentliche Quelle der Individuation tariert sie Nähe und Distanz aus und jene Gefühle, ohne die Liebe unmöglich ist: Wohllust und Wollust, Vertrauen in sich selbst und in andere. Wer nie im Paradies der kindlichen Erotik gelebt hat, wird sich nur sehr mühsam in einen anderen Menschen einfühlen und sich selbst der Drangliebe ohne Angst überlassen können. Ein solches Menschenkind wird oft grau, starr und stumpf. Ihm fehlt der Glanz im Auge und in der Seele. Wird die kindliche Erotik vorzeitig sexualisiert, wächst die Gefahr, dass Sinnlichkeit im Erwachsenenalter plötzlich in Destruktivität umschlägt, weil dieser Mensch nie gelernt hat, mit den Erregungen, Versagungen und Aggressionen umzugehen, die Liebe und Sexualität immer begleiten.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2011; 108(37): A 1898–1902

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. habil. Volkmar Sigusch,
Direktor em., Institut für Sexualwissenschaft im Klinikum der Goethe-Universität Frankfurt,
jetzt: Praxisklinik Vitalicum am Opernplatz,
Neue Mainzer Straße 84, 60311 Frankfurt am Main,
sigusch@em.uni-frankfurt.de


Aktualisierte und stark gekürzte Fassung sexualwissenschaftlicher Thesen, die in der Zeitschrift für Sexualforschung 2010 im Georg Thieme Verlag Stuttgart und New York erschienen sind.

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